Ich war noch nie in New York – und möchte derzeit auch nicht dort sein! Aber ich habe das Gefühl, die Stadt zu kennen, was natürlich nicht stimmt, mache ich mir doch bloss klischierte Bilder von ihr, genährt aus Büchern und Filmen, aus Reportagen am TV und in Magazinen, aus Newssendungen usw. Das geht mir nicht nur mit New York so, sondern mit vielen weiteren Städten und Ländern. Je weniger ich sie kenne, je eigener und deutlicher werden meine Fantasiebilder.
Andererseits, wenn ich mich in ein Buch vertiefe, dessen Handlung verortet ist in einer Stadt, die ich gut kenne, ist mein Leseerlebnis anders. Dann sehe ich die reale Stadt vor mir, vielleicht sogar die bestimmten Strassen und Plätze, an denen die Handlung spielt. Und wenn dann ein Detail nicht stimmt, bin ich irritiert.
Was mögen Sie lieber in Büchern? Reale, genau und eins zu eins beschriebene Schauplätze, die jederzeit aufsuchbar wären, oder aber unbestimmte, vielleicht fiktive, jedenfalls nicht benannte oder mit einem Fantasienamen belegte Orte? Vielleicht haben Sie mal ‘Tage mit Felice’ von Fabio Andina gelesen. Der sehr erfolgreiche Roman ist klar verortet und spielt in Leontica im Bleniotal. Unglaublich viele Menschen sind nach der Lektüre ins kleine Dorf gepilgert, so dass dort eigens der «Sentiere del Felice» (Weg des Felice) geschaffen wurde, also ein Themenweg, der Wanderern die Möglichkeit gibt, die Spuren Felices zu verfolgen und schliesslich in seine Gumpe einzutauchen!
Was gefällt Ihnen besser? Lesenderweise in eine fiktive Umgebung einzutauchen oder sich in einer real existierenden, klar benannten Gegend aufzuhalten, die Sie auf GoogleMaps verfolgen können? Und was, denken Sie, ist für Schriftstellerinnen und Autoren schwieriger? Ihre Figuren in realen Orten, Gegenden, Landschaften und Städten zu beheimaten oder sie vielleicht an einem Meer, an einem Ort mit Fluss oder irgendwo in der Pampa, in einer Stadt ohne Namen oder einer gottverlassenen Gegend auftreten zu lassen? Oder mögen Sie gar Bücher, die in einer fiktiven und magischen Welt spielen, Fantasy also, in denen die die Gesetze der Realität ausser Kraft gesetzt sind?
Kopfbild. Wer liest, stellt sich den Handlungsort vor, die Landschaft, eine Stadt, ein Gebäude. (Foto Th. Roth-Hunkeler)
Ich habe mal einen längeren Teil eines Romans in Tromsø hoch im Norden spielen lassen, wo ich schon ein paarmal war. Ich habe mit dem auf dem Schreibtisch ausgebreiteten Stadtplan vor Augen geschrieben, bin immer und immer wieder die Wege, die ich beschreiben wollte, auch auf dem digitalen Plan im Netz und im Kopf nachgegangen, nur stimmten Karten und Kopf nicht überein. Mein Tromsø war ein anderes als das offizielle, das richtige Tromsø, es war zum Verzweifeln. Ich habe Tage damit verbracht, zu recherchieren, zu vergleichen, Distanzen zu berechnen – und dabei ist die Innenstadt von Tromsø sehr sehr überschaubar. Und immer wieder hatte ich dabei einen Satz von Peter Bichsel im Ohr, der sinngemäss lautet: ‘Man darf alles erfinden, aber es muss stimmen’? Darf man also auch Tromsø erfinden? Ein wenig umbauen, erweitern, ein zwei Cafés, die sich in Wirklichkeit in Kopenhagen befinden, dorthin umsiedeln? Wohl kaum, es sei denn, man tauft die Stadt um oder noch besser, man sagt einfach, eine Stadt irgendwo im Norden Europas.
So ergeht es mir oft beim Schreiben: Ich sehe ein ganz bestimmtes Haus, ein reales Lokal, einen ganz bestimmten Strassenzug, eine ganz bestimmte Waldlichtung vor mir, und oft sind diese Dinge viele viele Kilometer voneinander entfernt. Aber ich verpflanze sie, rücke sie zusammen, baue mir eine eigene Gegend mit diesem bestimmten Haus an dieser bestimmten Strasse, wo auch jenes bestimmte Lokal steht, und die Strasse führt zu einem Wald, geht in einen Fussweg über, der immer schmaler wird und zur Waldlichtung führt und es ist Frühling und das helle Grün quillt überall hervor und dieser hellblaue Himmel und so weiter und so weiter. Diesen Ort gibt es nicht – und es gibt ihn doch. Ich lebe Jahre dort, bis ich den letzten Satz schreibe. Später gibt es Lesende, die sagen: Ich weiss genau, wo Ihr Buch spielt. Ich war dort schon oft. Ich auch, denke ich und schweige.
Am 24. September interviewte Seniorweb-Kollegin Maja Petzold die Autorin Theres Roth Hunkeler.

Vielleicht ist es nicht wichtig, ob die Handlung einer erfundenen und guten Geschichte und wo sie sich abspielt, selbst erlebt oder nur der Phantasie entsprungen ist oder aus beiden Quellen schöpft. Inspiration kann von überall herkommen, man muss nur dafür offen sein. Es ist grossartig, wenn wir mit unserer Vorstellungskraft überall hin reisen, wo es uns hinzieht. Unser Gehirn ist ein Wunderwerk der Evolution; ein Verlust, wer es nicht zu nutzen weiss.