StartseiteMagazinLebensartHeidi Abel und der «Schacher Seppeli»

Heidi Abel und der «Schacher Seppeli»

Fast auf den Tag genau vor 80 Jahren hat das Schweizer Radio aus dem Studio Basel erstmals das Wunschkonzert ausgestrahlt. Diese Sendung hat nicht nur der Konkurrenz der Lokalradios standgehalten, sondern auch alle SRG-internen Reorganisationen und Konvergenzen überstanden. – Eine Erfolgsstory.

Radiostudio auf dem Bruderholz, wir schreiben Montag, den 11. Februar 1946. Pünktlich um 20:30 Uhr eröffnet Fritz Schäuffele auf der Frequenz von Radio Basel das erste «Basler Wunschkonzert». Es sollte von da an zunächst alle drei Wochen ausgestrahlt werden, wurde aber durch die rasant steigende Popularität bald zeitlich ausgedehnt und wöchentlich gesendet.

Schäuffele (1916-1991) erinnert sich im Büchlein «Liebes Wunschkonzert», erschienen anno 1991, an die Anfänge dieses Sendeformats. Der Mann gilt als Initiator dieser Sendung. Er habe sich vom Erfolg des durch Goebbels eingeführten Wehrmachts-Wunschkonzerts leiten lassen, dies dann aber selbstverständlich zu einem völlig unpolitischen Gefäss realisiert. Er schreibt: «Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, eine Art Basler Wunschkonzert auf die Beine zu stellen.»

Von Null zum Strassenfeger

Er hatte. Und so wurden am Abend des 11. Februar vor 80 Jahren die ersten musikalischen Wünsche erfüllt. Obwohl, wie Schäuffele einräumt, erste Wünsche damals logischerweise noch fehlten; er habe sie im Freundeskreis sammeln müssen. Immerhin: «Kaum zwei Tage nach der Erstausgabe wussten wir, dass wir in den nächsten Jahrzehnten keine Hörerwünsche mehr zu fingieren brauchten. Denn die Zuschriften kamen waschkorbweise. Am Anfang mögen täglich bis zu 1000 Wünsche eingegangen sein, später pendelte sich die Zahl der Briefe bei rund 400 täglich ein.»

Nun sollte man wissen, dass es damals die drei Beromünster-Radiostandorte Basel, Bern und Zürich gab und diese zuweilen in heftigem Konkurrenzkampf standen. Bern hatte das «Bluemete Trögli», Zürich das Radio-Cabaret mit Hans Gmür, Ueli Beck und Elisabeth Schnell. Und Basel nebst dem «Spalebärg 77a» mit Margrit Rainer und Ruedi Walter das «Basler Wunschkonzert». Letzteres wurde rasch zum gefragtesten Sendeformat des Schweizer Radios und landauf landab verzichteten Vereine sogar darauf, sich an Montagen zu treffen.

In der damaligen Radiozeitung wurde die Sendung so angepriesen:

«Ein Wunschkonzert, das jedermann durch seinen Wunsch bereichern kann.
Wie geigen, flöten, jodeln, singen, nach eurem Wunsch wir walzern, swingen.

Wir spielen euer Lieblingsstück von vorne – und auf Wunsch zurück.

Schreibt ungeniert, was ihr begehrt – hereinspaziert zum Wunschkonzert!»

Hilde Thalmann

«Schacherseppli» und die anderen

Seit es Radio gibt, sind viele Sendungen gekommen und wieder gegangen. Geblieben ist das Wunschkonzert als «Fels in der Brandung». Vielleicht gerade,  deshalb, weil es so einfach zu verstehen ist – nach dem Rezept: ich wünsch mir was – und das Radio erfüllt den Wunsch.

Interessant ist auch, dass sich beliebte Wunschtitel über Jahrzehnte halten. Gemäss Guido Rüegge, Leiter Musikredaktion SRF Musikwelle, zählt zu den am meisten gewünschten Titeln der letzten Jahrzehnte die folgenden:

>  «Schacherseppli» von Ruedi Rymann

>  Die Blasmusikpolka «Böhmischer Traum»

>  «Du bist wie die Sterne so schön» von den Calimeros

>  «Sehnsuchtsmelodie» von Walter Scholz

>  «E gschänkte Tag», geschrieben von Adolf Stähli

>  «Rot sind die Rosen» von Semino Rossi

>  Gefangenenchor aus der Oper «Nabucco»

Roger Thiriet

Roger Thiriet (76), der das Wunschkonzert von 1972 zunächst mit der legendären Heidi Abel, dann solo moderierte, erinnert sich an seine erste Sendung im Februar 1972: «Just an diesem Tag verstarb der Klarinettenstar der Schweizer Volks- und Ländlermusik, Jost Ribary. So habe ich meinen sorgfältig vorbereiteten Text kurz vor der Sendung dem diesem Ereignis angepassten Programm samt Wünschen anpassen müssen».

Thiriet schätzt, dass in den damals geführten Kategorien Volkstümlich, Schlager und Klassik «nicht viel mehr als je 100 Titel» zur Auswahl gestanden sind. Im ersten Teil waren das etwa die «Steiner Chibi», der Marsch «Ein frohes Wiedersehen», «s Guggerzyttli» und der «Schacher Seppli». Thiriet: «Im zweiten Teil waren die Nilsen Brothers mit «Aber dich gibt’s nur einmal für mich» unvermeidlich und keine Woche verging, ohne dass im abschliessenden Klassik-Teil der Bolero von Maurice Ravel gewünscht wurde.»

Was Heidi Abel anbelangt, erinnert sich Roger Thiriet so: «Ich wurde eingestellt als Unterstützung von ihr, weil sie zuvor selbst darauf hingewiesen hat, dass sie a) manchmal wegen anderer Verpflichtungen am Montagabend nicht zur Live-Sendung nach Basel kommen könnte und b) generell hie und da einen Zug verpassen oder einen Termin verwechseln würde.» Dies, so Thiriet, sei dann tatsächlich mindestens einmal monatlich geschehen.

Grand Dame Hilde Thalmann

Neben Heidi Abel (1929-1986) und Roger Thiriet haben im Verlaufe der Jahrzehnte viele bekannte Radiostimmen das WuKo moderiert und geprägt: etwa der Allschwiler Paul Göttin (1932-1923), Maja Buri, Elisabeth Glattfelder, Hanspeter Stoll und viele andere. Doch ganz speziell geprägt hat diese Sendung eine Frau: Hilde Thalmann (1931 – 2017). Ab 1968 stellte sie das Wunschkonzert zusammen und bereitete so die Sendung für das Moderationsteam vor.

In einer Würdigung wurde sie bei Radio SRF 1 so skizziert: «Als ob sie aus einem Film der wilden 1920er-Jahre entsprungen wäre, tauchte Hilde Thalmann jeweils im Radiostudio Basel auf: Mit Boa, keckem Hut, Zigarettenhalter und extravaganten Kleidern, die sie zum Teil sogar selber schneiderte.» Bei hunderten von Briefen, die Woche für Woche bei ihr eintrudelten, habe sie stets den Überblick behalten. «Die meisten dieser Musikwünsche wurden denn auch direkt an das nette Fräulein Thalmann gerichtet.» Als Musikredaktorin habe sie beim Radiopublikum ein ebenso grosses Ansehen genossen wie die Radio-Onkel oder -Tanten, die das Wunschkonzert jeweils moderierten.

Treue Hörerschaft

Was die Hörerschaft des Wunschkonzerts anbelangt, sind es gemäss Guido Rügge noch immer jene Hörerinnen und Hörer, die sich den Montagabend für diese Sendung freihalten. Die Popularität ist dabei ungebrochen. Rügge: «Dies zeigt sich auch an den zahlreichen Wünschen, die per Mail, per Telefon, per Brief oder Postkarte eingehen». Nach wie vor geniesst das SRF-Wunschkonzert eine grosse Beliebtheit, obwohl mittlerweile zahlreiche andere (auch private) Radiostationen ein solche Sendeformat kennen.

Und, Roger Thiriet, hören Sie selber heutzutage noch das Wunschkonzert?

Roger Thiriet: Immer, wenn ich mich 50 Jahre jünger fühlen will. Die Dauerbrenner von damals wie die «Steiner Chilbi», «Ein frohes Wiedersehen», «s Guggerzytli», die Nilsen Brothers und der «Bolero» sind offenbar WUKO-unverwüstlich ….

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