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Ein Gläschen in Ehren …

In Europa tobt ein Kulturkampf, werden jahrhundertalte Werte in Frage gestellt, über Generationen weiter gegebenes Wissen und Handwerk scheint bedroht. Auslöser ist eine 2023 von der Weltgesundheits-Organisation WHO Erklärung, wonach es beim Alkohol keine unbedenkliche Menge gebe.

Wer sich aktuell dem «Dry January» hingibt, dem Januar ohne Alkoholkonsum, profitiert von vielen Vorteilen: Besserer Schlaf, glattere Haut, einen klareren Kopf, sinkender Blutdruck und weniger Stress. Heisst im Umkehrschluss: Alkohol schadet uns auf breiter Basis. Jeder Tropfen Alkohol sei für den Köper ein Nervengift, warnte 2023 die WHO. Was schon damals nichts Neues war: «Dry January» gibt es, ausgehend von England, bereits seit 2014.

Ein Wirtschafts- Wunderland

Schauen wir etwas zurück in die Vergangenheit: Ich wohne in einer Gemeinde mit früher drei Bierbrauereien. Die Arbeiter bekamen einen Teil ihres kargen Wochenlohns «in Naturalien» ausbezahlt, also in Form von Bier. Und was machten die Frauen? Erstens holten sie ihre Männer am Freitag vom Arbeitsort ab, damit das Geld im gemeinsamen Haushalt landete und nicht in der Feierabendrunde in der Beiz. Mit dem «flüssigen» Lohnbestandteil eröffneten viele Frauen eine kleine Gaststätte – die Bauweise zahlreicher Häuser entlang der Strassen erinnert noch an diese Zeit. Die Gemeinde konnte damals also mit Fug und Recht behaupten, ein Wirtschafts- Wunderland zu sein.

So war es bis in die frühen Jahre des letzten Jahrhunderts. Zu dieser Zeit nahm in der Schweiz die Abstinenzbewegung Fahrt auf. Frauenvereine eröffneten alkoholfreie Gaststätten und Volksküchen. Die Produktion von alkoholischen Getränken wie des Absinth im Jura wurde verboten und in vielen Regionen wurden Alkoholfürsorge- Behörden geschaffen, die zum Teil bis zur Jahrtausendwende bestanden. Das war auch nötig. Denn Alkoholmissbrauch war eines der grossen sozialen Probleme.

Alkohol ist wieder ein grosses Thema

Sind wir heute, mit der Warnung der WHO im Ohr, wieder an demselben Punkt angelangt? Im Gegenteil! Wenn aktuell über ein Alkoholproblem berichtet wird, dann geht es um den fast schon gravierenden Rückgang des Alkoholkonsums. Die Jungen trinken nicht mehr – «Great Lock-in» heisst Verzicht auf Partys und Exzesse, dafür Rückzug ins Privatleben.

Ein schönes Glas Wein in vertrauter oder geselliger Runde, bedeutet auch Lebensqualität.

Werden wir jetzt alle abstinent, dafür aber gesünder, schöner, leistungsfähiger? Statistisch gesehen sind wir in der Schweiz auf diesem Weg: In den letzten rund 20 Jahren hat der pro Kopf Konsum von reinem Alkohol um rund 25 Prozent abgenommen und auch die Zahl derjenigen, die regelmässig, jeden Tag trinken, ging signifikant zurück. Das sind eindrückliche Zahlen.

Aber wo bleibt die Lebensqualität, wenn man sich im Freundeskreis nicht mehr an einem schönen Glas Rotwein, im Sommer an einem Rosé oder beim Feiern an einem Prosecco oder noch lieber einem Cava oder Crémant erfreuen kann? Es stimmt ja wohl, dass jeder Tropfen Alkohol das reinstes Nervengift ist. Aber Genuss, das ist doch ein Lebenselixier, tut gut und schont so auch die Nerven.

Tausende von Jahren Alkoholkonsum – und die Menschheit ist immer noch da

Dazu frage ich mich, wie die Menschheit so lange, und ohne körperliche, geistige oder andere Einschränkungen überleben konnte. Neuste Forschungen decken auf, dass Menschenähnliche bereits vor zehn Millionen Jahren Alkohol konsumierten. Belegt ist, dass alle Hochkulturen in China, in Ägypten, in der Jungsteinzeit die Fermentation von Früchten und Getreide kannten und so alkoholische Getränke herstellten. Hochprozentige Destillate, also Schnaps, gibt es auch schon seit etwa 1000 Jahren.

Mit Alkohol versetzte Getränke dienten aber nicht nur als Rauschmittel, sie «desinfizierten» auch das nicht allzu saubere Trinkwasser. Diese Praxis hielt sich vielerorts bis ins späte Mittelalter oder sogar bis in die Neuzeit. Zudem hatten zum Beispiel die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Solothurn bei einem Aufenthalt im Bürgerspital noch sehr lange das Recht auf eine tägliche Ration «Bürgerwein». Zur Stärkung. Den Wein gibt es heute noch, das Recht wurde abgeschafft.

Weinliebhaber schmerzt es, zu lesen, dass ganze Rebberge gerodet und in Kulturflächen für Beeren und anderes umgewandelt werden. (Bilder pixabay)

Dass der Alkoholkonsum bis heute, aber auch schon früher, bekämpft oder sogar – man denke an die Prohibition in den USA in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts – verboten wurde, hat mit dem übermässigen und damit risikoreichen Trinken zu tun, das in Gemeinden und Familien viele ins Elend stürzte. Denn die Warnung der WHO ist nicht aus der Luft gegriffen: Alkoholkonsum kann krank machen, zumal Personen mit einer gesundheitlichen Vorbelastung. Aber auch das unverzichtbare tägliche «Einschlafmittel» Wein, das Bier nach der Arbeit, der Schnaps «zum Verdauen» führt auf einen gefährlichen Weg. Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, die schleichend kommt und auch heute noch längst nicht bezwungen ist.

Und trotzdem schmerzt es, wenn im Weinland Frankreich ganze Rebberge gerodet und «überschüssiger» Bordeaux zu Industriealkohol verarbeitet wird. Auch bei uns machen sich die Winzerinnen und Winzer Gedanken, wie aus ihren seit Generationen gepflegten Rebbergen Haselnussplantagen oder Beerenkulturen werden sollen. Jetzt, wo aus Gründen der Vernunft alle trockengelegt werden sollen.

Wein soll ein Genussmittel sein, keine Droge

Weinanbau ist ein uraltes Handwerk, das viel Einsatz, Wissen und Liebe zum Produkt erfordert. Denn im Gegensatz zu den heute immer mehr verbreiteten mit Alkohol versetzten Drinks, ist Wein ein Naturprodukt, das auch positive Wirkungen, zum Beispiel auf Herz-Kreislauferkrankungen, haben kann.

Fazit: Alkohol ist ein Nervengift, auch wenn die Menschheit das bis heute gar nicht so schlecht überlebt hat. Produkte wie Wein sind aber auch ein Genussmittel. Und so, wie man ja auch keine Schwarzwälder- Torte auf einmal verschlingt, so sollte auch Alkohol konsumiert werden: Mässig, in einer gemütlichen Runde, bei einem schönen Essen und nie, gar nie, als Frustkiller, Seelentröster oder Mittel gegen das Vergessen.

 

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5 Kommentare

  1. Danke Frau Reichlin, dass Sie dieses Thema aufgreifen, damit wir alle uns Gedanken über unseren eigenen Alkoholkonsum machen können. Genau wie Tabak ist Wein und auch Schnaps, in früheren Zeiten oft als Heilmittel verabreicht, ein uraltes Kulturgut der Menschheit.

    Es ist falsch und dumm dieses in ganz Europa und weltweit seit Urzeiten bekanntes Kulturgut, besonders der Wein, der nicht nur immer öfter biologisch produziert wird, sondern auch immer feinere und vielfältigere Nuancen durch Fachwissen und Forschung hervorgebracht werden, durch sogenannte «Gesundheitsgurus» abgewertet und schlecht gemacht wird.

    Wein ist ein Lebensmittel der Extraklasse und wird von Kennern und Geniessern auch so gesehen und geschätzt. Als langjährige Unterstützerin und Käuferin vom ersten Biowein-Pionier in der Schweiz Delinat, bin ich immer wieder überrascht zu erfahren, wie Weinbauern in Europa und auch der Schweiz, sich vom ökologischen und nachhaltigen Weinanbau überzeugen lassen. Übrigens ist ein guter Biowein der Mittelklasse nicht viel teurer als ein industriell hergestellter Traubensaft.

    Warum die Jungen heute weniger Bier und Wein trinken ist schnell erklärt. Sie haben andere Rituale und der Schweizer Markt wird seit einigen Jahren überschwemmt von chemischen Drogen in Tablettenform. Diese machen sehr schnell Rausch ähnliche Zustände aber vor allem abhängig. Aus den USA wissen wir, dass die neusten chemischen Drogen das Hirn massiv schädigen und die Süchtigen schon nach kurzer Zeit weder ihren Geist noch ihren Körper unter Kontrolle halten können.
    Vor diesen chemischen Drogen sollte man warnen und nicht den massvollen Genuss guter und nachhaltig produzierter Weine verteufeln.

  2. Noch was zum Solothurner Bürgerwein, der auf Weinbergen im Neuenburgischen wächst: die Fässer kamen mit Schiffen über die Aare zum Landhaus, wo abgeladen wurde. Scheints waren sie nicht mehr bis oben gefüllt.
    Noch heute heisst «betrunken sein» in weiten Teilen des Welschlands «chargé pour Soleure».

  3. Den Worten von Regula Mosimann kann ich mich nur anschliessen!
    Wir Weingeniesser:innen lassen uns vom «Nervengift»-Alarmismus der WHO nicht die Freude an diesem Kulturgut vergällen.

  4. Auch beim Bier -
scheint mir:
    lieber einige schmackhafte, unfiltrierte geniessen,
    als den Abend mit reinen Durstlöschern vermiesen.

  5. Ab dem 20. oder dem 30. Lebensjahr habe ich voller Vergnügen mit Freunden Wein getrunken. Besondere Essen wurden durch Wein verfeinert. Im Sommer gut gekühlten Rosé zu trinken, machte den Sommer noch schöner. Heute bin ich 87 Jahre alt, freue ich immer noch über ein oder zwei Glas Wein am Abend, hoffe , dass ich dieses Vergnügen bis zu meinem 100. Geburtstag genießen kann.

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