Die Ausstellung im Landesmuseum «Seelenlandschaften. C. G. Jung und die Entdeckung der Psyche in der Schweiz» spiegelt die ganze Geschichte der Psychiatrie und Psychoanalyse zurück bis ins 18. Jahrhundert.
Erzählt wird die Entdeckung der Seele in der Aufklärung, die Entwicklung der Psychoanalyse von Sigmund Freud und C.G. Jung, dessen 150. Geburtstag als Anlass der Präsentation dient. Es geht um die Entwicklung der psychiatrischen Anstalten mit ihren Zwangsmethoden bis zur Entwicklung der Psychopharmaka und der Parallelentwicklung in der Kunst von Dada bis Art Brut.
Notizkärtchen von Jean Jacques Rousseau
Der Philosoph Jean Jacques Rousseau fand auf Spaziergängen für sich heraus, dass die Landschaft einen Einfluss auf die Seele hat. Seine Gedanken notierte er auf Jasskarten. Einmal glaubte er sich in der totalen Wildnis eines Walds, nach ein paar Schritten war er vor einer Strumpfmanufaktur.
Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr, 1790-1791
Landschaften von Caspar Wolf mit gewaltigen Gletschern, Blitzschlägen und Höhlen sind Visionen zu Rousseaus Beobachtungen. Und gleich daneben hängt eine der Ikonen dieser Ausstellung: Der Nachtmahr von Johann Heinrich Füssli von 1790/91. Ein Troll sitzt auf der Brust einer Liegenden, durch den dunklen Vorhang im Hintergrund fliegt ein Pferd mit blinden Augen in den Raum, schon als Malerei furchterregend.
Blick auf die Nietzsche-Vitrine im Vordergrund und die Grafik Tomus Secundus, 1619-1621
In der Aufklärung galt der Mensch als Maschine aus Leib und Seele. So entstand die Physiognomik, die Lehre vom Charakter, der sich aus dem Gesicht und der Kopfform ablesen lässt. Das führte ziemlich direkt in die Eugenik und die Rassenhygiene mit dem absolut schrecklichen Höhepunkt des Holocaust. Zeugnisse von Johann Caspar Lavater und seinen Nachfolgern, die aus Gesichtern Kriminelle zu erkennen meinten, belegen die Entwicklung. Die Schautafeln mit den gezeichneten Köpfen sind aufwühlend.
Ausstellungsansicht mit Leucht-Mandala
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Carl Gustav Jung mit seiner psychoanalytischen Schule. Jung hat als Assistenzarzt im Burghölzli bei Eugen Bleuler den Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud zutiefst bewundert. Aber später kam es zum Bruch zwischen den beiden Pionieren der Psychologie. Freuds Libido-Idee und der Rückführung von Störungen auf die verdrängte frühkindliche Sexualität – Stichworte: Überich-Ich-Es – passten Jung nicht. Er sah den Menschen und seine Psyche in einer kosmischen Ordnung, Stichworte sind das kollektive Unbewusste, Anima und Animus als komplementäre Kräfte.
Zeichnung aus dem Roten Buch von Carl Gustav Jung. © Stiftung der Werke von C. G. Jung, Zürich
Nach sieben Jahren intensivem Briefwechsel kappt Jung die Beziehung zu dem älteren Analytiker, dessen Traumdeutung als Grundlage der Heilung Furore gemacht hat, am 6. Januar 1913 mit dem endgültigen Hamlet-Zitat: «Der Rest ist Schweigen».
Viridarium Chimicum, 1624. Exemplar aus der Bibliothek von C.G. Jung
In der darauf folgenden Lebenskrise Jungs setzt die universale Ideen- und Fleissarbeit am Roten Buch ein, das in einer Vitrine gezeigt wird: Es ist eine Reise ins Unbewusste, Grundstein der analytischen Psychologie und verweist auf Träume, Mythen, Archetypen. Eine digitalisierte Fassung erlaubt es, in dem Konvolut – geschrieben teilweise in mittelalterlich anmutender Druck- und Kanzleischrift, versehen mit Majuskeln und Buchmalereien – virtuell zu blättern.
Emma Jung-Rauschenbach und Carl Gustav Jung. © Familienarchiv Jung, Küsnacht
Die freie Malerei, die als kreative Imagination innere Konflikte sichtbar macht, ist Teil der Therapie: Zeichnungen und Malereien von Patienten und Patientinnen, darunter viele Mandalas sind aus dem Fundus des C.G. Jung-Instituts, Zürich, in die Ausstellung gelangt. Was die Ausstellung auch dokumentiert: Die Hinwendung von C.G. Jung zur Ideologie des Nationalsozialismus um 1933. Der weit über die Schweizer Grenzen bekannte Analytiker trat erst 1939 als Präsident aus der Nazi-verseuchten Gesellschaft für Psychologie zurück und half jüdischen Kollegen bei der Flucht. Der Antisemitismus lässt sich in den Schriften jener Zeit nachweisen, nur ein «Ausrutscher», wie Jung sich später rechtfertigte, war es nicht.
Die Couch aus der Praxis von Goldy Parin-Matthèy und darübergehängt Fillette von Louise Bourgeois, 1968-69, Tate London
Frauen spielten sowohl bei Freud als auch bei Jung nicht nur als Patientinnen, sondern bei der Weiterentwicklung der Seelenheilkunde eine wichtige Rolle. Emma Jung hat wie ihr Mann als Analytikerin gearbeitet, nachdem sie zunächst auch bei Jungs Versuchen mit dem Galvanometer mitgemacht hat. Sabina Spielrein, Lou-Andreas Salomé, Toni Wolf oder Goldy Parin-Matthèy haben sich erfolgreich als Forscherinnen und Therapeutinnen von den Übervätern gelöst.
Psychoanalytischer Kongress 1911 in Weimar. Foto: Franz Välti.© Familienarchiv Jung, Küsnacht
In einem dritten Abschnitt zeigt Kurator Stefan Zweifel eine Psychogeographie der Schweiz, in der die Verbindung von Seele und Landschaft sichtbar wird. Verschiedene Karten und eine riesige Mindmap von Thomas Hirschhorn zu Friedrich Nietzsche gilt es zu entziffern. In der alternativen Naturheilanstalt auf dem Monte Verità etablieren sich auch Psychotherapeuten ohne Ausbildung, die radikalen Reformideen ziehen Anarchisten und Pazifisten an. Hermann Hesse lässt sich von einer Lebenskrise – niedergeschrieben im Steppenwolf – heilen und beginnt zu aquarellieren.
Adolf Wölfli: Irren=Anstalt Band=Heim, 1911. © Adolf Wölfli Stiftung, Kunstmuseum Bern
Kunstwerke aus Kliniken und von psychisch Kranken werden dank Jean Dubuffet als Art Brut anerkannt. Am bekanntesten ist das durch Klinikleiter Walter Morgenthaler geförderte Werk von Adolf Wölfli aus der Waldau. Dadaismus, Surrealismus und weitere Kunstrichtungen gehören in den Kontext der Seelenlandschaften: Meret Oppenheim mit dem Bild La fin embarrassée, Louise Bourgeois mit Fillette 1968, Madeleine Duras mit Nuclear Family, 2013, vertreten sind Erna Schillig, H.R. Giger und weitere. Kerim Seiler hat sich 2007 mit Holotypes den Rorschachtest vorgenommen, von Sophie Taeuber-Arp ist ein Gewand nach Kachina-Puppen sowie zwei Marionetten von 1918, Dr. Komplex und Freudanalytikus, ausgestellt.
Die Folter-Puppenstube in einer Vitrine
Aber der Blick auf die Psychogeographie der Schweiz richtet sich auch auf die düsteren Seiten der Psychiatrie bis in die Gegenwart. Im 19. Jahrhundert waren Anstalten für die Versorgung und Behandlung von Irren und psychisch Kranken oft in Klöstern eingerichtet. Hauptziel war, die Internierten ruhig zu stellen, was heute mit Medikamenten weniger brutal immer noch geschieht. Endlich werden auch psychoaktive Substanzen wie LSD in Therapien getestet und angewendet.
Annemarie von Matt: Ecce Demens 1949/50. Nidwaldner Museum Stans
In Vitrinen ist Folterwerkzeug aus der Frühzeit, unter anderem Zwangsjacken, ausgestellt, dazu eine Art Puppenhaus, in dem gefolterte Patienten gezeigt werden. Alles im Dienst der Heilung und der Wissenschaft. Das ist zwar Geschichte, aber das Einsperren von Menschen, die nicht der Norm entsprachen, war auch Mitte des 20. Jahrhunderts üblich. Die Schriftstellerin Mariella Mehr war wie schon ihre Mutter ein Opfer der Aktion Kinder der Landstrasse. Ein Videodokument zeigt, wie sie mit anderen Jenischen eine Pressekonferenz der Pro Juventute sprengt. Matto regiert von Friedrich Glauser oder Robert Walsers Mikroskripte waren Versuche im Schreiben als Ausweg.
Heidi Bucher: Das Audienzzimmer des Doktor Binswanger, 1988
Als Abchluss der umfangreichen Präsentation hängt Heidi Buchers Latexabguss aus dem Bellevue-Sanatorium als feministische Kritik an der männerdominierten Psychoanalyse und Psychiatrie über dem Museumspublikum. In einem Nebenraum und auf den Treppenstufen laden Liegen und Kissen zur Meditation oder zum Anhören aktueller Stimmen von Fachleuten und Jugendlichen ein.
Titelbild: C. G. Jung: Kugelvision III, 1919. © Familienarchiv Jung, Küsnacht
Fotos: © Schweiz. Nationalmuseum und E. Caflisch
Bis: 14. Januar 1926
Informationen für den Besuch der Ausstellung «Seelenlandschaften»
Kurator Stefan Zweifel führt mit einem Audio durch die Ausstellung
Begleitbuch: Seelenlandschaften hg. vom Schweizerischen Landesmuseum. Verlag Scheidegger & Spiess, 2025. ISBN 978-3-03942-277-7 (auch in englisch)







