Hier leben Jessica, Perla, Julie, Naïma und Ariane, jede von schwieriger Vergangenheit, Armut, familiären Konflikten und gesellschaftlichen Hürden geprägt. Trotz der herausfordernden Umstände teilen sie den gemeinsamen Traum, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
Zum ersten Mal präsentieren die Meister des sozialen Kinos, die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, eine Ensemblegeschichte. Für das Sozialdrama mit fünf jungen Müttern gewannen sie in Cannes den Preis für das beste Drehbuch und den Preis der Ökumenischen Jury. Ab 15. Januar 2026 im Kino.
Was Jean-Pierre (74) und Luc (71) Dardenne uns mit «Jeunes mères» schenken, ist für mich das überzeugende Gegen-Bild von dem, was die Medien vom aktuellen Weltgeschehen auf uns niederprasselt lassen und was uns kaputt macht: Absurditäten, Gemeinheiten, Lügen und Brutalitäten. Hier im Film sind es echte Menschen mit menschlichem Denken und Fühlen, die für ein besseres Leben kämpfen und sich gegenseitig helfen. Diese Schönheit und Menschlichkeit lassen uns Anteil nehmen und da und dort zu Tränen rühren. ‒ Mehr meiner Wertung findet sich am Schluss. Nachfolgend und im Anhang führen uns die Filmemacher mit ihren «Arbeitsnotizen» so gut in den Film ein, wie ich es nicht hätte tun können.
Aus den «Arbeitsnotizen» von Jean-Pierre und Luc Dardenne
22. Dezember 2023: Als wir die sogenannte «Mutter-Kind-Einrichtung» in der Nähe von Liège besuchten, geschah dies im Rahmen der Arbeit an einem Drehbuch mit nur einer Hauptfigur: einer jungen Frau, deren Leben sich um die Mutterschaft drehte und die versuchte, eine Verbindung zu ihrem Baby aufzubauen.
Als wir die Einrichtung entdeckten, verbrachten wir dort einige Stunden, um uns mit ihrer Funktionsweise vertraut zu machen. Wir unterhielten uns mit den jungen, meist minderjährigen alleinerziehenden Müttern, den Erzieherinnen und der Psychologin. Dabei hat uns vorderhand das gemeinsame Leben an diesem Ort interessiert: die Mahlzeiten, die Bäder für die Babys, die Gespräche über Themen rund um Mutterschaft, Gewalt, Abhängigkeiten.
Ein kurzer Bericht, den eine Praktikantin über diese Momente des Zusammenlebens erstellt hatte, brachte uns dazu, an diesen Ort zurückzukehren, um uns den persönlichen Lebensgeschichten der jungen Mütter zu nähern. Denn so sehr es Momente des Zusammenlebens gibt, so sehr gibt es auch einsame Moment, in denen die jungen Frauen mit ihren Ängsten und Hoffnungen ringen, manchmal auch mit Illusionen bezüglich ihrer neuen Rolle als Mutter, meist als alleinerziehende Mutter.
Sie machen sich Gedanken über ihre Familien, aus denen sie stammen und zu denen sie zurückkehren oder nicht zurückkehren, über die Väter, die oft abwesend oder nicht existent sind und über ihre Zukunft. Wird es eine Zukunft mit oder ohne Kind, falls es in eine Pflegefamilie gegeben wird, wie sieht ihr schulischer und berufliche Weg aus, werden sie fähig sein, ein selbstständiges Leben zu führen?
Jessica mit Betreuerin Yasmine und Alba
Im Anschluss an diesen Aufenthalt in der Mutter-Kind-Einrichtung entstand der Gedanke, keinen Film mit nur einer Hauptfigur zu machen, sondern mit vier Hauptfiguren und einer fünften, deren Geschichte kürzer ist. Um fünf Geschichten in einem Film zu vereinen, war es uns wichtig, nicht in formelhaften Konstruktionen zu verfallen, die einzelnen Geschichten also nicht nur im Hinblick auf eine übergeordnete Gesamtgeschichte zu entwerfen, die beispielsweise die Geschichte eines Ortes, in diesem Fall der Mutter-Kind-Einrichtung, wäre.
Wir haben jede Geschichte individuell auf jede junge Mutter und ihr Kind zugeschnitten und versucht, uns so nah wie möglich dem inneren Antrieb jeder Einzelnen anzunähern. Wir liessen uns leiten von der inneren Notwendigkeit jedes einzelnen Lebensweges innerhalb und ausserhalb der Einrichtung, um einen Film zu schaffen, der zwar ein Gruppenporträt ist, aber in erster Linie fünf Porträts junger Mütter zeigt, die jeweils ihre eigene Geschichte leben, geprägt von sozialen Umständen und persönlichen Gefühlsbeziehungen. Auf die Individualität jeder Figur, jedes jungen Mädchens mit einem Kleinkind, einzugehen, bedeutet nicht, dass es nichts gibt, was sie verbindet.
Was sie verbindet, ist die frühe Mutterschaft, die mit der sozialen Prägung durch Armut und bestimmten emotionalen Mangelerfahrungen zusammenhängt, die oft zur Wiederholung derselben Verhaltensweisen von Generation zu Generation führen. Genau davon versuchen sie, sich zu befreien. Und gerade in diesem Versuch erscheinen sie einzigartig, lebendig, einmalig, sie hören in gewisser Weise auf, Figuren zu sein, um zu Personen zu werden.
Perla mit Noé und Ariane mit Lili
3. Juli 2024: In den langen Dialogszenen lange Pausen ausprobieren. Pausen, um dem Inneren der Figuren näherzukommen.
28. Juli 2024: Wir haben die Intuition, dass die Sequenzen in der Einrichtung genau dort gedreht werden müssen, wo wir inspiriert wurden. Nicht woanders hingehen oder ein Set bauen. In diesem Haus drehen und keinerlei Dekor- oder Licht-Elemente hinzufügen.
6. August 2024: Die Proben ermöglichen es uns, Aufnahmen zu finden und vor allem von der Spontaneität des Spiels der fünf beim Casting ausgewählten jungen Mädchen überrascht zu werden. Es liegt an uns, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, dieser Spontaneität Raum zu geben. Sie nicht durch unsere Vorgaben festzulegen.
8. Januar 2025: Wir beenden den Schnitt. Wir sind glücklich, den Film so gemacht zu haben, wie wir ihn gemacht haben. Es scheint uns, dass uns diese fünf jungen Mütter zu den grundlegendsten Emotionen geführt haben.
Julie und Dylan mit ihrem Baby Mia
Sieben Sterne für «Jeunes mères»
* Nur selten hat mich in letzter Zeit ein Film ähnlich intensiv berührt wie «Jeunes mères». Was könnte der Grund sein? Zuerst wohl, so vermute ich, die Authentizität und Empathie der jungen Protagonistinnen.
* Ihre grossartige Performance wurde wahrscheinlich von den beiden belgischen Filmemachern Jean-Pierre und Luc Dardenne mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung geweckt und zur vollen Entfaltung gebracht.
* Das Spezielle des Brüderpaares und ihrer Filmarbeit sind neben der bis in die letzten Details und Feinheiten wirkende Professionalität ihre Herzen, die immer für Menschen schlagen; ich kann es nicht anders sagen.
* «Jeunes mères» ist nicht nur ein Film über fünf jungen Frauen und ihre Lebenswelt, sondern darüber hinaus für alle jungen und älteren Menschen, uns alle; ich denke, das war die Absicht der zwei sozialen Chronisten des Kinos.
* Der Film ist für mich ein leuchtendes Gegen-Bild zu dem, was wir aktuell an Unmenschlichkeit erleben und dessen Ab-Bild die Medien wiedergeben; er wird zum Sinn-Bild dafür, dass es Menschlichkeit doch noch gibt.
* Einen Stern gebe ich dem leise Hoffnung versprechenden Schluss mit dem Chanson «L’Adieu» von Guillaume Apollinaire, gespielt und gesungen von der als Nebenhochzeiterin für Julie und Dylan angefragten Lehrerin.
* Wird es nicht, so frage ich, immer wieder neu Weihnachten, wenn Mütter und im Hintergrund auch gelegentlich Väter sich dafür engagieren, ihren Kindern ein besseres Leben, eine glücklichere Welt zu schaffen?
Weitere Filme der Gebrüder Dardenne
Die Besprechungen der folgenden auf dieser Website vorgestellten Filme zeigen, wie die Gebrüder Dardenne immer schon ähnlich gearbeitet haben: «Tori et Lokita», «La fille inconnue», «Deux jours, une nuit», «Le jeune Ahmed», «Le gamin au vélo», «Rosetta»
Titelbild: Ariane, Jessica, Naïma, Perla, Julie (von links)
Weitere Arbeitsnotizen der Gebrüder Dardenne zu «Jeunes mères»

Bin 75 und glaube nicht, dass eine Gesellschaft, die Alleinerziehende «produziert» überlebt. Für die Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf.