Lebensrückblick

Wie können lebensgeschichtliche Erzählungen wirkungsvoll für ein gutes Altern eingesetzt werden? Das Buch «Das Lebensrückblickgespräch» von Kirschner et al. gibt Auskunft.

Kinder, Gross- oder Urgrosskinder fragen gelegentlich neugierig: Wie war das früher? Wie wars in der Schule? Hattest du gute Noten? Strenge Lehrer? Und wie hast du deinen ersten, zweiten, dritten Schatz und deine jetzige Frau kennengelernt? Wie wars bei der Berufswahl? Im Beruf? Wie oft und warum hast du deinen Beruf gewechselt? Was macht dir im Moment Freude? Was bereitet dir Sorgen? Kannst du das für uns aufschreiben oder für unsere Familie einen Podcast erstellen?

Solche spontanen Fragen sind das eine. Kirschner, Forstmeier und Strauss haben Lebensrückblickgespräche mit älteren Personen wissenschaftlich untersucht und Praxishilfen, einen Gesprächsleitfaden und Arbeitsblätter für Gespräche mit Seniorinnen und Senioren entwickelt. Ihr Buch richtet sich an Personen, die Lebensrückblickgespräche durchführen wollen, etwa in Pflege- und Altersheimen, in Seniorentreffs, in Erzählcafés oder bei jemandem zuhause, privat oder im beruflichen Umfeld. Vorausgesetzt werden grundsätzliche psychosoziale Kompetenzen im Umgang mit älteren Menschen, ohne dass man dafür speziell ausgebildet sein muss.

Erinnerungsstile

Menschen erinnern sich an frühere Erlebnisse auf unterschiedliche Weise. Die Autoren unterscheiden verschiedene Erinnerungsstile:

  • integrativ, wenn «positive Erfahrungen als Quelle von Ressourcen wahrgenommen werden» und «negative Erfahrungen als ebenso wichtig für die eigene Reifung akzeptiert werden können.»
  • instrumentell, wenn aus früheren schwierige Erfahrungen Problemlösungsstrategien für aktuelle Herausforderungen genutzt werden.
  • obsessiv, wenn negative Erlebnisse zu repetitiven Grübeleien Anlass geben, was zu «Niedergeschlagenheit, Verbitterung oder Schuldgefühlen» führen kann.
  • eskapistisch, wenn aus der unerfreulichen Gegenwart in die «gute Vergangenheit» geflüchtet wird.
  • narrativ, wenn anekdotisch meist ohne emotionale Einfärbung geplaudert wird.
  • transmissiv, wenn eigene Erzählungen dazu dienen, dem Gegenüber «Erkenntnisse, Lehre oder «kulturelle Erbschaften»» weiterzugeben.

Formen von Lebensrückblickinterventionen

Je nach Erinnerungsstil sind verschiedene Formen von Lebensrückblickinterventionen angezeigt.

Beim einfachen Erinnern werden punktuelle Erinnerungen unstrukturiert zusammengetragen, oft im spielerischen Kontext in Gruppen, indem ein Stichwort (z.B. ehemaliger Schulweg, Lieblingsspielzeug in der Kindheit usw.) oder ein Foto als erster Gesprächsimpuls genommen wird.

Ein Poesiealbum kann Impulse für Erinnerungen geben (Foto: Jarmoluk auf Pixabay)

Die Biographiearbeit wird oft sozialtherapeutisch zum Besprechen verschiedener Lebensphasen genutzt. Dabei wird die erzählende Person als Expertin ihrer Lebenserfahrungen anerkannt und wertgeschätzt.

Das Lebensrückblickgespräch ist eine u. a. therapeutisch genutzte, strukturierte Form der Erinnerungsarbeit. Dabei werden unangenehme Erinnerungen umgedeutet, allenfalls neu bewertet und bearbeitet.

Wirksamkeit von Lebensrückblickinterventionen

Empirische Befunde weisen darauf hin, dass Lebensrückblickinterventionen sich positiv auf die physische und psychische Gesundheit auswirken, gesellschaftliche Teilhabe fördern und die Identitätsentwicklung stärken. Auch bei Depressionen wurde eine Verbesserung der Lebensqualität nachgewiesen. In der Sterbebegleitung wird eine spezielle Variante erfolgreich angewendet, die sogenannte Dignity Therapy, in welcher bei Patienten mit unheilbaren Krankheiten das Gefühl der Würde gestärkt wird, insbesondere wenn sie sich überflüssig, ohne Sinnhorizont und als eine Last für andere vorkommen.

Praktische Hinweise für Lebensrückblickgespräche

In einem ausführlichen Anhang wird auf 25 Seiten eine Anleitung zum Lebensrückblickgespräch gegeben, die mit einem QR-Code auch als Online-PDF aufs Handy geladen werden kann. Zudem wird ein 19-seitiger Gesprächsleitfaden angehängt, der auch mit QR-Code heruntergeladen werden kann. Die Expertise von professionellen Kräften (Ärzte oder Psychotherapeut*innen) ist bei Lebensrückblickgesprächen beizuziehen, wenn jemand besonders belastet ist, unter Depressionen leidet oder traumatisiert ist.

Gemeinsam Erinnerungen schweifen lassen in einer einladenden Landschaft (Foto: Steve auf Pixabay)

Das Buch ist das Ergebnis eines mehrjährigen Projekts am Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie der Universität Jena, lässt sich aber auch von Laien leicht und mit Gewinn lesen. Der praktische Anhang ermöglicht interessierten Laien die Durchführung von Lebensrückblickgesprächen im privaten Rahmen oder in der Freiwilligenarbeit mit Seniorinnen und Senioren.

Literatur: Hariet Kirschner, Simon Forstmeier, Bernhard Strauss: Das Lebensrückblickgespräch. Hintergründe, Wirkungsweise und praktische Anleitung. Giessen 2022 (Psychosozial-Verlag). ISBN  978-3-8379-3195-2 (Print) oder ISBN 978-3-8379-7869-8 (als E-Book-PDF).

Erzählcafés: In der Schweiz gibt es seit 2015 das Netzwerk Erzählcafé, das sich 2022 als Verein konstituierte und vom Migros-Kulturprozent, der Gesundheitsförderung Schweiz und der Fachhochschule Nordwestschweiz getragen wird. Dabei geht es um Formen des Erinnerns auf niederschwelliger Ebene und nicht um professionelle therapeutische Erinnerungsarbeit im engeren Sinne. Der Verein richtet sich nicht nur an ältere Personen, sondern will einen «Austausch über Kultur-, Generationen- und Landesgrenzen hinweg» ermöglichen und Raum bieten für soziale Teilhabe, Selbstreflexion, Integration und somit insbesondere zur psychischen Gesundheit der Teilnehmenden beitragen. Siehe unter https://www.netzwerk-erzaehlcafe.ch

Titelbild: Fotos als Lieferanten von Erinnerungen (Foto von Carola68 auf Pixabay)

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1 Kommentar

  1. Sehr informativer Beitrag – vielen Dank! Jede Form des Erzählens, ob mündlich oder schriftlich, trägt dazu bei, den roten Faden im eigenen Leben zu finden. Erzählen hilft, verbindet und vermittelt zwischen den Generationen.

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