StartseiteMagazinLebensartSankt Nikolaus zähmt die Monster

Sankt Nikolaus zähmt die Monster

Stilfs ist uns bekannt als Ausgangspunkt zum Stilfserjoch. In diesem kleinen Dorf am Fuss vom Ortler findet jedes Jahr ein tief verwurzelter Brauch statt, das Klosn. Dieser Klausen-Brauch hilft auch gegen die Abwanderung.

Archaisch und geheimnisumwittert ist dieser urchige Brauch, ein Lärmritual, das alljährlich am Samstag vor oder nach dem Nikolaustag in Stilfs stattfindet. In dem steil gelegenen früheren Knappendorf, wo einst Bergbau betrieben wurde, treiben Masken an diesem Tag ihr Unwesen: Sie kommen aus verschiedenen Richtungen und stürzen über das Dorf herein.

Die Phalanx der Maskierten steigt ins Dorf hinunter

In Stilfs wird zur Fasnacht aber auch das Scheibenschlagen ausgeübt: Handgefertigte Zirbenscheiben werden im Feuer zum Glühen gebracht und über das Trafoital geschleudert. Alle zwei Jahre findet ein weiterer archaischer Brauch, das Pflugziehen statt. Am wichtigsten ist für die Stilfser aber das Klosn, einer der buntesten und wildesten Bräuche in Südtirol.

Stilfs – ein Dorf am Hang. Viele Gassen sind zu eng für eine Zufahrt mit Autos.

Der Umzug der Maskenträger beginnt um zwei Uhr nachmittags auf einem Hügel im Westen des Dorfs, dem Gaschitsch. Schon aus der Ferne hört man das rhythmische Rollen der Schellen. Von der Anhöhe stürmen die ersten Masken über den Schnee herunter zu den Reihen der Zuschauer.

Farbig gekleidete Maskierte stürmen von Wald herunter ins Dorf.

Die jungen Männer tragen bunte Gewänder, haben sich angsteinflößende Masken aufgesetzt und eine Gruppe hat sich zwei schwere Reihen von Schellen umgehängt. Verantwortlich für den Umzug sind jeweils die jungen Männer eines Jahrgangs, heute die 20-Jährigen. Die Fotografen mit armlangen Objektiven oder auch nur mit Handys knipsen drauflos.

Ein Trupp von Klaubaufen. Mittendrin ein bunter Esel. Sie sind Gegenpole und symbolisieren die beiden Seiten des Brauches: hell – dunkel, tänzelnd – schwerfällig, Schellen – Grölen

Es gibt drei unterschiedliche Figurentypen: die Klaubauf, auch die Schiachen, also die Wüsten genannt, sind Furcht einjagende Monster. Sie sind bekleidet mit Fellen und groben Tuchfetzen und tragen Holzmasken mit Kuhhörnern. Sie stellen böse Geister dar. Mit Kettengerassel jagen sie durch die engen Gassen, ein furchteinflössender Trupp. Sie grunzen, röhren , knurren und mit ihren Ketten nehmen sie mit Vorliebe Mädchen und junge Frauen gefangen.

Die zweite Gruppe der Maskierten sind die Esel.

Der bunte Trupp der Esel trägt farbenfrohe Stoffmasken mit einer roten Zunge und Kleider aus Hudern, irgendwelchen Tuchfetzen. Um den Bauch tragen sie zwei Reihen von Kuhschellen, die sie mit wippenden Bewegungen schütteln, ohrenbetäubend, zugleich das Geschrei von Eseln nachahmend. Wer nicht aufpasst und sich zu forsch vordrängt, wird von ihnen gezwickt. Sie spiegeln die Freude, die Leichtigkeit, das Helle, die Freiheit, das Tänzelnde und Musikalische wider.

Pause, denn stundenlang die schweren Schellen zu tragen strengt an.

Der Scharsch überwacht den Lauf der Dinge. Er ist wie ein alter Polizist gekleidet und sorgt für Ordnung.

Prägnant im Umzug hebt sich Heilige Nikolaus, der Santa Klos vom wilden Zug ab mit seinen vier ganz in Weiß gekleideten Begleitern.

Der Nikolaus zeigt sich vom lauten Treiben gänzlich unbeeindruckt und folgt mit seinem Hof in aller Ruhe dem Zug. Seine Begleiter sind die Schianen, die Schönen, welche als Licht- und Rutenträger, Katechismus- und Kastenträger ständig um ihn herum sind. Sie beschenken die Kinder mit Nüssen und Süssigkeiten. Zum Gefolge des Klos gehören einige Teufel, im Dialekt Tuifl genannt, schwarz gekleidet mit einem langen roten Schwanz und mit Weidengerten. Sie machen mit Peitschenhieben auf Knöchelhöhe den Weg frei.

Ein Tuifl verschafft sich mit seinen Gerte Ordnung und Respekt.

Für die Träger der Larven aus Stoff oder selbstgeschnitzten fantastischen Holzmasken öffnet sich ein Raum, der die Ordnungen des Alltags auflöst. Ausgerüstet mit einer langen Kette nützen die meist noch ledigen Jahrgänger als Klaubauf die Gelegenheit Besucherinnen einzufangen und im Kreis herumzuwirbeln.

Ein Klaubauf hat ein Mädchen gepackt und schwingt es im Kreis herum. Es wehrt sich und stürzt zu Boden.

Der Umzug der Maskenträger bewegt sich tanzend und rollend bis zur Schiedbrücke in der Dorfmitte, wo sich die Gruppen vereinen. Nun geht es weiter durch die Gassen von Stilfs bis zum Kirchplatz. In diesem Dorf am Steilhang, in dem die Häuser auf Stelzen zu stehen scheinen, hört man den wilden Lauf einmal von oben, dann wieder von unten. Gegen halb vier Uhr endet dieser erste Zug und alle gönnen sich demaskiert eine Pause. Dann beginnt ein erstes freies Treiben.

Niemand weiss genau, wie weit die Wurzeln dieses Brauchs zurückführen. Die Kirche hat dem archaischen Treiben seine Wildheit genommen, indem sie es in den Dienst des Heiligen Nikolaus stellte.

Beim Einnachten um fünf Uhr geht es vor der Kirche zum Gebet.

Esel sowie Klaubauf legen ihre Larven vor dem heiligen Nikolaus ab, der eine kurze Ansprache hält. Alle sprechen einige Ave Maria und das Vaterunser, alle machen mit – der Brauch vereint das ganze Dorf. Danach entlässt der Klos sie mit seinem Segen. Ein bleibender Moment ist das gemeinsame Schellen der Esel auf dem Kirchplatz. Selbstvergessen schütteln sie ihre Schellen. Der Rhythmus und die Urgewalt dieses Geläuts fahren ein und hallen durch das Tal. Danach geht das wilde Treiben weiter.

Nach der kurzen Andacht geht das wilde Treiben weiter.

Um acht Uhr abends beginnt der Nachtumzug, dieses Mal auf Karmatsch, im Osten des Dorfes. Noch einmal wird durch das Dorf gezogen und die letzten Schellen schließen den Umzug ab.  Mit einem Fest klingt der Tag aus. Früher ging man ins Wirtshaus, jetzt trifft man sich im Kulturhaus, wo bis in die späten Stunden in der Kloserbar gefeiert wird.

Da sind wir leider nicht mehr dabei. Wir fahren mit dem Linienbus zurück nach Mals und von dort über den Ofenpass in die Schweiz. Für uns ist es ein gelungener Versuch, mit öffentlichen Verkehrsmitteln am gleichen Tag von der Ostschweiz aus ins Südtirol zu fahren und am gleichen Tag wieder zurück.

Titelbild: Ein Klabaut – Monster mit Holzlarve
Fotos: Justin Koller

Informationen:
Das Klosn findet heuer am 2. Dezember 2023 statt.
Gerd Klaus Pinggera: Stilfs Zeitenwende im Bergdorf. Folio-Verlag, Bozen-Wien, ISBN 978-3-85256-797-6

Reisehinweis:
Busfahrplan Vinschgau

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