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Tavolata – was? Ja – Tafelrunde!

Wer Ende Juni 2023 an der Tavolata – Jahrestagung in der Alten Kaserne Winterthur teilnahm, verirrte sich nicht in einen Kreis edler Ritter aus dem Mittelalter. Da trafen sich Leute, die ab und zu gern miteinander kochen, essen, geniessen und dies und jenes miteinander besprechen

Das Tavolata-Netzwerk wurde 2010 vom Migros-Kulturprozent gegründet, zählt heute in der Schweiz über 500 selbstorganisierte Tischgemeinschaften und hat sich 2022 als Verein konstituiert. Was unterscheidet Tavolata-Tischgemeinschaften von andern Tischgemeinschaften in Familien, in Mensen, im Freundeskreis, in der Beiz?

Tavolata-Gruppen sind sehr unterschiedlich, folgen aber sieben Spielregeln: Wir organisieren uns selbst! Wir treffen uns regelmässig! Wir essen ausgewogen und genussvoll! Wir teilen uns Arbeiten und Kosten auf! Wir treffen verbindliche Abmachungen! Wir verfolgen keine kommerziellen Interessen! Wir bestimmen eine Kontaktperson für die Gruppe und zum Netzwerk Tavolata!

Die Spielregeln lassen viel Spielraum für kreative Formen, so dass jede Gruppe sich so erfinden kann, wie es den Mitgliedern passt. Jede Gruppe kann selbst bestimmen, wie viele Personen sich wie oft und wo treffen, wer was kocht, wer welche Verantwortung übernimmt. Zwar waren an der Jahrestagung vor allem Seniorinnen und Senioren da, aber es gibt auch gelegentlich intergenerationelle, multikulturelle Tavolatas. Hausblock- oder Quartier-Tavolatas oder solche mit Mitgliedern aus verschiedenen Gemeinden, Ledige, Paare, Geschiedene, Verwitwete können sich finden. An der diesjährigen Jahrestagung waren viel mehr Frauen da, die Männer seien langsam, auch wegen den sich verändernden Rollenverständnissen, im Kommen.

Ein Beispiel: Unsere Tavolata «Müliwasser» besteht aus 6 Personen, 2 Ehepaare und zwei ledige Frauen. Sie wurde vor eineinhalb Jahren gegründet, nachdem die Vorgängertavolata «Primitivo» sich aufgelöst hatte. Nach dem Primitivo-Wein war Müliwasser dran, der Schnaps aus unseren Reben. Wir wohnen in Erlen, Weinfelden, Sitterdorf oder Sommeri und treffen uns monatlich. Manchmal fehlt jemand, beispielsweise ferienhalber oder wegen Enkelbetreuung. Drei Termine sind immer im Voraus bekannt, eingeladen wird im Turnus und wer einlädt, bestimmt das Essen. Die Eingeladenen lassen sich überraschen und genehmigen, was auf den Tisch kommt. Oft sind die Menüs so schmackhaft, dass Masshalten eine echte Herausforderung ist. Gelegentlich gehen wir auch miteinander ins Theater oder spielen nach dem Essen Gesellschaftsspiele. Wenn jemand etwas zwischen den Tavolata-Treffen machen möchte, kann er dies in unserer Whatsapp-Gruppe kundtun.

Drei Mitglieder der Tavolata «Müliwasser» an der Jahrestagung (Foto:bs)

Das Programm der Jahrestagung war ein klarer Hinweis, dass neben dem Austausch und der Vernetzung unter den Tavolata-Gruppen eine aktive Lebensgestaltung ein zentrales Anliegen ist. So zeigte am Morgen die Sozialwissenschafterin Elisabeth Michel-Alder unter dem Titel «Engagement macht munter, kompetent und gesund», wie wichtig es ist, sich gelegentlich dem «Über den eigenen Schatten Springen-Sport» zu widmen (siehe www.neuesalter.ch). In einem weiteren Referat vermittelte der Physiotherapeut Matthias Gerber Hintergrundinformationen zur Frage, wie man im Alltag durch einfache Übungen mehr Agilität und Stabilität gewinnt (siehe www.sichergehen.ch). Am Nachmittag gab es anregende Workshops zu den Referaten am Morgen, aber auch kurze Streifzüge in Natur und Kultur der Stadt Winterthur.

Zum Schluss je zwei Fragen an drei prägende Persönlichkeiten des Tavolata-Netzwerks:

Robert Sempach, welche Hauptziele verfolgten Sie 2010 mit der Gründung von Tavolata?

Robert Sempach: Das erste Hauptziel war, Zufriedenheit im Alter zu fördern. In einem Workshop mit Expertinnen und Experten aus dem Altersbereich kristallisierte sich rasch heraus, dass selbstorganisierte Tischrunden besonders erfolgversprechend sein könnten. Damit war der Grundstein für Tavolata gelegt. Bald darauf entstanden die ersten selbstorganisierten Tischgemeinschaften in rund 15 Quartieren und Dörfern. Auch die sieben Spielregeln wurden gemeinsam mit den ersten Tischgemeinschaften entwickelt und verfeinert, bis alle überzeugt waren, dass sie auch für andere Tavolatas hilfreich sind. Ein wichtiges Ziel war zudem, die selbstorganisierten Tischgemeinschaften nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den damals schon bestehenden «Mittagstischen für Senioren» zu positionieren. Die Förderung sozialer Teilhabe, Zufriedenheit und Gesundheit älterer Menschen sind Hauptziele von Tavolata, aber auch von anderen Organisationen. Hier gilt es nach Kooperationen zu suchen und die gemeinsamen Ziele in den Vordergrund zu stellen.

Robert Sempach, Initiator von Tavolata im Jahre 2010 und Präsident des Vereins seit 2022 (Foto: zVg.)

Was versprechen Sie sich durch die Vereinsgründung von 2022?

Mit der Vereinsgründung wird Tavolata unabhängig vom Migros-Kulturprozent. Ein sehr engagierter Vorstand, in dem alle Kompetenzen vertreten sind, garantiert eine erfolgreiche Fortführung und Weiterentwicklung. Zudem ist das komplette Tavolata-Team weiterhin an Bord und sorgt dafür, das bestehende Angebot aufrechtzuerhalten. Einige Stiftungen haben signalisiert, Tavolata auch als Verein zu unterstützen. Mit der Vereinsstruktur vergrössert sich unser Innovationspotential und der Spielraum. Wer Mitglied wird, bestimmt mit. Beitreten kann man unter https://www.tavolata.ch/mitgliedschaft/.

Daniela Specht, wie können Sie jemand unterstützen, der eine Tavolata-Gruppe gründen möchte?

Daniela Specht: Unsere Unterstützung ist vielfältig. Zum Beispiel vermitteln wir Gastessen in bestehenden Tavolatas. In Einführungskursen und mit Unterlagen geben wir Tipps und Tricks weiter. Diese Informationen und bewährten Umsetzungsmöglichkeiten werden laufend im Erfahrungsaustausch mit gut funktionierenden Tavolata-Gruppen zusammengetragen. Sehr wertvoll ist zudem die Unterstützung durch die regionalen Tavolata-Vertretungen. Sie können eine konkrete Starthilfe bieten und auf Wunsch die Startphase begleiten.

 Daniela Specht, Geschäftsführerin und Koordinatorin Deutschschweiz (Foto: bs)

Gibt es gelegentlich auch Probleme in Tavolata-Tischgemeinschaften?

Ja, wo Menschen zusammenkommen, können Unstimmigkeiten entstehen. Mit unseren Netzwerk-Angeboten möchten wir die Menschen ermuntern und darin bestärken, das Gespräch zu suchen, um Lösungen zu finden. Denn eine erfolgreiche Tavolata benötigt Empathie, Toleranz und Offenheit. Dann ist Freude und Genuss garantiert. Auch wenn eine Tavolata gelingt, verändern sich die Menschen. Nach vitalen Jahren schwinden vielleicht die körperlichen Kräfte, treten Hör- oder Sehbehinderungen auf oder lassen die kognitiven Fähigkeiten nach. Wir möchten mit unseren Netzwerkaktivitäten auch auf diese Veränderungen hinweisen und auf Möglichkeiten, wie man die eigenen Gruppenaktivitäten anpassen könnte, so dass die Beziehungen und Kontakte möglichst lange erhalten bleiben und positive Erlebnisse immer wieder möglich werden.

Esther Kirchhoff, Gesundheitsförderung Schweiz ist daran, Tavolata-Tischgemeinschaften zu evaluieren. Wie wird dabei vorgegangen?

Esther Kirchhoff: Seit es das Netzwerk Tavolata gibt, ist es uns ein Anliegen, aus den Erfahrungen in den Tischgemeinschaften zu lernen und das Angebot nach deren Bedürfnissen weiterzuentwickeln. Schon immer haben wir deshalb an Veranstaltungen gefragt: Was läuft gut, und was könnten die Erfolgsfaktoren sein? Was sind Stolpersteine und wie könnten wir diese überwinden? So ist zum Beispiel auch der Tavolata-Rat entstanden: Einmal im Jahr widmen wir eine Netzwerk-Veranstaltung diesen Fragen. So haben wir uns selbst also immer schon «evaluiert», um zu lernen und uns weiterzuentwickeln.

Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz hat das gesundheitsfördernde Potenzial von Tavolata schon lange erkannt und unterstützt das Netzwerk seit Jahren finanziell und ideell. Auch ihr Anliegen ist es zu erfahren, wie Tavolatas wirken. Sie möchten dieses Wissen an andere Organisationen und Initiativen weitergeben. Deshalb haben sie ein Forschungsbüro beauftragt, mit einer Umfrage und mit Besuchen vor Ort die Wirkung von Tavolatas zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser Evaluation werden Ende 2023 veröffentlicht werden. Diese Ergebnisse sind wichtig für uns, denn dieser Blick «von aussen nach innen» ermöglicht es uns, noch angemessener auf Anliegen der Menschen im Netzwerk einzugehen und die Vision der sozialen Teilhabe bis ins hohe Alter umzusetzen.

Esther Kirchhoff, Mitglied der Geschäftsleitung, zuständig für Qualität und Entwicklung (Foto: bs)

Welchen Nutzen sollten Tavolata-Tischgemeinschaften für Tavolata-Mitglieder und für die Gesamtgesellschaft haben?

Tavolata-Tischgemeinschaften bieten eine Möglichkeit, um auch ausserhalb der beruflichen oder familiären Strukturen sozial eingebunden zu sein. Damit erfährt man zum Beispiel emotionale Unterstützung, erhält Informationen und Anregungen – und nicht zuletzt hat man einfach ein positives Erlebnis miteinander: Freude am gemeinsamen Essen, das auch nur ein ganz einfaches sein kann; Freude, weil man eine schöne Erinnerung oder manchmal vielleicht auch einen Schmerz miteinander teilen kann; Freude, weil man es bei einem anschliessenden Spiel «einfach lustig hat», oder weil man seine Fähigkeiten für andere einsetzen kann. Im Vergleich zu herkömmlichen Mittagstischen, die zum Beispiel von Pro Senectute oder Kirchgemeinden organisiert werden, ist Tavolata darauf ausgelegt, einen regelmässigen Kontakt zu pflegen. Viele Tischgemeinschaften treffen sich einmal im Monat zum Essen und unternehmen mit der Zeit auch andere Dinge miteinander, oder sie unterstützen sich bei Bedarf zum Beispiel mit einem Fahrdienst. Dadurch hat auch die Gesamtgesellschaft einen Nutzen: Menschen sind auch ausserhalb der Treffen füreinander da und haben Interesse aneinander. Das verbindet, schafft Freude und erhält länger gesund!

Titelbild: Elisabeth Michel-Alder referiert an der Tavolata-Jahrestagung 2023 in der Alten Kaserne Winterthur (Foto: bs)

Link: Interessierte finden viele Infos und Inputs unter https://www.tavolata.ch

 

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