StartseiteMagazinLebensartBerlin: Dunkle Ecken aus dunklen Zeiten

Berlin: Dunkle Ecken aus dunklen Zeiten

Flaktürme aus dem 2. Weltkrieg, Flucht- und Spionagetunnels aus DDR-Zeiten: Wer Berlins Geschichte von einer anderen Seite kennenlernen will, sollte einmal in den Untergrund abtauchen. Der Verein Berliner Unterwelten machts möglich.

Berlin ist immer eine Reise wert. Wer das pulsierende Leben sucht, befindet sich in der deutschen Hauptstadt am richtigen Ort; und vor allem auch, wer mehr über die triste Vergangenheit erfahren möchte. Man findet überall Zeichen, stolpert zum Beispiel sinnbildlich über sie. So wird auf unzähligen kleinen Messingplatten am Boden über das Schicksal von Verfolgten zur Zeit des Nationalsozialismus erinnert.

Und noch ein Stockwerk tiefer gibt es zahlreiche dunkle Ecken aus früheren dunklen Zeiten in dieser Metropole zu entdecken. Denn Berlins Oberfläche ist nur der sichtbare Teil der Stadt. Der Untergrund ist löchrig wie ein Schweizer Käse. Unter den grossen Plätzen und Strassen schlummern Relikte, Tunnel und geheime Gänge aus der wechselvollen Geschichte.

Runter und noch weiter runter

Runter, runter und noch weiter runter, scheint das Motto auf den Touren durch den Berliner Untergrund zu lauten, welche Touristinnen und Touristen aus aller Welt in reicher Zahl angeboten werden.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht uns beim Abstieg durch die engen Treppen. Helmtragen ist Pflicht, ein Abstand von mindestens drei Metern zwischen zwei Personen muss eingehalten werden. Frei tragende Abdeckungen bieten schwindelerregende Blicke in den Abgrund. Wir befinden uns beim Volkspark Humboldthain, genau genommen inmitten eines Trümmerberges.

Aussensicht von der Flak-Bunkerruine Humboldthain. Foto: Berliner Unterwelten e.V. / Holger Happel

«Blicken Sie einmal auf diese Berlin-Karte aus dem Jahre 1945: Fällt Ihnen etwas auf?» Niemand der knapp zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher kann die Frage des Tourenführers beantworten, obwohl sicher die meisten schon Bilder von der zerstörten Hauptstadt nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen haben.

«Praktisch alle Häuser rund um uns herum sind intakt geblieben», klärt der Mann auf. Dass die Flugzeuge der Alliierten im Krieg einen weiten Bogen um diese Gegend machten, leuchtet ein: Eines der drei Flakturmpaare, die auf persönlichen Befehl Hitlers um 1940 in Berlin aufgestellt wurden, hatte seinen Standort hier im Volkspark Humboldthain. Die Festung galt als uneinnehmbar, und sie war es auch.

Die Türme dienten nicht nur als Schiessanlage. Unter den meterdicken Stahlbetonplatten fanden auch Tausende von Zivilisten bei Bombenangriffen Schutz. Nach dem Krieg wurden die Flaktürme gesprengt, ein Teil des Geschützraums blieb als Ruine erhalten.

Trümmer als Touristenattraktion

Diese Schrecken der Vergangenheit können heute von jedermann besichtigt werden. Freiwillige der «Berliner Unterwelten e.V.», die Gesellschaft zur Erforschung und Dokumentation unterirdischer Bauten, haben den Trümmerschutt bewegt, eine Touristenattraktion daraus gemacht und den Ort zugleich zu einem bedeutenden Winterquartier für Fledermäuse ausgebaut. Der Hauptsitz des Vereins befindet sich in einem ehemaligen Bunker.

Flak-Bunkerruine Humboldthain, Blick über die Schutthalde. Foto: Berliner Unterwelten e.V. / Holger Happel

Der Standort Humboldthain ist aber nur einer von vielen Orten im Untergrund Berlins, wo Reste aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu bestaunen sind. Beispiel Gesundbrunnen: Täglich laufen heute Tausende von Menschen an einer grünen Tür am dortigen U-Bahnhof vorbei, wohl ohne zu ahnen, dass sich dahinter geschichtsträchtige Räume verbergen. In unterirdischen Schutzräumen suchten die Menschen zu Kriegszeiten auf mehreren Etagen Schutz vor Bomben. Nach dem Krieg hatten die Alliierten auf eine Sprengung der Anlage verzichtet, weil dadurch der U-Bahntunnel gefährdet worden wäre. Man kann nur erahnen, wie die Menschen hier eng aneinandergepfercht gehaust haben müssen. Der Begriff «Dichtestress» hätte damals sicher seine Berechtigung gehabt.

Fluchtversuche und Geisterbahnhöfe

Aber nicht nur der Zweite Weltkrieg hinterliess sehenswürdige und nachdenklich stimmende Spuren unter der Erde. In einer Tour der Gesellschaft Unterwelten wird auch die Geschichte der Mauerdurchbrüche erzählt, ebenso erfährt man viel Interessantes über erfolgreiche und weniger erfolgreiche unterirdische Fluchtversuche und Geisterbahnhöfe während des SED-Regimes;  der Kalte Krieg live in unterschiedlichsten Facetten.

Blick auf den Liegeraum einer Zivilschutzanlage an der Pankstrasse. Foto: Berliner Unterwelten e.V. / Holger Happel

Bei allen Führungen ist gutes Schuhwerk und warme Kleidung kein Nachteil (Temperaturen zu jeder Jahreszeit um die zehn Grad). Der Verein Unterwelten möchte für die Führungen aufgrund der Inhalte eher Erwachsene ansprechen. Von einer bestimmten Tour abgesehen mit dem Titel «Mama, was ist ein Bunker?» dürfen Kinder unter sieben Jahren nicht an den Touren teilnehmen. Jugendlichen wird der Besuch erst ab etwa 15 Jahren empfohlen. Aus baulichen Gründen sind die Anlagen zudem nicht barrierefrei zugänglich. Besucherinnen und Besucher sollten noch relativ gut zu Fuss sein.

Zivilschutzanlage Blochplatz, U-Bahnhof und Mehrzweckanlage Pankstrasse. Foto: Berliner Unterwelten e.V. / Holger Happel

Das Fotografieren und Filmen ist nicht gestattet. Eintrittskarten sind nur für den jeweiligen Tour-Tag erhältlich. Es gibt keinen Vorverkauf, auch keine Reservierungs- oder Anmeldemöglichkeit.

Neben den Führungen besteht noch die Möglichkeit, das Berliner Unterwelten-Museum am Gesundbrunnen zu besichtigen. Es erzählt unter anderem die Geschichte vom Luftschutz und der Rohrpost. Ebenso befindet sich dort eine Dauerausstellung zur NS-Architektur in Berlin.

Titelbild: Stolpersteine: Erinnerung an die Opfer des 2. Weltkriegs. Foto: Markus Sutter

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