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Wortspieler und Freunde

Sie haben ein grosses Grundvertrauen ineinander und funktionieren bestens auf der Bühne als Komiker-Duo. Doch Ursus & Nadeschkin haben nicht viel Gemeinsamkeiten, ausser dass sie beide an einem Mittwoch geboren sind. Freunde fürs Leben sind sie dennoch.

Auf den ersten Blick handelt es sich um das populärste Komiker-Duo der Schweiz. Doch beim genaueren Hinsehen sind es nicht nur zwei verschiedene Bühnenfiguren – Ursus und Nadeschkin. Sondern zwei Persönlichkeiten mit je unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichem Leben und unterschiedlichen Charakteren. So muss, wer das Bühnenpaar Ursus & Nadeschkin porträtiert, im Grunde genommen vier Personen bzw. Charaktere würdigen.

Urs und Ursus

Das macht es kompliziert. So kompliziert, dass man Urs Wehrli aufbieten müsste. Schliesslich hat er mit mehreren Büchern gezeigt, wie man Kunst aufräumt, indem man bekannte Bilder zerschneidet und sie dann neu und geometrisch geordnet wieder zusammensetzt. Oder er hat seine Fähigkeiten bewiesen, indem er einen Parkplatz voller Autos nach Farben und eine Buchstabensuppe nach Buchstaben in Ordnung gebracht hat. «Ich bin zwar schon manchmal etwas pingelig, aber Nadja ist womöglich noch pingeliger».

Würden wir jetzt der Angesprochenen das Wort erteilen, wäre es mit der Ordnung vorerst vorüber, denn sie würde widersprechen und erklären, dies sei halt ihr ausgesprochener Gerechtigkeitssinn. Oder so.

Deshalb bleiben wir noch rasch bei Ursus und beginnen ganz vorne: Urs erblickt das Licht der Welt am 13. August 1969 in Aarau; es ist ein Mittwoch. «Gutbürgerlich und unspektakulär» wächst er zusammen mit drei Geschwistern auf, macht bei der Pfadi mit und beim Fussball. Später möchte er gemäss eigenen Aussagen einmal «Grossmutter werden, dann Italiener und selbstverständlich Profifussballer». Deutlich pragmatischer lernt er schliesslich Schriftsetzer.

Nadja und Nadeschkin

Ebenfalls an einem Mittwoch, dem 22. Mai 1968, wird Nadja Sieger geboren. Weil die Mutter die Familie früh verlässt, werden sie und ihre Schwester von einer Haushälterin und dem Papi erzogen. Nadja möchte später einmal in einen Zirkus. «Salto Mortale», die Soap einer Artistenfamilie, die damals im TV lief, habe sie komplett in Bann gezogen, wie sie sagt: «Ich war ein Fan von Sascha (Horst Janson) und ich war fasziniert von dem, was im Backstage passierte». Nadja Sieger absolviert dann schliesslich das Gymnasium, nimmt gleichzeitig Theaterunterricht.

Mit dem Einrad zum Duo

Bahnhof Basel, irgendwann im Sommer 1987. Weil sich Urs und Nadja beide zufällig für den gleichen Sommer-Zirkus-Feriencamp für Jugendliche im deutschen Wiesbaden angemeldet haben, wollen sie gemeinsam dahinfahren. Ihr Erkennungszeichen: das Einrad. Und weil der Kurs ziemlich langweilig ist, schwänzen die beiden und zeigen auf Wiesbadens Fussgängerzonen das, was sie schon können: Einrad fahren, Jonglieren, Pantomime, Tanzen und dergleichen. Und zwar ohne Worte. Auf diese Weise entsteht eine erste Nummer von Ursus & Nadeschkin.

Das Sprechen kommt später dazu. Nadja berichtet, weshalb: «Wir haben auf drei Kasettli Musik aufgenommen, welche zu unseren Programmen gelaufen sind. Als einmal das mittlere Kasettli fehlte, mussten wir improvisieren und die fehlende Musik mit Sprechen überbrücken. Das war extrem lustig, und gleichzeitig unser Start in die Wortspielerei.»

Im Sommer 1987 sind Urs und Nadja zum ersten Mal zusammen aufgetreten – in den Strassen von Wiesbaden. Bild zVg

Ursus & Nadeschkin

Mittlerweile sind die vier Charaktere ein eingespieltes und renommiertes Team geworden – und sehr erfolgreich dazu. Denn mit ihren Programmen begeistern sie nicht nur heimisches Publikum; auch im Ausland sind sie gern gesehen. Davon zeugen die zahlreichen Preise und Auszeichnungen. Das Spektrum reicht vom Prix Walo (2 Mal) und dem Schweizer KleinKunstPreis über den Deutschen Kleinkunstpreis und Salzburger Stier bis zum New York Comedy Award und den Hans Reinhard-Ring.

Seit mittlerweile 36 Jahren arbeiten Ursus und Nadeschkin miteinander und reiben sich aneinander. Wie funktionieren die beiden, wer ist wofür zuständig? Der nachfolgende Dialog könnte uns vielleicht etwas weiterhelfen:

Ursus: «Ich bin für alles von A bis K verantwortlich. Nadia macht den Rest» Und zu ihr gewandt: «Z wie Zmorge musst du organisieren…»

Nadeschkin: «Wir sind extrem unterschiedliche Charaktere, und das eröffnet einem ganz viele mögliche Varianten. Das Problem ist nur: Keine der Varianten, die für Urs stimmt, stimmt für mich – und umgekehrt.»

Immerhin: In den wichtigen Grundsätzen unterstützen sie sich gegenseitig, zum Beispiel darin, dass jeder auf seine Kosten kommt, was Freizeit und Auszeiten anbelangt. Und beiden ist das Materielle – das Geld – nicht am wichtigsten. Sondern Freiheit(en) und Ehrlichkeit. Nadja sagt es so: «Wir sind beide ehrlich, manchmal brutal ehrlich. Urs will vermutlich nicht unehrlich sein, und ich, weil ich es nicht kann.»

Nadeschkin: «Bei Arbeiten ist es dann wieder so: Das, was mich mehr interessiert, interessiert ihn weniger. Und umgekehrt. So ist dann am Schluss die ganze Arbeit erledigt.»

Ursus: «Es gibt keine klare Aufgabenteilung. Wir ergänzen uns ganz oft. Nadja ist die strukturierte von uns und die, der die Sicherheit und die Gerechtigkeit wichtiger ist.»

Gebe es einmal tatsächlich ein Problem, sind sie es gewohnt, offen darüber zu sprechen. Weil sie aber ein grosses Grundvertrauen in den anderen/die andere hätten, funktioniere alles recht gut. Und zwar ganz ohne Verträge oder Vereinbarungen.

«Wir würden sicher auch solo funktionieren. Aber dann redet niemand drein», sagt er mit Seitenblick zu seiner Bühnenpartnerin. Worauf sie kontert: «Urs redet von Dreinreden. Ich würde sagen, wir entwickeln zusammen etwas – denn ich empfinde die Zusammenarbeit nie als Störung.» Sie, Nadja, sei halt mehr die Teamworkerin, Urs mehr der Solist.

Worte zerpflücken und umdrehen

Was sich auf der Bühne zuweilen wie Streiten anhöre, sei es in Tat und Wahrheit nicht. «Wir reden nur sehr genau und nehmen einander buchstäblich beim Wort», erklärt Urs. Und weil sie beide «überhaupt nicht kompromissbereit» seien, brauche eine solche Auseinandersetzung eben seine Zeit. Was meint sie dazu? «Urs schaut für sich und da musst du schauen, wo du bleibst. Das nervt. Aber man weiss es ja. Schliesslich erwartest du von einem Fisch auch nicht, dass er joggen geht…». Und Urs ergänzt: «Es nervt manchmal, wenn Nadja kompromisslos stur bleibt und wir nicht weiterkommen. Ich persönlich würde halt auch mal etwas gut sein lassen.»

Aufhören ist kein Tabu

Dann lachen beide herzhaft und wir erkennen: Das Diskutieren, das Wortumdrehen gehört zum Spiel. Und das lieben beide – alle vier. So stellt sich die Frage, ob etwas dagegenspricht, weitere 36 Jahre gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

«Ja, ständig! Das Aufhören ist nie ein Tabu bei uns», sagt sie. Allerdings würden sie immer wieder Gründe finden, weiterzumachen. Vor allem auch, weil sie es gerne tun.

Urs stimmt zu: «Aufhören wäre zu einfach! Es ist viel spannender, immer wieder herauszufinden, warum wir weitermachen möchten». Allerdings würden sie in Zukunft noch wählerischer sein und wohl eher weniger häufig auftreten. «Ich freue mich tatsächlich, wenn wir dann mit 85 oder 90 im Altersheim auf zwei Stühlen sitzen. Ich bin gespannt, was wir dann tun und sagen.»

Bühnenpaar und «Familie»

Ursus und Nadeschkin waren und sind immer «nur» ein Bühnenpaar. Er ist Papi (eines 17jährigen Sohns) und sie Mami eines 12-Jährigen. Doch ihre Freundschaft ist intensiv und geht gemäss Aussagen beider über eine reine Geschäftsbeziehung hinaus. «Wir sind wie Familie», sagen beide ohne Widerspruch. «Urs wäre da, wenn es mir schlecht ginge», sagt Nadja. Und umgekehrt ebenso.

Titelbild: Ursus & Nadeschkin. Foto © Christian Roth.

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