Lesen und Schreiben prägen das Leben der Seniorweb-Kolumnistin Theres Roth-Hunkeler. Sie hat nach ihrer Erstausbildung zur Primarlehrerin verschiedene Berufe ausgeübt. Bald aber wurde ihr das Schreiben zur wichtigsten Tätigkeit. Seniorweb wollte dazu mehr von ihr erfahren. Als Kollegin habe ich das Gespräch per Du geführt.
Seniorweb: Lesen oder Schreiben – was war dir als Kind wichtiger?
Theres Roth-Hunkeler: Das kann ich wirklich nicht sagen – beides. Ich bin das jüngste von sieben Kindern. Ich habe viel von meinen älteren Geschwistern gelernt. Schon als Fünfjährige konnte ich lesen, Märchenbücher zuerst. Wenig später war ich fasziniert von den drei Büchern «Bärbeli», «Was wird aus Bärbeli» und «Aber Barbara» der Autorin Sophie Gasser. Seither hatte ich den Wunsch, Schriftstellerin zu werden – und eine Trilogie zu schreiben. Nach sechs Romanen und vielen weiteren Texten arbeite ich nun endlich an diesem Projekt. Zwei Bücher sind inzwischen erschienen, nämlich «Damenprogramm» und «Damentour».
Auf unserem Bauernhof war ich die einzige Leserin. Meine Eltern waren klug genug, bei der Aufgabenverteilung darauf Rücksicht zu nehmen. Ich war für die Aufgaben im Haus zuständig, Kochen ist seitdem neben dem Lesen meine Leidenschaft.
Und heute – könntest du auf Lesen oder Schreiben verzichten?
Lesen und Schreiben gehörten damals zusammen und heute ebenso. Ich sage ganz apodiktisch: Könnte ich nicht mehr lesen und schreiben, wäre mein Leben – meine Lebensfreude – vorbei. Beides hat ja mit denken zu tun und denken zu können ist lebensnotwendig.
Theres Roth-Hunkeler Foto © Ayṣe Yavas
Was macht deiner Ansicht nach eine gute Schreibende aus?
Dafür gibt es kein Rezept. Intensives Lesen, Zuhören und Schauen sind Voraussetzungen dafür. Ich habe stets viele Notizen gemacht und sie ständig erweitert. Alles zusammen gehört zur Arbeit mit der Sprache.
Übers Schreiben gibt es sehr romantische Vorstellung. Die Muse aber küsst uns Schreibende nicht einfach so. Disziplin und Geduld sind Voraussetzungen dafür, dass etwas entstehen kann, das dann, mehrfach überarbeitet, bestehen bleibt. Wir müssen uns so etwas wie eine Methode schaffen und diese Herangehensweise stets weiterentwickeln. Im Grunde genommen ist Schreiben eine Arbeit, manchmal leicht, manchmal mühsam, wie jede andere Arbeit auch.
Du schreibst auch gern Briefe.
Ja, sehr gern, ich schreibe viele Briefe, auch wenn es heutzutage auch E-Mails sein können. Briefe bringen uns in Dialog mit anderen wie ein Gespräch, das über eine Distanz und über längere Zeit geführt wird.
Wie hat sich dein Schreiben im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Im Laufe der Jahre veränderte es sich selbstverständlich und ganz von selbst. Bei jedem Buch fange ich allerdings wieder neu an. Zwar helfen mir meine Erfahrungen, mit Stockungen umzugehen. Wichtig ist eine gewisse, über die Jahre gewachsene Zuversicht. Ich schreibe zum Beispiel stets in Stücken, die sich erst gegen Ende zusammenfügen. Es dauerte, bis ich erkannte, dass diese Arbeitsweise mir am meisten entspricht. Mittlerweile vertraue ich ihr, was eine gute Voraussetzung ist fürs Weiterschreiben.
Vor kurzem habe ich folgendes von Klaus Merz gelesen, den ich sehr schätze: «Schreiben muss ein notwendiger Teil von einem selbst sein, sonst kann man es lassen.»
Was ist dir sonst noch wichtig in deinem Leben?
Gehen in der Natur, am liebsten im Wald. Mich zu bewegen, damit Gedanken, Imagination, Gefühle und die Sprache ins Fliessen kommen und ich sie erfassen kann.
Zentral wichtig sind meine Familie und der Austausch mit meinen Freundinnen und Freunden. Ich habe noch immer Kontakt zu Mitschülerinnen aus der Primarschule. Treffen wir uns, gehen unsere Gespräche weit über das übliche «Wie geht’s» hinaus.
Kino und Kunst interessieren mich sehr. Ich mag Landschaften ebenso gern wie Grossstädte, Berlin etwa. Dort bin ich oft, gehe stundenlang durch die Stadt und geniesse das riesige Kulturangebot. Das Leben in Berlin ist anregend, aber auch anstrengend und wohl nicht zum Altwerden zu empfehlen.
Lesen und schreiben lernen im alten Ägypten / pixabay.com
Was bedeutet Zeit für dich?
Immer wieder ist mir bewusst, dass in meinem Leben mehr Zeit vergangen ist als noch vor mir liegt. Es geht nicht noch einmal alles von vorne los. Über die Endlichkeit des Lebens, mit seiner Begrenztheit und Endgültigkeit denke ich oft nach.
Gleichzeitig freue ich mich an jedem neuen Tag. Zurückzuschauen tut gut, aber ebenso, offen zu bleiben für das, was ist und was kommt. Es ist das Hin- und Herpendeln zwischen Erinnern und Erleben, das uns lebendig erhält.
Worum geht es in deinen letzten beiden Büchern «Damenprogramm» und «Damentour»?
Herauszufinden, was in einem steckt, auch wenn man nicht mehr jung ist – darum geht es in «Damentour». In «Damenprogramm» haben die beiden Freundinnen Anna und Ruth eine dreimonatige Residenz für ältere Frauen in Ruths eigens dafür umgebauten Anwesen konzipiert und ausgeschrieben. In «Damentour» treffen nun die ersten fünf ‘Damen’ ein, die sich dafür beworben haben, fünf sehr unterschiedliche Frauen in den vielleicht besten Jahren.
Das Älterwerden ist Thema, aber nicht nur. Denn je länger die Frauen zusammen sind, desto deutlicher erkennen sie: «Leben ist viel wichtiger als Älterwerden». Nach und nach verabschieden die fünf eigenwilligen Protagonistinnen Klischees und Mythen über ältere Frauen und die Rollen, die ihnen die Gesellschaft zugesteht. Sie widmen sich Vorhaben, die sie schon immer im Angriff nehmen wollten oder tun das, was ihnen schon immer wichtig war. Dabei blicken sie immer wieder auf ihr eigenes Leben und sind oft erstaunt über das, was sie sehen.
Das sich gegenseitige, oft langsame, stockende Erzählen darüber wird stets bedeutsamer, auch das Schweigen und Verschweigen, das behutsame Fragen und Zuhören. Vielleicht sind das jene Zutaten, aus denen Freundschaften entstehen. Jedenfalls lernen die fünf Frauen einander und sich selbst besser kennen, weichen Konflikten nicht aus und entwickeln im Laufe der Zeit ein humorvolles Miteinander.
«Damenprogramm» und «Damentour» richten sich an Lesende jeden Alters, die Protagonistinnen mögen, die nicht mehr dem Jugendwahn verfallen sind, sich aber auch nicht als gutmütige, stets zu Diensten stehende Omas verstehen. Die beiden Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden.
Wir könnten noch lange diskutieren. Liebe Theres, ich danke dir für das Gespräch.
Das Buch: Theres Roth-Hunkeler: Damentour. Roman. edition bücherlese 2025. 327 Seiten. ISBN 978-3-03981-017-8
Webseite von Theres-Roth-Hunkeler
Bernadette Reichlin hat den ersten Teil der Trilogie «Damenprogramm» auf Seniorweb besprochen.
Titelbild: pixabay.com

The interview provides a fascinating glimpse into the life and craft of Theres Roth-Hunkeler. Her dedication to writing, combined with her reflections on aging and friendship, makes for a deeply engaging read. I particularly appreciated her insights on the importance of discipline and the evolving nature of her writing process. A truly inspiring conversation!SunPerp Dex