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Wie Medien berichten

Medien galten einst als vierte Gewalt im Staat. Welcher Stel­lenwert ihnen heute zukommt, ist zu untersuchen. Am 27. Januar diskutierten drei erfahrene Medienleute miteinander darüber, wie sich die Medienlandschaft verändert. Sie taten dies im Rahmen der Gesprächsreihe Für eine friedliche Zukunft im Sissacher Kultur-Bistro Cheesmeyer. Als meine Gäste wirkten der langjährige TV-Moderator Ueli Heiniger, die SRG-Ombudsfrau Esther Girsberger und der Tages-Anzeiger Redaktor Philipp Loser mit.

«Was wir schreiben, was wir senden, wer zu Wort kommt, wer nicht»; das ist laut Journalist und Historiker Philipp Loser in den vergangenen Jahren viel bedeutsamer geworden. «Nicht weil wir bedeutsamer schreiben oder bedeutsamer senden, sondern, weil es immer weniger sind, die das überhaupt noch tun können.» Die Konzentration der überregionalen Medien bedeute für die Medienschaffenden mehr Verantwortung. Und ihr gerecht zu werden, sei eine von vielen Schwierigkeiten im modernen Journalismus – und in der Demokratie.

«Ich habe gelernt, dass es nicht leicht ist, auf dieser Welt den Durchblick zu behalten», so Ueli Heiniger. Er leitete von 1990-2006 den (Zischtigs-)Club und davor die Sendung Medienkritik, die es damals noch mit dem Verständnis gab, auch darauf zu achten, wie Medien die Politik kontrollieren. Inzwischen politisieren viele Medien wieder vermehrt selbst. Vor neunzig Jahren dominierte der Freisinn rund die Hälfte der Medien, die Christliche Volkspartei einen Fünftel und die Sozialdemokratie einen Zehntel.

Laut Heiniger verfügt die Schweiz heute zwar unbestritten über freie Medien. Die abnehmende Vielfalt an Medien und Meinungen bereitet ihm jedoch erhebliche Sorgen. Der Medienprofi mag durchaus «Journalisten mit einer klaren Haltung». Er erwartet von ihnen aber Unabhängigkeit, Neutralität und Selbstkritik. «Nicht moralische Belehrung, sondern Stoff zur eigenen Meinungsbildung.» Dass viele Junge vornehmlich soziale Onlinemedien nutzen und kaum mehr politische Zeitungsartikel lesen, sieht der ausgebildete Pädagoge als «Gefahr für die Meinungsbildung in der Demokratie». Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich weist diesen Befund im aktuellen Jahrbuch Qualität der Medien aus.

Soziale Medien ermöglichen zwar, sich einfacher und direkter öffentlich kund zu tun, räumt Esther Girsberger ein. Das ist für Jung und Alt attraktiv. Aber so bilden sich auch Blasen und selbst bestätigende Communities, in denen sich Fake News verbreiten und Teil- oder Unwahrheiten verhärten. Und ja, zentralisierte Redaktionen bündeln ihre Angebote und publizieren heute dieselben Texte im Mantelangebot der diversen Medien, die zum Verbund gehören.

Grundlegende politische und kulturelle Inhalte kommen dabei zu kurz. Sie schmälern sich sogar bei öffentlich-rechtlichen Medien. Bei der SRG fragt sich beispielsweise, wie sie die Lebenswirklichkeit junger Menschen stärker berücksichtigen kann, ohne ihr älteres Publikum zu vergraulen? Laut der Juristin Girsberger zeigen indes «unzählige Studien klar auf, wie Service-public-Medien eine kommunikative Infrastruktur bieten, von der wir alle profitieren». Sie bilden, um Ausgewogenheit bemüht, «einen messbaren Mehrwert für die Gesellschaft»; wobei die Themenauswahl «relevanter sein sollte, als sie es gegenwärtig ist».

Nun, Medien sind selbst einem Geld getriebenen gesellschaftlichen Wandel unterworfen, den sie kritisch reflektieren sollten. Und Medien nehmen ihre Macht auch mit dem wahr, was sie verschweigen. Jüngste «Rudel-Schlagzeilen» zu den Corona Leaks zeugen davon. Sie verbargen zunächst, dass der ehemalige Kommunikationsverantwortliche des angeprangerten Bundespräsidenten in keine Untersuchungshaft musste. Das sprachen am Cheesmeyer-Talk mehrere Voten aus dem Publikum an. Im Vordergrund stand die Forderung nach breit abgestützten Medien, die, weniger auf Klicks erpicht, differenziert und (ethisch) fundiert informieren.

Das Bistro Cheesmeyer ist jeweils gut besetzt, wenn Soziologe Ueli Mäder (links im Bild) zum monatlichen Friedensgespräch bittet. Diesmal war kein Stuhl mehr frei, als (von links) Ueli Heiniger, Esther Girsberger und Philipp Loser über Medien und Journalismus diskutierten. Foto: © Andreas Schwald

Titelbild: Ueli Mäder. Foto: © Christian Jaeggi

Wie ein ethisches Denken und der Blick ins Weltall eine friedliche Zukunft fördern können, erörtern die Philosophin Annemarie Pieper und der Astronom Roland Buser am Donnerstag, 23. Februar 2023 um 19 Uhr beim nächsten Friedensgespräch mit dem Titel «Was tun Philosophie und Astronomie für den Frieden», geleitet von Ueli Mäder, im Kultur Bistro Cheesmeyer, Sissach. Musikalische Begleitung: Jan-Andrea Bard.

Hier gibt es das «Jahrbuch 22 Qualität der Medien» zum herunterladen

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