StartseiteMagazinKulturApplaus für moderne Oper

Applaus für moderne Oper

Eine moderne Oper zu produzieren ist immer ein Wagnis. Das Opernhaus Zürich hat nun aber mit George Benjamins neuer Oper «Lessons in Love and Violence» einen Glücksgriff getan. Das Premieren-Publikum war hell begeistert.

Sir George Benjamin (*1960) ist Brite und gehört zu den führenden Komponisten der Gegenwart. Die grosse Form der Oper wagte er aber erst mit 40 Jahren. Und erst mit seinen beiden jüngsten Opern «Written on Skin» und «Lessons in Love and Violence» fand er weltweite Anerkennung. Letztere wurde 2018 in London uraufgeführt. In Zürich kann man nun die Schweizer Erstaufführung erleben.

Fürs Musiktheater arbeitet Benjamin mit seinem ständigen Partner, dem englischen Autor Martin Crimp zusammen. Gemeinsam entwickeln sie einen Stoff, der vorzugsweise aus dem Mittelalter stammt. Für die «Lessons» adaptierten sie das düstere Drama über den machtmüden Königs Edward II., welches der Shakespeare-Zeitgenosse Christopher Marlowe schrieb. Darin vernachlässigt der König seine Regierungsgeschäfte und das Volk zugunsten einer übersteigerten Kunstliebe und der homoerotischen Beziehung zu seinem Günstling Gaveston.

Viel körperbetonte Lust

Dementsprechend wird auf der Bühne viel körperbetonte Lust zelebriert, aber auch emotionale Hilflosigkeit und willkürliche Grausamkeit – es wird geliebt und gemordet. «Lessons in Love and Violence» ist eine Geschichte über die Amoral der Herrschenden, über kalte Machtgier und die Hitze des Begehrens. Hier wird das Private zum wahren Kampfplatz politischer Grausamkeit.

Szenenbild mit König Edward II (Ivan Ludlow, Mitte)

Das ist nicht gerade der Stoff, den man mit Frühlingsgefühlen verbindet. Das Überraschende an dieser modern adaptierten Geschichte aber ist, wie psychologisch präzise die Hauptfiguren gezeichnet sind. Auch gibt es nicht einfach den Guten und den Bösen, die Figuren entfalten alle einen vielschichtigen Charakter, der sich in einem hochexpressiven Orchesterklang widerspiegelt.

Ein Experte für zeitgenössische Partituren

Der israelische Dirigent Ilan Volkov ist ein Experte für zeitgenössische Partituren. Er dirigiert erstmals am Opernhaus Zürich. Volkov liest Benjamins Musik sehr genau, den dramaturgischen Bogen spannte er mit viel Spürsinn meisterhaft. Unter seiner Führung spielte die Philharmonia Zürich von Beginn weg präsent, die schnellen Wechsel zwischen expressiver Klangwucht und intimer Lyrik evozierten echten poetischen Zauber.

Szenenbild mit Ensemble und Statistenverein am Opernhaus Zürich

Regisseur Evgeny Titov kommt eigentlich vom Schauspiel her. In seinem Zürcher Operndebut offenbart er aber auch eine hohe Musikalität. Er führt die Figuren körperbetont in die Musik hinein. George Benjamins vokale Linien sind eng mit dem Orchester verwoben, die Stimmen sind eingebettet und werden instrumental getragen. Der Gesang wirkt zwar modern, er fliesst aber mit lyrischer Innigkeit und kommt ohne exaltierte Zickzack-Sprünge aus.

Grossartige sängerische Leistung

Das erklärt auch die grossartige sängerische Leistung des ganzen Ensembles am Premierenabend. Ivan Ludlow gestaltet den träumerischen König Edward II. und sein homoerotisches Begehren mit warmem Timbre und agiler Stimmführung. An seiner Seite sorgt Björn Bürger als Günstling Gaveston für baritonale Kraft und Erotik. Die schwierige Partie des königlichen Militärberaters Mortimer singt der Tenor Mark Milhofer mit unerhörter intonatorischer Sicherheit. Ob in verführerisch falsettierender Höhe oder im dramatischen Ausbruch, ihm gelingt beides mit Bravour.

Gaveston, der Liebhaber und König Edward II. (Alle Fotos Opernhaus Zürich/Herwig Prammer)

Die einzige weibliche Hauptpartie ist Königin Isabel gewidmet. Sie verbündet sich mit Mortimer gegen ihren «unnützen» Gatten. Die beiden lassen den Günstling Gaveston ermorden, was Edward II. endgültig den Verstand raubt. Im Gefängnis findet auch er den Tod. Die aus Trinidad stammende Sopranistin Jeanine De Bique debütiert in Zürich als Isabel. Sie gestaltet diese ambivalente Partie mit toller Bühnenpräsenz und natürlicher Autorität. Ihr durchschlagender strahlender Sopran hebt sich zudem wohltuend von all den Männerstimmen ab.

Eindrückliche Personenführung

Die sieben Szenen dieser nur eineinhalb Stunden dauernden Oper spielen sich in einem eher leeren Raum ab (Bühnenbild Rufus Didwiszus). Das alte Schloss-Gemäuer wird mit einer raffinierten Lichtgestaltung (Martin Gebhardt) in dunklem Grün gehalten, als Requisiten dienen je nachdem ein Bett oder eine Tribüne für das Theater im Theater. Das betrogene Volk wird von einer Statisten-Gruppe eindrücklich dargestellt. Regisseur Evgeny Titov führt sie ausdrucksstark.

Das Premierenpublikum folgte dem Geschehen gebannt, die sieben Szenen werden ohne Pause durchgespielt. Als dann der Schlussapplaus losbrach, war die Begeisterung gross, einen derartigen Bravo-Sturm erlebt man selten in einer modernen Produktion. So brutal dieser Stoff auch klingen mag, die künstlerische Umsetzung ist einfach fabelhaft.

Weitere Auffühungen: 25, 27 Mai; 2, 4, 8, 11 Juni 2023

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