Im oberen Vinschgau ist die Fasnachtszeit die verrückteste Zeit im Jahreskreis. In Stilfs an der Passstrasse auf das Stilfserjoch freut sich das Dorf auf das „Pfluagziachn“ (Pflugziehen). Im Zweijahresrhythmus findet es diesmal am 14. Februar statt.
Ein großer Teil der 1200 Einwohner beteiligt sich an dem Fasnachtsbrauch. Als gemeinschaftsstiftendes Ritual ist er wichtig für das Zusammenleben im Südtiroler Dorf. Der bäuerliche Alltag von einst wird in einem Fasnachtsspiel dargestellt. Der sehr spezielle Brauch ist Zeitbild, Komödie und Tumult zugleich.
Der Brauch stellt die Welt der bäuerlichen Gesellschaft auf den Kopf. Er parodiert die sozialen Unterschiede zwischen Bauer und Bäuerin gegenüber Knechten und Mägden. Ein weiterer Gegensatz besteht zwischen den eingesessenen Dörflern einerseits und den Händlern und dem fahrenden Volk andererseits. Während der Fasnacht ist für einen Tag die normale Ordnung aufgelöst. Dieser Hintergrund hilft, die gespielten Stegreifszenen zu verstehen.
Auf einer historisch älteren Ebene ist das Pfluagziachn ein alter Kult und Symbol für Fruchtbarkeit. Lärm und Tumult sollen den Winter mit seinen bösen Dämonen vertreiben. Alle diese Rituale unterstützen Fruchtbarkeit und Wachstum. Elemente dieses Brauches sind für den gesamten Vinschgau und darüber hinaus typisch.
Das Dorf braucht die Dienste von Leuten, die von aussen ins Dorf kommen. Diese Berufsleute wie der Hausierer, der Flickschuster, der Quacksalber oder der Musikant als Beispiele sind meist rechtschaffen. Doch gibt es darunter auch Gauner. Im Vinschgau wurden die Fahrenden Karrner genannt. Sie hatten keine feste Unterkunft, zogen von einem zum nächsten Ort. Damit wird beim Fasnachtsbrauch eine Spannung erzeugt zwischen der Dorfgemeinschaft und den Fahrenden
Mit einem derben Spass müssen vor allem junge Besucherinnen, rechnen. Ein Wanderhändler hat modische Höschen zu verkaufen. Ein Trupp mit Dreschflegeln versperrt den Weg. Wer durchkommen will, muss eine Tracht Prügel in Kauf nehmen. Aber der Weg zum Kirchplatz geht hier durch. Dort oben steht ein grosser Bottich mit Knödeln und Kraut.
Das Knödelstehlen auf dem Kirchplatz nachmittags ist der zweite Höhepunkt des Brauchs. Die Bauersleut essen vor den Augen des Gesindes reichlich Knödel mit Kraut. Aber auch die Knechte und Mägde sind hungrig und versuchen, ihren Knödel zu ergattern. Sie werden mit dem Dreschflegel abgewehrt. Doch am Ende muss niemand hungern.
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Titelbild: Die Grossbäuerin im Zentrum des Geschehens
Fotos: Justin Koller
Bereits auf Seniorweb erschienene Reportagen des Autors über Volksbräuche im Vinschgau:
Sankt Nikolaus zähmt die Monster.
So fasnachtet der Vinschgau
Und zum Schluss ein Video vom Pfluagziachn:
















