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Literatur zwischen Utopie und Atombombe

Unter dem Titel «Literatur und Kalter Krieg in der deutschsprachigen Schweiz» haben Dominik Müller und Daniel Rothenbühler einen Band zur Literatur in den Jahren zwischen 1945 und 1990 herausgegeben, der aus Vorträgen einer Tagung der Schweizer Nationalbibliothek entstanden ist.

Was aussieht wie Reflexionen zu einer Periode, die vor fast achtzig Jahren begann und vor mehr als dreissig Jahren zu Ende gegangen schien, steht heute als neue Bedrohung vor uns. Der Kalte Krieg, wie er Mitte des letzten Jahrhunderts definiert worden war, bedrängt unser Denken und Handeln seit zwei Jahren auf neue, ungeahnte Weise.

Es sei gleich vorausgeschickt, dass sich die Reaktionen der Schweizer Politik und Gesellschaft heute grundsätzlich wenig von denen aus dem Kalten Krieg und dem Zweiten Weltkrieg unterscheiden. Dominik Müller erklärte es bei der Vernissage des Buches: Damals war der Kalte Krieg draussen, drinnen herrschte Ordnung, das Gefüge der Schweiz musste bewahrt werden. Die Haltung der politisch Führenden während des Krieges, die Einigelung der Schweiz, wurde im Kalten Krieg weitergeführt – sie lebt auch heute noch weiter.

Die Aufsätze zur Literatur während dem Kalten Krieg befassen sich nicht mit sämtlichen Autoren und Autorinnen, die in jener Zeit publiziert haben, sondern mit denen, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Schweizer Ordnung auseinandergesetzt bzw. an ihr gerieben haben. Dazu gehören auch Autoren, die sich wie Dominik Müller selbst oder Christoph Geiser dem Wehrdienst verweigerten.

Suche nach Utopien in Reisen hinter den Eisernen Vorhang

Ebenso gehören Autoren dazu, die sich in Reisen und im literarischen Kontext selbst ein Bild von Menschen und Literatur jenseits des Eisernen Vorhangs machten wie Walter Matthias Diggelmann und Klara Obermüller oder wie Urs Jaeggi, der als Professor an der Freien Universität in Westberlin Gelegenheiten wahrnehmen konnte, um nach Ostberlin zu fahren. Auch Reto Hänny gehört zu denen, die sich mit eigenen Augen umschauen wollten. Er fuhr durch Polen, kurz nachdem die Berliner Mauer gefallen war.

ein Übergang zwischen West und Ost

Das Verhältnis zwischen Schweiz und der DDR verdient besondere Beachtung. Es sind dabei verschiedene Aspekte zu erkennen: Zu einen interessierten sich Schweizer Intellektuelle für die DDR, die sich ja als Staat mit «real existierendem Sozialismus» propagierte. Zum anderen waren die DDR-Funktionäre durchaus offen für Kontakte zur Schweiz. Denn die neutrale Schweiz, ohne Zugehörigkeit zu einem Block, schien ihnen zugänglicher. So sehr man sich in der DDR gegenüber «kapitalistischen Einflüssen» abkapselte, so sehr strebte man auch nach internationaler Anerkennung.

Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt und deren pointierte, aber unterschiedlich geprägten Stellungnahmen werden beleuchtet: Max Frisch am Beispiel seiner Chinesischen Mauer, das Jürgen Barkhoff aus Dublin als Drama des Kalten Krieges interpretiert. Von Friedrich Dürrenmatt stellt Michael Fischer unter anderem den Winterkrieg in Tibet vor. – Bemerkenswert, dass gerade diese beiden Schriftsteller den Kalten Krieg nach China oder nach Tibet «verlagern», so weit weg wie möglich. Können wir aus der Distanz das Wesentliche besser erkennen? – Auch einige wenige Frauen wie Laure Wyss, Erica Pedretti oder die heute fast vergessene Hanna Johansen erhalten eine Würdigung.

Der Kalte Krieg im Innern der Schweiz

Ein Schwerpunkt ist dem «Zivilverteidigungsbuch» gewidmet. – Seniorinnen und Senioren erinnern sich sicher an das kleine Handbuch, das 1969 an alle Haushalte abgegeben wurde und Vorschriften und Hinweise darüber enthielt, wie man sich im Kriegsfall, insbesondere bei einem Atomschlag zu verhalten habe. Diese Schrift war zwar keineswegs von literarischem Wert. Sie führte aber schliesslich zur Gründung der «Gruppe Olten», einer der wichtigsten Vereinigungen von Schriftstellern und wenigen Schriftstellerinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Dieses Zivilverteidigungsbuch wurde nämlich vom heute vergessenen Maurice Zermatten, einem zweisprachigen Walliser Schriftsteller, ins Französische übersetzt. Er war damals Präsident der Schweizerischen Schriftstellervereinigung, die durch diese Tat zerbrach, weil einige Mitglieder dieser Vereinigung sich mit dem im Zivilverteidigungsbuch propagierten Bild der Schweiz nicht identifizieren wollten. Sie wurden die Gründer der «Gruppe Olten». Erst 2002 haben die beiden Vereinigungen wieder zueinander gefunden.

Das Zivilverteidigungsbuch spaltet die Literaten und Literatinnen

Wer heute die deutsche Version mit der französischen und der italienischen Übersetzung vergleicht, erklärt Dominik Müller, erkennt bemerkenswerte Abweichungen: Die französische Version ist genderfreundlicher, ebenso sind deutliche Unterschiede zwischen katholisch geprägten und reformierten Kantonen festzustellen. – Damals spielte die Religionszugehörigkeit noch eine grössere Rolle als heute. Klar ist: «Eine Schweiz» gibt es nicht. Man denke auch an «La Suisse n’existe pas», was auf der Weltausstellung 1992 in Sevilla als Provokation galt.

Peter Utz befasst sich mit dem Kriegsjargon im Zivilverteidigungsbuch: Es wurden «Agenten des Feindes im Innern» heraufbeschworen und ein Szenario des worst case gezeichnet. Das forderte all diejenigen heraus, die sich eine weltoffenere Schweiz wünschten. Sie sahen darin Tabubrüche.

Zu den Qualitäten dieses inhaltreichen Buches gehört die Vielzahl der Autorinnen und Autoren. Zu der Tagung der Schweizer Nationalbibliothek im Jahr 2021 wurden Expertinnen und Experten aus der Schweiz, aber auch von ausländischen Universitäten eingeladen. So wird die deutschsprachige Literatur der Schweiz aus mannigfaltigen Blickwinkeln betrachtet – eine schätzenswerte Ergänzung, die dem Wunsch der behandelten Autorinnen und Autoren entgegenkommt, sich nicht von ideologischen Grenzen einengen zu lassen.

Zu empfehlen ist das hervorragend editierte Buch nicht nur Literatursachverständigen, sondern all den Lesenden, die mit der Literatur der 1950er – 90er Jahre aufgewachsen sind. Zu jedem Kapitel gehören Quellenangaben und ausführliche weiterführende Literaturhinweise.

Literatur und Kalter Krieg in der deutschsprachigen Schweiz. Herausgegeben von Dominik Müller und Daniel Rothenbühler unter Mitarbeit von Corinna Jäger-Trees und Stefanie Leuenberger. Aisthesis Verlag Bielefeld 2024. 342 Seiten.
ISBN 978-3-8498-1950-7.
Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-8498-1951-4

Titelbild: DAS Symbol des Kalten Krieges: die Berliner Mauer.
Alle Fotos: pixabay.com

 

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