Das Werk von Roger Humbert (1929–2022) positioniert ihn als einen Pionier der Schweizer Fotografie. Sein Leitsatz «Ich fotografiere das Licht» Seine Werke sind bis 15. Februar 2026 in der Fotostiftung in Winterthur ausgestellt
Humberts künstlerische Erforschung des Zusammenspiels von Subjekt und Objekt, von Materialität und Bewusstsein und somit von Physik und Metaphysik. Humberts Fotografien sind also auch eine Erkundung dessen, was hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt liegt und Zusammenhänge des Seins betrifft.

Fotogramm, 1965
Dabei spielten für ihn neben der eigenen Gefühls-, Vorstellungs- und Wahrnehmungswelt, diejenigen der Betrachterinnen und Betrachter eine ebenso relevante Rolle. Jede Bildbetrachtung ergänzt also auf der individuellen Erfahrungsebene die von Humbert produzierten fotografischen Objekte. Diese Verdoppelung von Prozessen der subjektiven Sinnstiftung wird somit integraler Teil seiner Arbeitsphilosophie.

Fotogramm, 1975
Seine «Fotografien für den geistigen Gebrauch» produzierte er mehrheitlich in der nächtlichen Einsamkeit der Dunkelkammer: Durch das nicht wiederholbare Experimentieren mit Schablonen, die dem Künstler als vordigitale Bildgeneratoren dienten, entstanden ab 1949 einzigartige Fotogramme und Luminogramme.

Zusammen mit René Mächler, Rolf Schroeter und Jean-Frédéric Schnyder begründete Roger Humbert in den 1960er-Jahren eine «Konkrete Fotografie», die bis heute ein Begriff ist. Diese Ausstellung präsentiert einen Überblick über Humberts Werk, von dem sich ein Grossteil seit 2007 in der Fotostiftung Schweiz befindet.

Schwarz-Weiss-Fotografie. 1950er-/60er-Jahre
Gezeigt wird nicht nur die kameralose Fotografie, sondern auch Bildreihen, mit denen er die gegenständliche Welt dokumentierte. In verschiedenen Serien, die er mit Kamera und Blitz produzierte, kommt seine grosse Faszination für das Arbeiten in und mit der Nacht erneut zum Tragen.

Insel Marken, Niederlande / Netherlands, 1968 Silbergelatineabzüge / Gelatin silver prints
Die Reisefotografien wiederum sind Zeugnisse seiner jahrzehntewährenden Neugier auf Welterfahrung. Noch als 90-Jähriger setzte sich Humbert begeistert mit dem digitalen Aufzeichnen von Licht auseinander. Mit seinen digitalen konkreten Fotografien schliesst sich im Spätwerk also ein Kreis, welcher ihn zurück zu seinen Anfängen führt.
China, 1978 Projektion von digitalisierten Diapositiven
Die Zusammenschau dieses mit Dingen, die man in der Dunkelkammer verwendet, wie etwa weissen Handschuhen und Fotopapier, aber auch mit fotografischen Verfahren wie Vergrösserungen, einer schlaglichtartigen Beleuchtung oder Spiegeln.

Ohne Titel / Untitied, ca. 1968-1978 Silbergelatineabzüge / Gelatin silver prints
Mitte der 2010er-Jahre entdeckt Roger Humbert für sich die Farbe neu. Das gilt sowohl für seine ungegenständlichen experimentellen Fotografien, die nun auf prononcierte leuchtende Farben setzen, oder die, wie etwa bei der Serie «Subjektive Fotografie» von 2013, mitunter nur aus zwei monochromen Farbflächen bestehen.

Chinatown, San Francisco, 1980 Inkietprints
Während seine Fotogramme nicht selten eher in die Richtung von Pollocks gehen, erinnern diese hingegen an Gemälde Mark Rothkos. In etwa zeitgleich entsteht auch die Serie «Magie der Gegenstände», bei der Roger Humbert nun ganz gegenständlich ganz banale Dinge wie eine Feder, ein Spielzeugauto oder ein Stück Seife nachgerade porträtiert.

Nacht, 1970er-Jahre
Humbert war ein begeisterter Flohmarktgänger, der kaum einmal ohne Funde nach Hause kam und für diese mit grosser Liebe in seiner Wohnung und vor allem in seinem Foto-Keller einen besonderen Ort suchte. Die Fotografie zelebriert nicht nur die Magie der ganz alltäglichen Gegenstände, sondern erzeugt diese mitunter erst durch eine besondere Inszenierung: eine fotografische Wertschätzung der Dingwelt. (BS)
Titelbild: Nacht, 1970er-Jahre
Fotos: Josef Ritler
