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Online-Dating als Boxkampf

Falsche Erwartungen, übersteigerte Egos, bittere Enttäuschungen: Daten ist ein komplexer Prozess mit ungewissem Ausgang. Das Berner Mundarttheater Matte startet mit einer satirischen Beziehungskomödie in die neue Saison.

Eine Umfrage hat 2023 ergeben, dass in Deutschland 77 Prozent der 16- bis 29-Jährigen Internetnutzerinnen und -Nutzer schon einmal online gedatet haben. Von den 30- bis 49-Jährigen gaben in einer Erhebung des Instituts «Statista» zwei Drittel an, via Internet einen Partner oder eine Partnerin zu suchen. Und unter den Befragten über 65 Jahren waren es immerhin 23 Prozent. Für die Schweiz wurden bisher keine entsprechenden Zahlen erhoben, aber auch hierzulande sind Dating-Dienste und -Apps sehr beliebt.

Aus Deutschland stammt das Stück «Kontakte» von Sylvia Hofman, das die Regisseurin Claudia Rippe am Theater Matte als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne bringt. Rippe hat die Satire aus dem Jahr 1983 an die heutigen Medien- und Geschlechterverhältnisse angepasst. Sie wolle den Unterschied zwischen dem digitalen und analogen Kennenlernen beleuchten, sagt sie. Die Dialektfassung stammt von Markus Maria Enggist, das Bühnenbild von Fredi Stettler, die Kostüme von Katrin Schilt.

Das Herz des anderen zu spüren, ist so einfach und doch so schwer.

Im Lauf des Abends schlüpfen die beiden Spielenden Maud Koch und Christoph Lanz in unterschiedliche Rollen und ziehen alle Register des Dating-Abenteuers. In der Absicht, der Einsamkeit zu entfliehen, gibt sich die junge Frau («Sie») einmal als selbstbewusste Romantikerin, dann als schüchternes Mauerblümchen, bevor sie in die Haut einer erfolgreichen Managerin wechselt und abschliessend eine überdrehte Esotherikerin mimt.

Der Mann («Er») verhält sich einmal forsch, aufdringlich, dann unsicher und nervös, introvertiert, plötzlich angriffig, dominant und balzt stets machohaft. Einmal ist er ein humorloser Waschlappen, einmal ein enttäuschter Ehemann und Vater, dann ein erfolgreicher Ingenieur. Immer wieder gleicht das Spiel einem Beziehungs-Boxkampf. Das Bühnenbild ist ein Boxring, die Getränke werden nicht aus Gläsern, sondern aus Trinkflaschen konsumiert.

Theorie und Praxis

Auf der Dating-Plattform klingt alles so einfach: Nach dem Ausfüllen eines Fragebogens lautet die Antwort des Rechners: 90 Prozent Übereinstimmung. Die Voraussetzungen für eine harmonische Beziehung scheinen gut zu stehen, doch der erste Schock folgt beim persönlichen Treffen: Das Bild des Gegenübers entspricht nicht den Erwartungen. Kleidung und Ausdünstung sorgen für Befremden. Witzige Bemerkungen werden nicht als Humor, sondern als Fakt verstanden, erste Beleidigungen provozieren Ablehnung. Für solche Faktoren ist der Computer nicht programmiert.

Maud Koch als «Sie».

Und dann das Ego. Man ist jemand und muss das dem Gegenüber mit Nachdruck mitteilen. In Beruf und Freundeskreis, aber auch im Bett erfolgreich, versuchen sich die Partnersuchenden zu übertreffen, ohne zu merken, dass es dem ersten Date an Romantik oder Erotik fehlt.

Während dem Daten kommen plötzlich Fragen auf: Will man die Freiheit des Singles gegen Abhängigkeit und Angebundenheit wirklich aufgeben? Ist das Gegenüber, das vom Computer noch als «perfect match» ausgewählt wurde, der oder die Richtige? Wie kommt man aus diesem Schlamassel wieder raus? Allein durchs Leben zu gehen, war offenbar so viel einfacher.

Christoph Lanz als «Er».

Die Inszenierung glänzt mit mehreren Highlights: Witzig die Szene, in welcher der Online-Dater die ChatGPD-Plattform fragt, wie man erfolgreich eine Frau erobern könne. – Quasi eine doppelte Digitalisierung. Originell die zehn Tipps zum Online-Daten, die wie die zehn Gebote vorgetragen werden. Sportlich die «Kampfszenen» zwischen den Protagonisten, die fliessend zwischen Anziehung und Ablehnung wechseln.

In der Tat: Es könnte so einfach sein, den passenden Partner, die passende Partnerin zu finden, wenn es nicht einfach so wahnsinnig schwierig wäre. Und es kommt einem Wunder gleich, wenn sich zwei Menschen einfach so verstehen und finden. Die Pointe kommt im Stück «Kontakte» ganz am Schluss: In einer kurzen Putzszene treffen sich «Er» und «Sie» analog. Zufällig, einfach so. Man kommt ins Gespräch, es prickelt zwischen den beiden, Verliebtheit liegt in der Luft. Diesmal scheint es zu klappen.

Vielleicht sollten wir es wieder vermehrt analog und nicht im Internet versuchen.

Die Autorin

Sylvia Hoffman wurde 1938 in Berlin geboren. Die interessante Schreibweise ihres Namens (nur ein n) verdankt sie ihrem US-amerikanischen Ehemann. Ende der fünfziger Jahre fing Hoffman an Hörspiele zu schreiben und war damit ziemlich erfolgreich bei deutschsprachigen Sendern. In den achziger Jahren gelangte sie als Drehbuchautorin und Regisseurin zum Film. In den folgenden Jahren schrieb sie Drehbücher für viele Serien, unter anderen auch Tatort. «Kontakte» ist eines von vier Theaterstücken, das sie geschrieben hat. 2009 bis 2013 war sie künstlerische Leiterin des Volkstheater Frankfurt.

Aufführungen bis 1. Oktober 2023

Theater Matte

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