Das Zürcher Kleintheater Winkelwiese in Zürich hat das vielfach ausgezeichnete Stück «4/5 oder von der Kunst, keine Fahrstuhl-Musik zu werden» wieder aufgenommen. Es handelt vom Älterwerden abseits von Sentimentalität und Altersklischees.
Wegen anhaltendem Erfolg zeigt das Zürcher Theater Winkelwiese nach den Aufführungen im Juni nochmal das Stück 4/5 oder von der Kunst, keine Fahrstuhl-Musik zu werden. Ein Stück übers Älterwerden, gespielt von vier renommierten Akteurinnen und Akteuren, die berühren und nachdenklich stimmen. Eine Gelegenheit «grosses Theater» im Kleintheater zu erleben.
Stücke über diese Lebensphase sind rar. Ältere Schauspieler und vor allem ältere Schauspielerinnen verschwinden allzu oft, sobald sie das Rentenalter erreicht haben, obwohl ihr Können und ihre Leidenschaft nicht enden. Das zeigt diese Produktion sehr überzeugend.
Pierre Siegenthaler, Nikola Weisse, Jaap Achterberg, Suly Röthlisberger (v.l.n.r.)
Um diesem Trend entgegenzuwirken, gründeten 2021 die Berliner Theaterautorin Hannah Zufall (*1987) zusammen mit der Schweizer Schriftstellerin und Performance-Künstlerin Ariane Koch (*1988) die Initiative Golden Age, «ein Appell für mehr alte Frauen auf und hinter Bühnen». Auf ihrer Webseite scheiben sie: «Frauen mit zunehmendem Alter werden in unserer Gesellschaft immer unsichtbarer. Sie sind allemal noch als Grossmütter und Mütter von Interesse, und werden oft mittels dieser Stereotypen auf der Bühne gezeigt.»
Hannah Zufall schrieb deshalb für die 2009 in Luzern gegründete freie Theatergruppe ZELL:STOFF einen Text für die Schauspielerinnen Suly Röthlisberger (*1949), Nikola Weisse (*1941), in Vertretung auch Barbara Grimm (*1954), und die Schauspieler Jaap Achterberg (*1952) und Pierre Siegenthaler (*1945). Das Stück 4/5 oder von der Kunst, keine Fahrstuhl-Musik zu werden, wurde im Kleintheater Luzern uraufgeführt. In gleicher Besetzung ist es im Theater Winkelwiese in Zürich zu sehen, im Anschluss daran in Chur und in Aarau.

Das Stück handelt von vier älteren Menschen und fünf Stühlen. Ein Stuhl bleibt leer, denn jemand fehlt. Die Vier stehen in regem Austausch miteinander. Sie kennen sich schon sehr lange. Ob sie sich in einem Altersheim oder anderswo befinden, spielt keine Rolle. Einer ist verliebt in eine andere und sagt es nicht. Einer trauert um den Fünften. Eine will endlich ihre Ruhe haben. Und eine ist wie ein Kind und verliert immer wieder den Faden. Nicht nur in der «Lismete». Die Vier erinnern sich, schmieden Pläne und würden sich gerne freier fühlen, jetzt, in diesem letzten Fünftel ihres Lebens. Doch wie geht man damit um, wenn die Gesellschaft einem überhört, und auf die Stufe von Fahrstuhlmusik stellt; die ist zwar da, wird aber von allen als unbedeutend wahrgenommen – wenn überhaupt.
Gemeinsam erproben sie das Alter neu und wehren sich, im Hintergrund zu verschwinden. Mit viel Spielfreude zelebrieren sie die eigene Existenz und die persönlichen Lebensrealitäten. Gespielt werden die Figuren lebensnah und überzeugend. Als Zuschauerin im gleichen Alter fühle ich mich unmittelbar angesprochen. Aber auch das mehrheitlich jüngere Publikum war bei den Vorstellungen im Juni in der Winkelwiese voll dabei und liess sich berühren.

Die Gespräche unter den vier Protagonisten gehen hin und her. Teilweise sind sie banal, dann aber auch surreal und zugleich tiefsinnig. Über den fünften, leeren Stuhl wird immer wieder gesprochen, über Wolfi, der früher darauf sass: «Der Stuhl von Wolfi, der ist gar nicht leer. Hier die anderen vier, die sind voll, ja, aber der fünfte ist nicht leer. Die da sind schon belegt, aber der fünfte Stuhl ist ein Versprechen auf was Anderes. Etwas, das ich noch nicht kenne. Die Zukunft vielleicht. Oder der Tod. Was im Zweifel auch das Gleiche ist. Aber für mich, für mich ist Wolfis Stuhl jetzt ein Fahrstuhl.»
Oder Elisabeth, eine der Darstellerinnen: «Ich hab so lange das Leben von so vielen Frauen gleichzeitig gelebt: Als disziplinierte Arbeiterin, als Liebhaberin und Gefährtin, als Mutter, als gute Freundin, als gesellige Bürgerin. Das ist jetzt vorbei und ich vermisse es nicht. Mein Leben kann gar nicht leer genug sein! Vielleicht ändert sich nach außen hin auch gar nicht viel, aber vom Gefühl her ist es, als würde man mit dem Nichtstun Berge versetzen.»

Das Theaterstück wurde inszeniert unter der künstlerischen Ko-Leitung von Sophie Stierle, Regie, Patric Gehrig, Dramaturgie, und Saskya Germann, Ausstattung. Diese jüngere Generation will das Alter keinesfalls aus ihrer Sicht szenisch behaupten, sagen sie. Sie überlassen den Spielenden die Deutungshoheit über die Produktion. Auch für die Stoff- und Textentwicklung holte die Autorin Hannah Zufall die Expertise der vier betroffenen «Alterserfahrenen» ein, um die Thematik möglichst ehrlich und facettenreich zu beleuchten, denn auch im Alter sind die individuellen Unterschiede gross.
Das Stück wurde 2026 zum Schweizer Theatertreffen und zu den Autor:innentagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen.
Fotos: © Ingo Höhn, Theater Winkelwiese, Zürich
4/5 oder von der Kunst, keine Fahrstuhl-Musik zu werden
(Dauer ca. 80 Minuten, ohne Pause)
Aufführungen:
Theater Winkelwiese, Zürich: 12. / 13.11.2026, um 20:00 Uhr
Theater Chur: 18.11. / 19.11.2026, um 19.30 Uhr (mit Einführung um 19:00 Uhr)
Bühne Aarau, Tuchlaube: 18.2. / 19.2.2027 um 20:00 Uhr
