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Wenn der Rausch zur Sucht wird

Dem Rausch und seinen Folgen geht das Bernische Historische Museum (BHM) mit einer Wanderausstellung auf den Grund. Mit einem vielseitigen Rahmenprogramm für Jugendliche und Erwachsene werden Chancen und Risiken des Phänomens aufgezeigt. Auch die Suchtgefahr.

Die Faszination für euphorisierende Zustände ist ein Phänomen, das alle Epochen und Gesellschaftsschichten durchdringt. Umgekehrt stellen die damit verbundenen Risiken eine grosse Herausforderung dar. Dieser Gratwanderung und unserem ambivalenten Verhältnis zum Rausch widmet das BHM 2023 eine spannende Ausstellung. Denn: Sich zu berauschen, scheint ein urmenschliches Bedürfnis zu sein.

Was macht uns Menschen ruhig, was aktiv, was emotional? Die Ausstellung geht den Gefühlen auf den Grund.

In fremden Kulturen werden Rauschmittel seit Jahrtausenden für spirituelle Rituale oder medizinische Zwecke eingesetzt. Die Ekstase und ihre Folgen werden dort gesellschaftlich anerkannt. In unseren Breitengraden sind Alkohol und Tabak die beiden gesellschaftlich tolerierten Rauschmittel. Cannabis, Heroin und Kokain werden in breiten Bevölkerungskreisen immer noch geächtet. Doch der Rauschbegriff wird in der Berner Ausstellung viel umfassender beleuchtet: Wir suchen ihn in Mutproben (Fallschirmsprung, Skydiving) und im Sport (Formel 1), in der Musik und Tanz, in der Liebe, in der Spiritualität, in der Kunst oder im Konsum exklusiver Produkte. Sogar Kinder versetzen sich im Spiel auf der Drehschaukel gelegentlich in einen leicht berauschenden Zustand.

Persönliche Sinnesübungen

Im Eingangsbereich erhalten die Besuchenden Gelegenheit zu ganz persönlichen Sinnesübungen: Wie wird die eigene Wahrnehmung visuell, akustisch, kognitiv beeinflusst? Ein Rausch ist immer ein subjektiv empfundenes Erlebnis, das von einem übersteigerten Glücksgefühl bis hin zur Ekstase gehen kann. Die Wanderung durch die Ausstellung führt durch sieben einzeln inszenierte Erlebnisräume, ermöglicht unterschiedliche Zugänge und bietet Jugendlichen wie Erwachsenen die Chance zur Aufklärung, ohne den Rausch zu verherrlichen oder zu verteufeln.

Wie wirken Rauschmittel auf das menschliche Gehirn?

Aus medizinischer Sicht wird ein Rausch als Intoxikation und damit als Vergiftungszustand bezeichnet. In der Psychiatrie spricht man von geistiger Verwirrung oder Verwirrtheit. Biologisch/neurologisch betrachtet sind Rausch und Ekstase Ausnahmezustände des zentralen Nervensystems. Durch die Freisetzung von Botenstoffen wie zum Beispiel Dopamin oder endogene Opioide im Gehirn wird die Hirnchemie verändert. Das Bewusstsein und die Wahrnehmung der Umgebung werden zeitweise stark verändert.

Albert Hofmanns Velofahrt

Hofmanns Skizze von seiner berühmten Velofahrt. Foto PS.

Albert Hofmann hat dies durch Einnahme von LSD im April 1945 wissenschaftlich dokumentiert. Die Dosis war aber viel zu hoch, die Wirkung so stark, dass er den Selbstversuch im Labor abbrechen musste. Die Wirkung des Rauschmittels dauerte an, als er anschliessend mit dem Velo nach Hause fuhr.  «Ich hatte das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen», schrieb Hofmann in sein Laborjournal. Mit ihm fuhr eine Laborantin. Sie hatte einen ganz anderen Eindruck und berichtete, Hofmann sei «ein scharfes Tempo gefahren». In der Ausstellung kann man die Fahrt des Pharmapioniers auf dessen Fahrrad in einer Videosimulation nacherleben.

Der Geschichte des Rausches ist ein weiterer Teil der Ausstellung gewidmet. Alkohol und Tabak spielen dabei eine dominierende Rolle. Thematisiert werden aber auch die Spielsucht, die Sucht nach teuren Kleidern, schnellen Autos, Softdrinks, exklusivem Wein. Die Werbung setzt bei der Vermarktung bewusst «berühmte Köpfe» ein, die zum Konsum verführen. Thematisiert wird auch die Suchtgefahr der digitalen Welt (Handy und Internet).

Der Rausch wird in der Werbung und in den sozialen Medien stark kommerzialisiert.

Nach einem Besuch im «Tempel des Rauschs», der Suchtmittel, Objekte und Rituale fremder Kulturen aufzeigt, lädt ein Pausenraum mit Hängematten zur Erholung ein. Hier sind Reflexionen über das Gesehene und Gehörte erlaubt: Ein Erlebnis fernab der Screens ermöglicht Fragen und das Nachdenken über Antworten: Was genau ist Rausch? Warum streben wir nach ekstatischen Gefühlen? Was fasziniert uns daran?

Verantwortung von Elternhaus und Schule

Das letzte Ausstellungsmodul ist der Prävention gewidmet. Hier werden die Grenzen zwischen Medikamenten und Suchtmitteln erklärt. Wie kommt man von einer Sucht los? Wer klärt wo auf? Wer finanziert die Informationen? Nachdenklich stimmt eine Inschrift von Betroffenen an der Wand: «Das Thema Rausch wird in der Schule viel zu wenig behandelt.»

«Das Thema betrifft uns alle. Wir möchten eine Plattform bieten, um Diskussionen am Puls der Zeit zu führen», wird Museumsdirektor Thomas Pauli-Gabi in einer Medienmitteilung zitiert. Die Wanderausstellung von «Expoforum» entstand in Zusammenarbeit mit dem BHM, dem Tabakpräventionsfonds, dem Bundesamt für Gesundheit und «Jugend und Medien», einem «Sounding Board» von dreissig ausgewiesenen Fachleuten sowie unter Einbezug von Jugendlichen. Letztere haben während eines Jahres wöchentlich die Ausstellungsinhalte und deren Umsetzungen beurteilt. Auch bei wichtigen Entscheidungen wurden sie beigezogen.

Während der Konzeption wurde deutlich, dass «die Jugend» bei Weitem nicht homogen ist. Nur bei der Frage, mit welchem Medium sie durch eine Ausstellung geführt werden wollen, waren sich alle einig: «Sicher nicht mit dem Handy. Wir wollen im Museum ein echtes sinnliches und räumliches Erlebnis bekommen,» hiess es.

Breites Rahmenprogramm

Die Berner Ausstellung regt dazu an, sich mit dem widersprüchlichen gesellschaftlichen Umgang mit Rauschzuständen auseinanderzusetzen und dabei das eigene Verhalten zu reflektieren. Simon Haller, Kurator und Geschäftsführer von «Expoforum», erklärte zu seinen Motiven: «Die Inspiration für die Ausstellung war eine ganz persönliche Herausforderung, nämlich: Wie gehe ich bei meinen Kindern das Thema Rausch unverkrampft an?» Er habe bald gemerkt, dass dies nicht nur für ihn, sondern für viele Eltern und Lehrpersonen schwierig sei.

Ein Ruheraum lädt zu Erholung und Reflexion ein.

Entsprechend breit ist das Rahmenprogramm: Vom gemütlichen Couch-Gespräch bis zur «Rush Hour», zusammen mit dem Berner Kammerorchester und dem Berner Schriftsteller Pedro Lenz, lässt das BHM das Fokusthema mit musikalischen und poetischen Interventionen erklingen. Ebenso steht die diesjährige Ausgabe des Formats «Museumsbier» von Januar bis März im Zeichen von Rausch: Sie lädt nicht nur zum «Fyrabebier», sondern auch zu kurzen Inputs von Kuratoren und Kuratorinnen ein.

Ab Ende März wird die Veranstaltungsreihe «Ein Abend im Museum» weitergeführt. In Zusammenarbeit mit Fachleuten und lebenserfahrenen Personen finden an sieben Mittwochabenden Vorträge und Diskussionsrunden statt. Jugendliche und Jugendgruppen sind an ausgewählten Freitagabenden während der «Rush Hour» eingeladen, bis 21 Uhr die Ausstellung zu besuchen.

Titelbild: Die Ausstellung bildet den Kern des Fokusthemas «Rausch», dem sich das BHM 2023 widmet. Alle Fotos BHM / Stefan Wermuth

LINK Bernisches Historisches Museum

Die Wanderausstellung ist bis zum 13. August 2023 in Bern zu sehen. Ab Oktober in Basel.

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