StartseiteMagazinKolumnenFührt die Atombombe in den Abgrund oder zum Frieden?

Führt die Atombombe in den Abgrund oder zum Frieden?

„Wir sind heute noch am Leben, weil die grossen Mächte dieser Welt bisher darauf verzichtet haben, sich gegenseitig und uns mit ihnen auszulöschen. Ein solches Dasein von Gnaden des Verzichts auf Auslöschung – durch Atombomben – ist ein Absurdum sondergleichen“, sagte der deutsche, streitbare Politphilosoph Peter Sloterdijk (79) in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger.

Erinnern wir uns an 1945, als sich die USA gezwungen sahen, Japan in die Knie zu zwingen, um den Zweiten Weltkrieg auch in Asien zu beenden. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 waren die bislang einzigen Einsätze von Atomwaffen in einem Krieg. Gott sei Dank. Denn die damals noch vergleichsweise wenig entwickelten Atombomben mit dem Codenamen „Little Boy“ und „Fat Man“ töteten insgesamt über 100’000 Menschen sofort; viele weitere starben später. Und noch heute leiden viele Überlebende an den grausamen Folgen. Nach Deutschland war auch Japan besiegt. Ein kurzes Aufatmen ging um die Welt. Mehr nicht.

Die USA und in der Folge die UdSSR trieben die nukleare Forschung und damit die atomare Aufrüstung unverdrossen voran. Frankreich und Grossbritannien zogen nach. Später kamen China, Pakistan, Indien und Israel dazu. Aktuell ist es der Iran, der die Atombombe unbedingt auch haben will, damit die Welt in Aufruhr versetzt und die USA sowie Israel zu einem Angriffskrieg gezwungen zu sein glauben.

Selbst in der Schweiz gab es in den 1950er-Jahren ernsthafte Absichten, sich atomar auf- und auszurüsten. Und immer wieder überrascht es, wenn man zur Kenntnis nehmen muss, dass unser Land dem Kernwaffenverbotsvertrag (TPNW), der seit 2017 ein umfassendes Atomwaffenverbot vorsieht, nicht beigetreten ist; die Schweiz begnügt sich mit der Rolle einer Beobachterin.

Geschützt und beschützt hat uns bisher das „Gleichgewicht des Schreckens“: ein dynamisches Gleichgewicht, das durch wechselseitige Drohungen die Eskalation zu einem „heissen“ Krieg, also zu einer direkten bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Supermächten USA, Russland und China, verhindert hat. Basis dafür ist der Atomwaffensperrvertrag, auch Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen genannt. Er ist ein internationaler Vertrag aus dem Jahr 1968, der das Verbot der Verbreitung, die Verpflichtung zur Abrüstung von Kernwaffen sowie das Recht auf die „friedliche Nutzung“ der Kernenergie zum Gegenstand hat. Initiiert wurde er von den Atommächten USA, Sowjetunion und Grossbritannien. Immer noch nicht beigetreten sind Indien, Pakistan, Israel und Iran.

Ausgerechnet Staaten also, die den Iran umgeben oder in seiner unmittelbaren sicherheitspolitischen Wahrnehmung liegen. Einen Staat, in dem die Mullahs mit allen Mitteln die Vorherrschaft in dieser so wichtigen Energieregion mit der Strasse von Hormus anstrebten, insbesondere von den Revolutionsgarden bis heute leidenschaftlich angestrebt wird. Iran, ein Mullah-Staat, der nach wie vor – selbst angeschlagen – die Hisbollah im Libanon, die Hamas im Gazastreifen und die Huthis im Jemen mit Waffen unterstützt, um gemeinsam Israel zu vernichten, einen Angriff der USA abzuwehren und Trump eine Niederlage beizubringen.

Seit 47 Jahren, seit der Machtergreifung der Mullahs, ist dieser Machtanspruch Irans bekannt. Mit dem Wiener Abkommen, das am 14. Juli 2015 von den fünf ständigen Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrats – den USA, Russland, China, Frankreich und Grossbritannien – sowie von Deutschland und der Europäischen Union unterzeichnet wurde, sollte das iranische Atomprogramm gestoppt werden. Insbesondere Obama wollte verhindern, dass der Iran je in den Besitz von Atomwaffen kommt. Ausgerechnet Trump, der 2018 aus dem Abkommen ausgestiegen ist, will dies nun definitiv verhindern.

Nach fünf Wochen Krieg stellen sich immer noch bange Fragen: Waren die amerikanischen und israelischen Angriffe auf iranische Atomanlagen ein voller Erfolg oder nur ein symbolischer Schlag? Und vor allem: Konnte der Iran sein mehr als 400 Kilogramm fast waffentaugliches Uran rechtzeitig beiseiteschaffen? Und wie wäre so etwas überhaupt möglich?

In Islamabad ist am Samstag erfolglos verhandelt worden. Selbst während dieser Zeit  fielen Bomben, abgeworfen von allen Seiten. Inzwischen ist die US-Delegation nach einem 20 Stunden dauernden Verhandlungs-Marathon mit leeren Händen aus Pakistan abgereist. Wie es weitergeht ist völlig offen. Sicher ist eines: Der Irrsinn dauert an.

Politphilosoph Peter Sloterdijk wünscht ein Zusammenleben jenseits staatlicher Rüstungszwänge. Bild KI generiert

Nehmen wir einen Gedanken des kühlen und kühnen Analytikers Peter Sloterdijk zu Hilfe. Er fordert die Einsicht in die Absurdität des gegenwärtigen Weltzustands: „Wir müssen dem eine neue Mythologie entgegensetzen, eine Mythologie der Vernunft.“ Es müsste eine sein, die uns das Zusammenleben auf der Erde jenseits staatlicher Rüstungszwänge vor Augen stellt. Koexistenz im Grossen sei offensichtlich das, was Grossmachtstaaten bislang nicht könnten. Zusammenleben könnten sie bloss im Zeichen der Androhung gegenseitiger Vernichtung. Sloterdijk glaubt aber, dass „der Mensch nicht dafür geschaffen ist, ein solches Mass an Absurdität auf Dauer zu ertragen“. Trump sei nicht die Lösung. Er sei ein Virtuose der Schamlosigkeit, sein Gefolge Ausdruck einer Sehnsucht nach Schamlosigkeit, nach Enthemmung: „Auch du darfst.“

Kleine Einheiten könnten die Lösung sein, glaubt Sloterdijk. Ich frage: Warum kann nicht die Schweiz mit ihrer humanitären Tradition vorangehen? Vor rund 70 Jahren dachte sie daran, sich atomar aufzurüsten. Heute fehlt nicht nur das Geld, sondern auch der politische Wille, sich so aufzurüsten, dass sich die Schweiz selbstständig verteidigen könnte. Das würde technologisch immense Summen verschlingen. Eine Kooperation mit der NATO ist neutralitätspolitisch ein äusserst schwieriges Unterfangen. Und die SVP-Hellebarden genügen sicher nicht mehr.

Daraus könnte eine Utopie entstehen: Die Schweizer Armee wird zur internationalen „Schweizergarde“, Genf zum Ort der Friedensgespräche, die Eidgenossenschaft zum Beispiel einer friedfertigen Nation.

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