Das Ortsmuseum Zollikon verbindet das Goldküstendorf am Zürcher Stadtrand regelmässig mit der weiten Welt. Diesmal sind es Plakate von Künstlern und Grafikern, die bei Paul Bender in Zollikon gedruckt wurden.
Die Ausstellung nennt sich Was ein Plakat erzählt. Gedruckte Geschichten aus der Graphischen Kunstanstalt Paul Bender und ist ein Stück Zolliker Geschichte im Weltformat, wie die Standardgrösse der Plakate heisst. Weltformat erreichte auch die Täufer-Tagung mit Stelen an Täufer-Liegenschaften, die das Ortsmuseum zum 500-Jahr-Jubiläum der Weltgemeinschaft der Mennoniten im Mai 2025 lancierte.
Ausstellungsansicht von Swissair über Bundesfeier im Krieg bis Junifestwochen
Nun also Plakate mit Strahlkraft über Zollikon hinaus. Sie sind so unterschiedlich wie ihre Auftraggeber – es geht um Konsumprodukte, Politik, Tourismus, Gewerbe, Kulturveranstaltungen. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich um Lithografien handelt, eine Druckmethode, die sehr viel Fachwissen und handwerkliche Präzision erfordert.
Bierwerbung ohne alles: das Highlight der Ausstellung
Das beste Plakat: Werbung für Bier 1958; das älteste: Werbung für Haematogen flüssig 1911; das jüngste: Werbung für Vivi Kola 1967. Über das beste Plakat in der Serie lässt sich zwar streiten, aber wenn der legendäre Werber Hermann Strittmatter (1941-2025) noch kurz vor seinem Tod ausgewählt hat, überzeugt das: «So schlicht, so gut – da stimmt einfach alles», sagte er hocherfreut über die pure Reduktion und perfekte Versuchung. Dieses Plakat, in Auftrag gegeben vom Schweizerischen Bierbrauerverein, ausgeführt vom ebenso legendären Willi Eidenbenz und gedruckt in der Zolliker Kunstanstalt Paul Bender, wirke ohne Titel umso stärker, befand Strittmatter, der die Eröffnung der Ausstellung nicht mehr erlebte.
Plakatausstellung am sogenannten «Schwarzen Brett» beim Bellevue anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Kunstanstalt Paul Bender, 1967. Aus dem Nachlass der Familie Bender (ein Firmenarchiv gibt es nicht)
Bei dem ältesten Plakat handelt es sich um Werbung für Haematogen, ein frei verkäufliches Medikament gegen Blutarmut, Eisenmangel und Rachitis, hergestellt aus gereinigtem Rinderblut. Der Arzt Adolf Hommel wurde mit dem und anderen Produkten ein reicher Mann. Haematogen-Riegel werden übrigens heute noch in Russland verkauft.
Vivi Kola, das Schweizer Konkurrenzgetränk zu Coca Cola oder Pepsi Cola gibt es wieder, zum Beispiel im Speisewagen und es schmeckt zunächst skeptischen Menschen besser als die Erfindungen aus den USA. Vivi Kola wurde 1938 lanciert, aber 1986 kam das Ende – bis 2008 ein Eglisauer die Markenrechte erwarb.
Ausstellungsansicht mit Schoggi und Schuhen
Damit sind drei der 47 Plakate genannt, die im Museum vom Keller bis zum Dachgeschoss und im Garten auf Stelen und an Wänden zu sehen sind, Plakate, mit denen einst im öffentlichen Raum geworben wurde. Das Spektrum ist sehr breit, geht von Suppenperlen bis Bundesfeier, darunter die Werbung für Konzerte und Festspiele, das einzige Exemplar in der Ausstellung, das eine Frau 1921 gestaltet hat. Plakate entwerfen war Männersache.
Im Museumsgarten: Als man noch braun werden wollte
Mehrfach sind Plakate für Hamol Ultra, einer Sonnenschutzcreme, vertreten. Und es versteht sich von selbst, dass die Kultmarken der Schweizer Industrie – Lindt, Riri oder Steinfels – dabei sind, alle Plakate gedruckt bei Paul Bender senior oder Paul Bender junior. Die Graphische Kunstanstalt Paul Bender wurde 1907 gegründet und schon 1911 erfolgreich an die Seestrasse 69 verlegt. Das Haus ist noch da, der Betrieb wurde mit dem Tod von Paul Bender junior 1968 aufgelöst und vergessen.
Ausstellungsansicht: Plakat mit beworbenem Produkt
Bis die Enkelin des Kunstmalers und Zeichners Fritz Boscovits, Regula Schmid, im Nachlass ihres Grossvaters auf Druckgrafik aus der Kunstanstalt Bender stiess. Die promovierte Kunsthistorikerin suchte Bruno Heller im Museum auf, das übrigens einst Fritz Boscovits‘ Atelier war, und beide einigten sich schnell, die Graphische Kunstanstalt Paul Bender aus der Versenkung zu holen. Heller hatte bei seiner früheren Arbeit im Museum für Gestaltung bereits mit Bender-Plakaten zu tun, den Druckvermerk jedoch nie beachtet. Allerdings erwarb er damals eine Kopie des Bierplakats für seine WG.
Plan für den Neubau an der Seestrasse von 1911
Plakate haben auch etwas zu erzählen. So wurde geplant, zu jedem Objekt eine Geschichte zu verfassen – entweder die Entstehungsgeschichte, oder auch ein paar Erinnerungszeilen, oder ein Text über den Auftraggeber oder das teils weltweite Renommee des beworbenen Produkts. Alles vereint in einem Begleitbooklet, viele Beiträge verfasst von Regula Schmid, Bruno Heller und seiner Mitarbeiterin Carina Blaser. Allerdings sind noch nicht alle Plakate betextet, Museumsdirektor Heller fordert die Besucher und Besucherinnen der Ausstellung auf, aus ihrem Fundus – egal ob Erinnerung oder Recherche – selbst eine Story zu dem Plakat, das sie speziell anspricht, zu verfassen.
Einzeldrucke der Arbeitsschritte für eine Farblithografie
Aber was wäre eine Plakatsammlung ohne Würdigung des Druckers? Eine Wand und eine lange Vitrine erzählen die Geschichte der Graphischen Kunstanstalt Paul Bender, die ausser Lithografien noch viel anderes produzierte, beispielsweise kolorierte Ansichtskarten, Bundesfeierkarten, Kunstreproduktionen, Bücher, Schulwandbilder und Firmenschilder.
Peter Friedli (*1937) in seinem Atelier im Tessin. Videostill © Bruno Heller
Und erst noch kann der Museumsdirketor ein ganz besonderes Objekt präsentieren, ein Videoporträt: Peter Friedli, heute wohnhaft im Tessin, hat in den 1950er Jahren bei Paul Bender als Lithograf gearbeitet. Jetzt erzählt er in einem wunderbaren Film, wie komplex die Plakatherstellung war, bevor der Offsetdruck die Lithografie und andere Druckverfahren verdrängte. Friedli erklärt in seinem Atelier anhand der Werkzeuge, die er trotz seines hohen Alters immer noch benutzt, wie ein Entwurf auf den Stein kommt, wie präzis man arbeiten muss und wie die verschiedenen Farben gehandhabt werden, damit die Vorlage des Künstlers oder Werbegrafikers fehlerfrei in hoher Auflage gedruckt werden kann. Regie, Kamera und Schnitt: Bruno Heller, von Beruf Museumsdirektor in Zollikon.
Titelbild: Ausstellungsansicht. Reklame für Stumpen mit Sonnenblume wäre heute kaum mehr denkbar.
Fotos: © Ortsmuseum Zollikon und ec
Bis 12. Juli 2026
Infos für Ihren Besuch mit Öffnungszeiten und Veranstaltungen
Seniorweb hat über die Täufertagung des Ortsmuseums Zollikon berichtet.

