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Verschüttete Milch kann Kunst sein

Ab heute, 3. Oktober, zeigt das Kunsthaus Zürich im neu genutzten Ausstellungsraum im ersten Stock des Müllerbaus Werke des deutschen Künstlers Wolfgang Laib. Seinem Schaffen, das weder von Form noch von Farbe, aber von einer tiefen Spiritualität und Kontemplation geprägt ist, stellt er, in Zusammenarbeit mit Kurator Philipp Büttner, Werken aus der Sammlung des Kunsthauses gegenüber. 

Da kniet er am Boden, der 75-jährige Wolfgang Laib, und gestaltet vor der versammelten Medienschar einen seiner «Milchsteine», ein Werk, das nur bis zum Ende eines Tages Bestand hat, nie fertig ist und immer neu erschaffen werden muss. Es war die erste künstlerische Arbeit des jungen Mediziners 1975: In eine reinweisse polierte Marmorfläche schliff er ganz leichte Vertiefungen, in die er Milch einarbeitete. Diese Verschmelzung von hartem Material und einem vergänglichen Stoff prägt, möchte man sagen, das Schaffen des international vielfach ausgezeichneten Künstlers bis heute.

Konzentrierte Spannung

Wer erlebt hat, wie sich unter den eifrig fotografierenden Medienleuten eine Spannung und Konzentration aufbaute – kein Ton war zu hören – begriff auch ohne Erläuterungen des Kurators Philippe Büttner, welche Kraft den behutsamen Bewegungen Laibs innewohnt. Er «schafft» keine Kunst, er lässt sie entstehen. Aus Milch, aber auch aus anderen Materialien. Aus Blütenstaub zum Beispiel, den er in jahrelanger Arbeit in Gläsern sammelt, um ihn dann zu einer rechteckigen Fläche zu arrangieren oder zu kleinen Hügeln aufzuschichten.

Wolfgang Laib in voller Konzentration an der Arbeit an seinem «Milchstein».

Das ist dann kein «Werk aus Blütenstaub», das ist eine spirituelle Transformation, ist sichtbar gewordene Energie, eine «Berührung des Essenziellen», die der Ausstellung den Titel gibt. Und diese Kraft zieht sich durch das ganze Werk des Künstlers.

Es ist diese Zeitlosigkeit, die Laib geradezu prädestiniert für das neue Konzept «ReCollect!» des Kunsthauses, das heutige Kunstschaffende mit ausgewählten Werken aus der Sammlung in einen Dialog bringen will.

Spannende Dialoge

Zusammen mit Kurator und Freund Philipp Büttner sind so eigentliche Werkgruppen entstanden, die zu neuem Sehen einladen. Seien das nun Figuren von Alberto Giacometti, die zwischen «Reishäusern» von Laib stehen – die Frauen – oder gehen – der Mann. Sei das der schwarze, eiförmige «Brahamanda» aus indischem Granit, der Wassily Kandinsky Bild «Der schwarze Fleck» in eine massive Form überführt. Das Seerosenbild von Claude Monet an der Wand wird am Boden durch eine ganze Schar kleiner Messingschiffchen auf Reiswellen ergänzt und Ferdinand Hodlers schnell hingeworfene «Berggipfel am Morgen» finden ihre Entsprechung in einem kleinen «Berg» aus Blütenstaub, nicht schnell, sondern über Monate hinweg gesammelt.

Figuren von Giacometti und «Reishäuser» von Laib bilden zusammen eine Werkgruppe.

Rund 50 Arbeiten von Wolfgang Laib werden so etwa 30 Werken aus sechs Jahrhunderten aus der Sammlung des Kunsthauses gegenübergestellt. Eine Leihgabe der Museums Rietberg, eine Marmorstatue aus der Jain-Tradition, beeindruckt besonders. Sie verkörpert die indische Tradition der Gewaltlosigkeit und erhält im Zusammenhang mit Laibs «Milchstein» eine neue, tiefe Dimension.

Die Ausstellung «Berührung des Essenziellen» mit Werken von Wolfgang Laib wurde im bisherigen Giacometti-Bereich im ersten Stock des Müller Baus im Rahmen von «ReCollect!» eingerichtet. Das Schaffen von Alberto Giacometti wird fortan im ersten Stock des Chipperfield-Baus gezeigt.

Teaserbild: Kunsthaus, Rest b.r.

 

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1 Kommentar

  1. Milchstein

    Geschätzte Bernadette Reichlin
    Vor Jahren stieg ich mit einer kleinen Gruppe in die tiefen Gewölbe eines burgundischen Châteaus, schlenderte hinterher durch die zahlreichen Gestelle bis zur Degustation in der ronde de cave. Der Kellermeister beschrieb le terroir, die besondere Lage, die ausserordentliche Kunst seiner letztjährigen Création. Man suchte im Kerzenschein das Rubinrot in den eineinhalb Zentimetern, man roch tief im Glas und schlürfte andächtig den präsentierten Rebensaft. Die Kenner sprachen blumig von Früchten, nein, nicht fruits rouges, reife Himbeere, mit Sicherheit! Le maitre de chai blickte stolz. In meinem Glas duftete es nach viel Tannin, der Abgang erschien leicht sandig, das Rot leicht trüb. Ein Rebensaft vielleicht auf gutem Weg, es brauchte noch viel Geduld, Können und Glück. Toujours à mon avis. Unter connaisseurs, man war dabei!

    Wolfgang Leib gestaltet eine Milchstein, Vertiefungen im angeschliffenen Marmor fangen weisse Milch auf, ein Kunstwerk ohne Dauer. Kurators Philippe Büttner beschreibt, welche Kraft den behutsamen Bewegungen Laibs innewohnt. Die Medienleute ziehen weiter, das Bild im Handy, den bereits vorbereiteten Text in der Hand. Die connaisseurs et connaisseuses de l’art bleiben zurück, man war dabei!

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