StartseiteMagazinKulturEine Schweizer Familienchronik

Eine Schweizer Familienchronik

«Mein Grossvater war der Kaminfeger des Dorfes, und als Dachdecker liebte er es, auf Kirchtürmen zu arbeiten. Für mich als Bub war er ein Glücksbringer und starker Mann, ich eiferte ihm nach und wollte mehr erfahren über seine Herkunft. Doch sein Sturz vom Dach veränderte alles.» Mit dem Dokumentarfilm «Der Mann auf dem Kirchturm» taucht der Innerschweizer Filmemacher Edwin Beeler tief ein in die Geschichte des Grossvaters, seiner Familie und des Dorfes: bewegend und tiefsinnig. Ab 10. Januar im Kino

«Hauptprotagonistin ist meine 88-jährige Mutter. Zusammen mit drei anderen Geschwistern blickt sie auf ihr Leben zurück, erinnert sich an weibliche Rollenzuweisungen, ihre Eltern und wie sie mit dem Tod umgegangen ist. Mir scheint, mein Grossvater wurde mit einem Rollenverständnis sozialisiert, das emotionale Offenheit bei Männern als Schwäche wertet, seine Gefühle konnte er weder erkennen noch ausdrücken. An meinem 31. Geburtstag verändert ein Unglück alles, und es stellen sich Fragen: zu einem generationenübergreifenden Trauma, männlicher Dominanz, weiblicher Unterordnung und zur eigenen Identität.»

Wer auf der Spur von Edwin Beeler weiter versuchen will, die Welt, die Menschen und sich selbst besser zu verstehen, kann es mit weiteren Filmen von ihm versuchen: Hexenkinder» 2020, «Arme Seelen» 2011, «Bruder Klaus» 2022.

Kirchturm.1.1Der Kaminfeger und Dachdecker von Oberägeri

«Der Mann auf dem Kirchturm» beginnt auf ungewohnte, eindrückliche Weise: «Es hiess…, «Sie hätten…, «Man habe gesehen…, «Darauf sei der Name gestanden…, «Was es bedeutet habe…, «Das nannten die Dorfleute den Steinhaufen…» Diese Art, sich den Menschen vorsichtig, respektvoll und anteilnehmend zu nähern, lädt ein, selbst vorsichtig, respektvoll und anteilnehmend in den Film einzusteigen und darüber zu sinnieren. Der erste eindeutige, bestimmte Satz im Indikativ heisst: «Der Kaminfeger war mein Grossvater.»

Eingeführt wird der Film mit drei Brüdern beim Kartenspiel. Sie lebten im selben Haus wie der spätere Kaminfeger, gefolgt von dunklen Landschaften und geheimnisvollen Klängen, bis der Bub (der etwa achtjährige nachgespielte Edwin) mit einem Holzschiffchen im Dorfbach spielt, im Off von einer männliche Stimme begleitet:

«Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, erscheint sie mir wie ein Traum aus ferner Vergangenheit: Die Gedanken reichen zurück an Orte, die kaum Kummer kannten, dort war ich ganz bei mir, fühlte mich frei, war unbeschwert im Hier und Jetzt. Das Dorf meiner Grosseltern war für mich ein Stück heile Welt.

Oft ist es mir, als würden sie noch leben, der Grossvater sässe noch am Tisch, dort, wo er immer sass. Ich sass ihm gegenüber und spielte, er las die Zeitung oder das Amtsblatt, und manchmal sah er mir beim Spielen zu. Seit einigen Jahren träume ich oft von meinen Grosseltern. In diesen Träumen weiss ich, dass sie eigentlich gestorben sind, und doch sind sie da. Sie bewegen sich in ihrem Haus wie freundliche Geister. Sie stehen unter der Tür, lächeln mich an und nicken mir zu.

Mir ist, als wäre der Geist des alten Hauses noch da, würde sich hinter der Fassade verstecken, wie ein Schatten aus ferner Vergangenheit. Ich erinnerte mich, wie ich im Estrich meiner Grosseltern herumstöberte und dabei auf Bilder von Verstorbenen gestossen bin, Bilder meiner Vorfahren, Eltern, meines Grossvaters, des Wagnermeisters, und seiner Frau.»

Diese Sätze und alle folgenden spricht, wie schon in Beelers letztem Film, Hanspeter Müller-Drossaart: ruhig und bedächtig, sich leise nähernd: an die Männer und Frauen, die Alten und Jungen, die Familie des Kaminfegers, seine Verwandten, die Bewohnerinnen und Bewohner von Oberägeri, anfangs im Hintergrund, später immer mehr im Vordergrund der Grossvater. Es sind seine Liebsten, Menschen, die einst lebten und jetzt im Film wieder aufleben, still und intim, in dieser wie in einer anderen Welt.

Kirchturm.2.2Das «alter ego» von Edwin Beeler mit «Clown Jimmy», dem Blechspielzeug

Am Rand bemerkt

«Wir sind deine Urahnen, ohne uns gäbe es dich nicht. Was wir jetzt sind, wirst du auch einmal sein. Als mein Grossvater noch lebte, habe ich ihn nach seinem Grossvater gefragt. Ich habe eine Mutter und einen Vater, je zwei Grossväter und zwei Grossmütter, vier Urgrossväter und Urgrossmütter, acht Ururgrossväter und Ururgrossmütter und so weiter. Wie viele der Vorfahren wären das insgesamt zurück bis Adam und Eva?»

Kirchturm.8.8 Der alt Bürgerratspräsident (links) und Beelers Onkel

Viel Platz nehmen im Film das Dorf und seine Bewohnerinnen und Bewohner ein, ihre Namen und Übernamen heruntergebeten wie eine Litanei erinnern an eine fremde Welt. Man erfährt, dass es damals noch viele Läden und noch mehr Restaurants gab, die heute sonntags meistens geschlossen sind: «Die Gesellschaft ist tot», sagt dazu der ehemalige Bürgerratspräsident. Auch hat sich die Bevölkerung im Lauf der Jahre verändert. Wohlhabende gab es schon immer, doch Villen mit 15 Garagen und dass man ohne Englischkenntnisse nicht weit kommt, ist neu.

Kirchturm.4.4 Edwin Beelers Tante inks) und seine Mutter

Im Zivilgesetzbuch wurden die Rollen für Mann und Frau genau umschrieben, weshalb es klar war, dass man bei den Klosterfrauen, beim Pfarrer und beim Polizisten nichts sagen durfte. Und im Hauswirtschaftsheft hiess es: «1. Gott hat diesen Beruf in die Hände der Mädchen gelegt, 2. Sie sind das Fundament des häuslichen Glücks, 3. Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.» Den Töchtern hat der Grossvater befohlen, den Buben liess er machen.

Kirchturm.5.5 Was ging am Schluss wohl durch diesen Kopf?

Nach dem Sinn des Sinns gefragt

Nach dem tragischen, unerklärlichen Tod blieb allen nur das Fragen.

Der Filmemacher versucht, sich den letzten Tag im Leben seines Grossvaters vorzustellen, «wie einen Film, der vor mir abläuft, den ich stoppen und zurückspulen kann, um besser fassen zu können, was geschehen ist. Meine Grossmutter ist der letzte Mensch, mit dem er gesprochen hat. Später wird sie erzählen, er sei zu ihr ins Stübli gekommen und habe gesagt, er gehe in den Keller, um Holz zu sägen. Ich frage mich, wann hat er sich zur Tat entschieden: am Tag zuvor, am Vormittag, als er in der Küche sass und meine Mutter versuchte, ihn zu trösten, oder erst auf dem Weg in den Keller?»

Die Tochter des Kaminfegers und Mutter des Filmemachers erinnert sich an diesen Tag: «Irgendwie habe ich gespürt, dass etwas nicht stimmte, als mich mein Schwager Thomas angerufen hat. In Gottes Namen, da kannst du nichts machen, so ist es.»

Fragen tauchen auf, die sich nach der Tat wohl viele Angehörige von Suizidenten stellen: «Was ging in ihm vor? Plante er seine Tat? Wusste er, was er tut? Gedankenfetzen? Hatte er noch Zweifel? Dachte er an seine Frau? Dachte er an seine Kinder und Enkelkinder? Und überhaupt: Konnte er noch denken?» Alle fragten und fragten, Antworten gab es keine.

Gedanken von Edwin Beeler zum Film «Der Mann auf dem Kirchturm»

Regie: Edwin Beeler, Produktion: 2025, Länge: 80 Min, Verleih: Calypso

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