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Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Seit langem beschäftigt sich Florianne Koechlin, ausgewiesene Biologin und Autorin, mit Themen, die in der Biologie vielversprechende Wege und Auswege aus aktuellen Sackgassen und Dilemmata aufzeigen. Ihr neues Buch handelt von Bakterienfressern.

Die Furcht, keine wirksamen Antibiotika mehr zur Verfügung zu haben, macht nicht nur Ärztinnen und Ärzten Kopfschmerzen. Es ist uns bewusst geworden, dass durch übermässigen Gebrauch in der Medizin und in der Landwirtschaft (Viehzucht) gewisse Antibiotika nicht mehr helfen. – Wie sollen solche Krankheiten, besonders Infektionskrankheiten behandelt werden?

Diese Frage macht Florianne Koechlin nicht ratlos, sondern spornt ihren Entdeckergeist an. So gut sie weltweit mit unzähligen Forscherinnen und Forschern vernetzt ist, so wahrscheinlich ist es, dass sie Wege entdeckt, wo und wie man die resistent gewordenen Antibiotika loswerden könnte.

Sie nennt es einen Zufall, dass sie mit Freunden eine Reise nach Georgien geplant hatte, und vorher einen Wissenschaftsartikel zu lesen bekam, der das Eliava–Institut in Tbilissi, der Hauptstadt Georgiens, erwähnte. Sie wusste nun, wohin sie in Georgien unbedingt gehen wollte. Das Eliava-Institut ist nämlich weltweit führend in der Erforschung von Bakteriophagen und der Methoden, wie man diese zur Heilung von Infektionskrankheiten einsetzen kann.

Bakteriophagen – nützliche Viren

Bakteriophagen («Bakterienfresser»), «kurz Phagen genannt, sind eine spezielle Art von Viren, die Bakterien angreifen», schreibt Koechlin und fährt fort: «Für Menschen sind sie im Unterschied zu vielen anderen Viren nicht etwa gefährlich, sondern ganz im Gegenteil: Sie können Leben retten.» – Nämlich genau dann, wenn Antibiotika versagen. Die Bezeichnung «Phage» ist vom griechischen Wort für «fressen» – phageín – abgeleitet.

Im Eliava-Institut werden seit 1923 Bakteriophagen erforscht und Kranke damit behandelt. – Damals gab es noch keine Antibiotika! – Die Klinik in Tbilissi besteht aus einem Diagnostikzentrum, einer Phagen-Produktionsanlage und einer eigenen Apotheke. Im Eliava-Institut befindet sich die weltweit grösste Sammlung dieser besonderen Viren, die Bakterien «auffressen».

Über den Gründer Giorgi Eliava (1892-1937) erfährt die Autorin, dass ihm widerfuhr, was in der Zeit des Stalin-Terrors leider häufig geschah: Er und seine Ehefrau wurden nach scheinheiligen Vorwürfen ermordet. Sein Institut blieb bestehen, obwohl viele seiner Unterlagen vernichtet wurden.

Wie es zur Entdeckung der Bakterienfresser kam, ist eine spannende Geschichte: Der frankokanadische Mikrobiologe Félix d’Hérelle (1873-1949) hatte entdeckt, dass spezielle Viren Löcher in eine Bakterienkultur gefressen hatten – so entstand der Name. D’Hérelles Kollegen interessierten sich nicht für seine Entdeckung, Eliava jedoch hatte mit Cholerabakterien schon etwas Ähnliches beobachtet.

Die beiden arbeiteten zusammen, Eliava kehrte nach 1920 nach Georgien zurück, d’Hérelle begleitete ihn und arbeitete mit ihm zusammen, bis Stalin Eliava ermorden liess. Félix d’Hérelle brachte sich in Sicherheit und kam nie wieder nach Georgien zurück.

Das Elektronenmikroskop kam später

Das Besondere an der Entdeckung war, dass die Forscher die Phagen gar nicht sehen konnten, nur ihre Wirkung! Erst die Entwicklung des Elektronenmikroskops machte die Phagen sichtbar. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass erst in den 1940er Jahren die ersten Antibiotika als Medikamente zur Verfügung standen.

In den Jahrzehnten der Sowjetunion hatte das Eliava-Institut einen wichtigen Platz im Medizinsystem, denn Antibiotika waren dort selten verfügbar und teuer. Mitte der 1980er Jahre hatte das Eliava-Institut 800 Angestellte und produzierte 4 Tonnen Phagen-Produkte wöchentlich, erfuhr die Autorin. Sie beschreibt genau, welche Schwierigkeiten und Möglichkeiten die Phagen-Therapie bremsten oder förderten.

Florianne Koechlin wäre nicht die hartnäckige Forscherin, wenn sie sich damit zufrieden gäbe, eine interessante, aber wenig bekannte Forschungsstätte und eine Therapiemethode kennengelernt zu haben.

Florianne Koechlin  © Günter Spaar

Als Gentechkritikerin und Verfasserin verschiedener Bücher und zahlreicher Artikel zu diesen Themen wurde Florianne Koechlin (*1948) bekannt. Sie befasst sich mit neuen Erkenntnissen zu Pflanzen und anderen Lebewesen (insbesondere Pflanzenkommunikation und Beziehungsnetzen) und mit zukunftsfähigen Konzepten in der Landwirtschaft. Ausserdem ist sie Geschäftsführerin des Blauen-Instituts und als Malerin tätig. Ihre zarten Aquarelle lockern wie in ihren anderen Büchern auch diesen Text auf.

Nur das erste Kapitel des vorliegenden Buches ist dem Eliava-Institut gewidmet, gefolgt von erfolgreichen Krankengeschichten. Den Rest füllt Koechlins Recherche, was im 21. Jahrhundert von der erfolgreichen Methode eines georgischen Arztes weiterlebt und wie sie die Antibiotika und deren schwindende Wirksamkeit ersetzen könnte.

Dazu trifft die Autorin u.a. den Journalisten Thomas Häusler, dessen regelmässige Wissenschaftssendung von SRF weggespart wurde, und die Grande Dame der Viren- und Phagenforschung Karin Mölling. Am Ende jeden Kapitels fügt sie kurze Berichte über dokumentierte Fälle an.

Die ersten Erfolge der Antibiotika machten übermütig

Einer der Gründe, weshalb Antibiotika nicht mehr wirken, besteht in der übermässigen Menge, in der sie verabreicht werden, vor allem vorbeugend in der Kälbermast. Darüber spricht Koechlin mit dem Tierarzt Michael Walkenhorst. Sie interessiert sich dafür, wo seit kurzem Phagen erfolgreich eingesetzt werden, nämlich in Afrika, genau um teure Antibiotika zu vermeiden.

Sie besucht in Salzburg Günther Witzany, mit dem sie früher über Pflanzenkommunikation diskutiert hat und der ihr erklärt, weshalb er die «Sprache der Phagen» untersucht. Daraus ergibt sich die Frage, ob Phagen bzw. alle Viren Lebewesen sind oder nicht.

Nur die dringendste Frage, warum Phagen als Therapie nur an vereinzelten Orten eingesetzt werden, diese Frage muss Florianne Koechlin unbeantwortet stehen lassen. – Das Buch behandelt ein wichtiges Kapitel der aktuellen Medizin, es ist fesselnd und stets verständlich geschrieben. Ein umfangreicher Anhang mit Erklärungen und Buchempfehlungen lädt zum Weiterschmökern an.

Florianne Koechlin: Bakterienfresser. Viren, die heilen, wo Antibiotika versagen. 183 Seiten. 2026 Lenos Verlag.   ISBN 978-3-03925-058-5

Titelbild:  Mikroskopische Illustration: Bakterien mit Flagellen (Foto: Pixabay)

 

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