Humane Bildung

Humane Bildung regt dazu an, selbst zu denken. Erst recht, wenn Mächtige vorgeben, was wahr ist. Wie etwa US-Präsident Trump. Er verkündete einst, sein Rivale Obama stamme aus Afrika. Mit dessen amerikanischer Geburtsurkunde konfrontiert, erwiderte Trump, halt anderer Meinung zu sein. Als ob das Faktische, das Hannah Arendt in ihrem Essay Wahrheit und Politik (1972) hoch hielt, beliebig und eine Frage der (Definitions-)Macht sei.

Philosoph Platon forderte die Politik schon vor Jahrhunderten auf, sich mehr um Wahrheit zu bemühen. Bildung kann dabei helfen. Im Sinne der Aufklärung. So führte die Schweiz 1874 die obligatorische Schulpflicht ein. Und drei Jahre später verbot sie die Fabrikarbeit für Kinder unter 14 Jahren. Wie sich Bildung seither verändert hat, erörtert Psychologe Fitzgerald Crain in seinem Buch über den «Beziehungsraum Schule» (Zürich 2025).

Lange dominierten mechanische Pauk-Verfahren. Dann kamen mehr kognitive und Kompetenz orientierte Ansätze auf. Sie knüpften an vorhandene Neugier an. Und so postuliert Crain eine Bildung, die verstehen und Lebenswelten kooperativ und kreativ mitgestalten will, ohne einer engen Nützlichkeit zu folgen, die bestehende Hierarchien fest zurrt. Wichtig sind dabei Lehrpersonen, die (markt-)konforme Erwartungen hinterfragen, Kinder empathisch als eigenständige Subjekte fördern und sich mit ihnen offen über Aggressionen, Neid und Konkurrenz auseinander setzen.

Seit den 1980er-Jahren forciert eine geldgetriebene (Wirtschafts-)Politik die Profitlogik und permanente Selbstoptimierung. Die Ökonomisierung durchdringt stets weitere Lebensbereiche. Sie instrumentalisiert und privatisiert auch das Bildungswesen. Die USA spuren dabei vor. Sie pushen das (ideologische) Bewerten, Kontrollieren und Selektionieren. Bleiben Bildungsstätten hinter diktierten Vorgaben zurück, erhalten sie ein Management, das Abweichende restriktiv sanktioniert oder exkludiert.

So reproduzieren sich soziale Ungleichheiten und Spannungen, die wiederum autoritäre Haltungen legitimieren. Dazu gehört auch das «sanfte» Abwerten von Literatur, Geschichte und Kunst. Der Bildungsmarkt favorisiert normierte technisierte Angebote. Zudem solche für Nachhilfe und Prüfungen. Damit verbreitet sich auch eine industriell gefertigte Testentwicklung. Ebenso die gesellschaftliche Segregation. Zumal einseitige Anforderungen erfreulich integrative Reformen überlagern.

Je deftiger die Schule den Leistungsdruck verstärke, folgert Crain, umso mehr werde sie «zu einem Ort, der die Verdinglichung und Entfremdung späterer Lebens- und Arbeitsverhältnisse» vorweg nehme. Damit häuften sich auch Burnout und Depressionen bei Lehrberufen. Hinzu komme eine Digitalisierung, die das sinnliche Wahrnehmen der Welt und eigenständige Reflektieren (über Machtgefüge) vernachlässige.

An Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-80) orientiert, plädiert Crain für produktiv schöpferische Zugänge. Das tut auch Nils Bischof in seiner Dissertation zu Spiel und Humanismus (2025). Das Spiel, bilanziert er, ermögliche ein Lernen, das destruktive Egomanie kontrastiere und anstelle der Regellosigkeit humane Werte des sozialen Miteinanders vermittle.

Ähnliches bewirkte schon, schier subversiv, der politisch liberale Carlo Collodi, der vor 200 Jahren in Florenz zur Welt kam. Er publizierte 1881, vier Jahre nachdem auch Italien die obligatorische Schulpflicht eingeführt hatte, sein Kinderbuch über Pinocchio, das heute sein 145jähriges Jubiläum feiert. Collodi hielt die Jugendlichen dazu an, ehrlich und fleissig zu sein. Doch seine sympathisch faule Holzpuppe liebte die Freiheit. Und kleine Notlügen halfen ihr, Benachteiligte zu schützen, ohne sich selbst materiell zu bevorteilen, wie das Mächtige mit grossen Unwahrheiten tun.

Titelbild © Christian Jaeggi

Buchtipps:

  • Carlo Collodi: Pinocchios Abenteuer. Reclam, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-15-020683-6
  • Fitzgerald Crain Kaufmann (Hg.): Beziehungsraum Schule. Zusammen mit Ruth Gurny, Karin Joachim, Luca Preite und Rebekka Sagelsdorff. Edition 8, Zürich 2025, ISBN 978-3-85990-561-0.
  • Nils Bischof: Spiel und Humanismus. Verlag Karl Alber, Baden-Baden 2025, ISBN 978-3-495-98977-7.

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