StartseiteMagazinKulturBuch-Zeichen setzen in Solothurn

Buch-Zeichen setzen in Solothurn

Vom 15. bis 17. Mai 2026 ist Solothurn das Herz der Schweizer Literaturszene. Das wichtigste nationale Werkschau-Festival bleibt sich treu: Es bietet einen tiefen Einblick in das zeitgenössische literarische Schaffen.

Bei der Eröffnungsfeier wurden Zeichen gesetzt: Literatur steht nicht abseits der Gesellschaft, sie ist in Krisenzeiten und einem verunsichernden Wertewandel zum Autoritarismus der unverzichtbare Raum für Nuancen, Stimmenvielfalt und Freiheit, so Pro Helvetia Direktor Michael Kinzer in seiner Rede. Das Fest in Solothurn als Ort eines einzigartigen Kulturdialogs innerhalb der Schweizer Sprachenvielfalt mit Weitblick über die Grenzen hinaus ist unverzichtbar, wenn es um Verständigung geht.

Die Reden bei der Eröffnungsfeier umrahmte die Sängerin und Bassistin Follia musikalisch. Sie schreibt auch Bücher.

Ebenso wichtig wie die Schreibenden sind die Übersetzerinnen und Übersetzer für die Vermittlung der kulturellen Hintergründe. Das Schaufenster der Schweizer Literatur ist in der Ausgabe 2026 weniger mit selbstbespiegelnden Befindlichkeitsbüchern bestückt, als auch schon, sondern die Auseinandersetzung mit den grossen Fragen der Gesellschaft ist politischer, analytischer gegenüber den Krisen um Klima, Kriege, empathielose aber allmächtige Kraftprotze und Gewalt in jeder Hinsicht – privater und globaler. In Kurztexten von fünf Autorinnen und Autoren ging es bei der Eröffnungsfeier um den Erhalt der Freiheit für alle, um Menschlichkeit und Demokratie.

Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider hält die Laudatio auf Corinne Desarzens, die den Grand Prix Literatur erhalten hat.

Deutlich wurde Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider bei der Feier für die traditionell in Solothurn verliehenen Literaturpreise des Bundes in ihrer Laudatio für Corinne Desarzens, ausgezeichnet mit dem Grand Prix Literatur: „Sie schrieben, die Welt sei ein rohes Ei, das jederzeit zerbrechen könne.“ Diese Metapher erinnere an die schnell eskalierende Gewalt der Kriege in Europa, im Nahen Osten, in Afrika. Aber es gebe die vage Hoffnung, dass die Menschheit am Abgrund die Kraft fände, anzuhalten und den endgültigen Bruch abzuwenden.

Der Konzertsaal ist regelmässig bis auf den letzten Platz besetzt.

Auf nationaler Ebene spiegele sich diese Gratwanderung in der direkten Demokratie, fuhr die Kulturministerin fort. Sie sei als Ventil für den gesunden Dialog zwar ein Stabilitätsanker, berge jedoch bei emotionalen Fragen zu Identität, Zusammenleben und Aussenpolitik das Risiko einer tiefen gesellschaftlichen Spaltung. Um das „Ei» nicht zu zerbrechen, müsse die Politik auf die Instrumentalisierung von Ängsten verzichten und sich auf die traditionelle Schweizer Konsenskultur besinnen.

Sibylle Berg bei ihrer multimedialen Lesung aus «PNR: La bella vita», dem letzten Teil ihrer Science-Fiction-Trilogie

So weit die Kulturministerin in ihrer Rede, die sich nahtlos in den Konsens dieser Literaturtage als Ort der Begegnung einfügt. Geschäftsführerin Catherine Schlumberger rief dazu auf, kleine Kreise für gemeinsames Zuhören, Nachdenken und Diskutieren zu bilden. Das sei nötig in Zeiten, in denen Werte wie Freiheit und Toleranz rasant umgedeutet würden.

150 Veranstaltungen laden dazu ein und die Mehrsprachigkeit bringt die Kulturen der Regionen in einem einzigartigen Kulturdialog zusammen. In der Deutschschweiz bekannte Namen wie Ilma Rakusa, Katja Früh oder Lukas Bärfuss zählen zu der Vielzahl von Autorinnen und Autoren, die im vergangenen Buchjahr eine Neuerscheinung auf den Markt gebracht haben. Durch moderierte Gespräche, mehrsprachige Lesungen und die Würdigung der Übersetzungskunst entsteht ein Konsens über Rösti- und andere Gräben hinweg. Hier begegnen sich Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch auf Augenhöhe.

Diskussionsrunde zum Thema «Das Böse schreiben» mit (von links) Dorothee Elmiger, Moderator Cédric Weidmann, Michael Hugentobler und Kat Splitterberg

Inhaltlich verspricht die Präsenz von Dorothee Elmiger literarischen Tiefgang. Die Schweizer Autorin, die für ihre analytische und zugleich poetische Prosa bekannt ist, präsentiert in Solothurn ihr Werk Die Holländerinnen. Ihre Texte werfen Fragen zu Begehren, Gewalt und Geschichte auf und gehören vielleicht mit jenen von Thierry Raboud (Un monde de liquidation. Histoires postglaciaires) zu den intellektuellen Highlights des Wochenendes. Einen weiteren radikalen Ansatz zu Gewalt setzt Jessica Jurassica. Die Pop-Feministin und Chronistin des digitalen Zeitalters steht für Spoken Word, das aufrüttelt und die Komfortzone des klassischen Literaturbetriebs hinterfragt. In ihrem Ausdruck bescheiden stellt sie ihr wortmächtiges Buch Gaslicht vor.

Talsperre auf der Hauptgasse: Hier wollen alle zur Lesung ins Kino Palace

Für die internationale und transnationale Perspektive sorgt in diesem Jahr unter anderen Dimitré Dinev. Der in Bulgarien geborene und in Wien lebende Schriftsteller bereichert das Festival mit seiner tiefgreifenden Emigrationsliteratur. Dinevs Werke, oft geprägt von Tragikomik und archaischer Erzählgewalt, bringen Fragen von Heimat, Flucht und europäischer Identität nach Solothurn – Themen, die aktueller nicht sein könnten. Mit dieser Mischung aus etablierter Weltliteratur, avantgardistischer Provokation, dem Fokus auf die Vielsprachigkeit der Schweiz untermauern die Solothurner Literaturtage 2026 ihren Ruf als unverzichtbaren Ort für Bücher und all jene die sie schreiben, übersetzen, lesen.

Jessica Jurassica liest im Palace aus «Gaslicht», moderiert von Salomé Meier

Das Programm vom Wochenende, darunter die Preisfeiern für Jugendbücher und den Solothurner Literaturpreis, der an die deutsche Schriftstellerin Monika Rinck geht, ist auf der Homepage der Solothurner Literaturtage abrufbar. Die Veranstaltungsorte – inklusive der Fussballplatz, wo im Namen der Literatur auch getschuttet wird – können zu Fuss erreicht werden und von den meisten Städten der Schweiz bringt einen die Bahn in gut einer Stunde in die Stadt am Jurasüdfuss.

Titelbild: Fotoshooting mit Preisträgerinnen und Preisträgern der Schweizer Literaturpreise. In der Mitte Christian Viredaz, Spezialpreis Übersetzung. (Corinne Desarzens, die gerade mit ihrer bundesrätlichen Laudatorin plaudert, ist rechts nicht mehr auf dem Bild)

Fotos: ec

Hier finden Sie alle Informationen für Ihren Besuch, über Ticketkauf, Radiosendungen und Streaming at Home. 

 

 

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