Dominique Margot lädt uns mit ihrem Filmessay «Bergfahrt» ein, mit Forscher:innen, Bergsteiger:innen und Künstler:innen über den Berg, der kaum je bedacht wird, nachzudenken und zu sinnieren.

Die Filmemacherin stellt uns in «Bergfahrt – Reise zu den Riesen» Fachleute aus den verschiedensten Bereichen und in vielfältiger Weise Betroffene vor, die sich mit dem Berg auseinandersetzen, die Alpen als Thema für innovative Projekte nutzen und so der magischen Anziehungskraft der mythischen Riesen folgen. Was Dominique Margot mit diesem Film gelingt, ist sensationell und fordert heraus. Sie vermittelt uns Statements, welche die landläufig über Berge gemachten weit übersteigen und zudem in einer Sprache, die auch Laien verstehen – selbst wenn vieles Geheimnis bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit dem japanischen Performance-Paar, das sich dem Berg über Sagen und Mythen nähert. Oder bei den Erzählungen der Menschen, die persönliche Erfahrungen gemacht und kreativ verarbeitet haben – was bei uns über die Antworten immer wieder zu neuen Fragen führt. Aus persönlicher Betroffenheit erzählt eine Bergsteigerin, die ihren Freund an der Eigernordwand verloren hat und heute wieder mit Begeisterung klettert, und aus anderer Sicht ein Besitzer von Bergbahnen, der seine Position erklärt. – Sie und er stellen uns Fragen zum Weiterdenken.

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Unsere Wegbegleiter:innen und Expert:innen

Chiharu Mamiya, Tänzerin und Choreografin, Japan und Frankreich
Luc Moreau, Glaziologe, Chamonix
Carla Jaggi, Bergführerin, Berner Oberland
Jakob Falkner, Miteigentümer der Bergbahnen Sölden
Dr. Erika Hiltbrunner, Biologin, Basel und Furka
Claudio Landolt, Musiker, Glarus
Luigi Oreiller, pensionierter Parkwächter, Aostatal
Jörg-Michael Janke, Geomant und Fachmann für Elementarwesen, Bleniotal
Dr. Jan Beutel, Bergsteiger und Forscher an der ETH Zürich

Bergfahrt.7

Das Team unter der Leitung der Regisseurin Dominique Margot, unterstützt von Christof Schertenleib (Schnitt) und Marcel Vaid (Musik), trägt unzählige, höchst interessante Aussagen, Feststellungen und Fakten zusammen, vergleichbar mit einem riesigen Puzzle, das staunen lässt – und den Film allgemeingültig macht.

In den Bergen spiegeln sich aktuell die Veränderungen unserer Zivilisation. Gletscher schmelzen, Gipfel bröckeln. Nach Jahren des Massentourismus und der Ausbeutung der Ressourcen findet in Bezug auf die Alpen langsam ein Umdenken statt. Und neben ökologischer und ökonomischer Notwendigkeit nimmt auch die Sehnsucht vieler Menschen nach Ruhe und unberührter Wildnis zu.

Aussergewöhnlich sind die vielfältigen Formen der Gespräche in diesem Film: Menschen mit Menschen und, überraschend, Menschen mit Bergen. Doch auch diese werden uns allmählich vertraut und erinnern an das, was Martin Buber in seinem Standardwerk «Ich und Du» über das Gespräch formuliert hat, etwa «dass der Mensch am Du zum Ich wird.» – Wie das konkret abläuft, dürfte sich im Weiterdenken und Sinnierens offenbaren.

Bergfahrt.5Musiker Claudio Landold

Dominique Margot zum Film

Die heutige Sehnsucht nach intensiven Bergerlebnissen, die kollektive Lust nach idyllischer Natur und kontrolliertem Abenteuer stehen im Widerspruch zu einer Welt, die immer unsicherer wird. Wie gehen wir mit dem grösser werdenden Freizeitangebot um, obwohl wir bereits wissen, dass es negative Konsequenzen für die Umwelt hat? Haben wir ein letztes Mal Spass, versinken wir in Panik oder versuchen wir, zusammen Auswege zu finden? Was sind unsere Visionen für die Zukunft der Alpen und im weiteren Sinn unseres Planeten?
Mindestens seit der Industrialisierung haben wir uns vom Wesen der Natur entfernt, indem wir sie zu beherrschen versuchten. Heute spüren wir gerade in den Alpen wieder deutlich ihre gewaltige Kraft. Die Berge, einst der Sitz von Göttern und Dämonen, stehen im Zentrum der Veränderungen, die unsere Zivilisation durchlaufen. Ein guter Ort, unser menschliches Tun zu überdenken und nach neuen Wegen zu suchen.

Bergfahrt.1Bergführerin Carla Jaggi

Die Berge, welche ich in der Kindheit als ewige, unbewegliche Riesen wahrnahm und die mir ein starkes Gefühl von Sicherheit vermittelten, sind ständig in Bewegung: durch Erosion, Klimawandel, Gravität, sie versammeln die Energie von Jahrhunderten.
Manche sehen sie sogar als eigenständige Wesen aus einer anderen Zeitdimension: Wesen, deren lebendige Bewegungen wir wegen unserer kurzen Lebenszeit gar nicht gänzlich wahrnehmen können.

Naturphänomene wurden lange Zeit mit den göttlichen Intentionen verbunden. Heute setzen sich Forscher:innen, Künstler:innen sowie Tourist:innen mit ihnen auseinander, wobei alle einen anderen Blick darauf werfen. Obschon sie alle nicht die gleichen Interessen verfolgen, setzen sie sich doch alle mit dem «Dreieck Berg» auseinander.
Mit diesem Film verfolge ich nicht das Ziel, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben, sondern ein filmisches Experimentierfeld anzubieten, welches alle Sinne anregen und die Betrachter:innen zu einer Reise in die Alpenwelt und auch zu sich selbst einladen soll.

Bergfahrt.2

Die Protagonist:innen beginnen im Tal und enden auf dem Berg. Die Bergführerin Carla Jaggi erreicht den Gipfel, Jakob Falkner fährt in seiner letzten Einstellung den Berg hinunter. Bei der Auswahl der Protagonist:innen interessierte mich ihr unterschiedlicher Umgang mit den Alpen, jeder und jede steht für eine bestimmte Art, den Berg zu erforschen, zu nutzen und zu erleben. Mit den Tanzchoreografien wollte ich die vielen vertikalen Bewegungen in den Bergen aufnehmen und die Alpenmythologien einfliessen lassen, ohne sie verbal zu erzählen. Die Tänzerin Chiharu Mamiya wird zur wandelbaren Gestalt zwischen Traum und Realität, und so auch zum Verbindungselement der verschiedenen Filmebenen. Das Sounddesign, die Musik und die stillen Momente thematisieren das «Nichterzählbare» im Film, die Suche nach Erhabenheit, die Mystik der Kraftorte in den Alpen oder die Suche nach dem «Wesen der Berge».

Bergfahrt.4Parkwächter Luigi Oreiller

Während der Dreharbeiten durfte ich die Berge auch selbst immer wieder neu erleben und konnte die Veränderungen, wie etwa das offensichtliche Schmelzen der Gletscher, aus der Nähe und durch die Augen der Protagonist:innen beobachten. Es ist schwindelerregend, wie die Dinge da oben ihren Lauf nehmen und doch nur widerspiegeln, was sich weiter unten tut.

Trotzdem geben mir die Begegnungen im Film Hoffnung. Oder, um es mit den Worten der Botanikerin Erika Hiltbrunner zu sagen: «Pflanzen sterben nicht einfach so aus. Sie verändern sich, wechseln ihren Standort, passen sich an». Ob wir Menschen dazu fähig sind, wird sich zeigen.

Regie: Dominique Margot, Produktion: 2023, Länge: 97 min, Verleih: Cineworx