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Susan Hefuna vernetzt Kulturen

Das Bündner Kunstmuseum Chur zeigt erstmals in der Schweiz eine umfassende Ausstellung der international bekannten Multimedia-Künstlerin Susan Hefuna. Ihre Arbeiten eröffnen einen interkulturellen Dialog, je nach Perspektive werden sie anders wahrgenommen.

Zum Beispiel das Video Ana/Ich von 2006: «Ana» bedeutet «Ich» in Kairo, aber das Wort wird nicht verwendet, ganz anders als bei uns: Ich, ich, ich. Susan Hefuna hat Menschen jeden Alters gebeten, «Ana» laut auszusprechen. Für das Ausstellungspublikum ein Aha-Erlebnis.

Ausstellungsansicht: Textilarbeiten aus ägyptischer Baumwolle

Die Werkschau bietet einen umfassenden Einblick in ihr Schaffen seit den 1990er-Jahren. Neben feinen Zeichnungen, Textilarbeiten und Skulpturen fasziniert die Ausstellung mit ihrem lokalen Bezug: Die Künstlerin beleuchtet die historischen Spuren der Bündner Zuckerbäcker in Kairo und zeigt mit «Crossroads Chur» eine neue, direkt in der Bündner Kantonshauptstadt entstandene Videoarbeit, die das Café Maron als Kulisse verwendet. Sie selbst bewegt sich in einem langen dunklen Gewand und einer vorgehaltenen Maske (Objekte in der Ausstellung) gemessenen Schrittes auf und ab. Erstaunlich wie wenig die vorüber eilenden Passanten sie beachten oder wie sie der Begegnung möglicherweise sogar ausweichen.

Cityscape Poschiavo, 2023. Fotografie hinter Plexiglas

In der Ausstellung sind auch Videos aus Kairo und dem Nildelta zu sehen, und neuere Crossroad-Videos die sie in Stein am Rhein und in Poschiavo aufgenommen hat. Susan Hefuna ist hochinteressiert an Orten, die sie besucht, mit ihren künstlerischen Mitteln taucht sie ein, macht sich mit Respekt vor dem Anderen das fremde Neue zu eigen.

Nach Chur, wo sie seit einiger Zeit lebt und arbeitet, kam sie erstmals, als sie zur Gruppenausstellung Kunst und Stickerei (2023) eingeladen wurde. Damals zeigte sie feine Überlagerungen von Transparentpapieren, die sie mit Nadel und Faden zusammengenäht hat. Nein, um Stickerei gehe es ihr nicht, erklärte sie mir unlängst, sondern ihr Fokus sei „zu verbinden und zu verletzen“: Eingriffe und Durchblicke sind nie folgelos. Das ist der Künstlerin mit Wurzeln in Europa und Afrika klar.

Die Sphinxen beim Eingang zur Villa Planta

Bei dem ersten Besuch damals in Chur wollte sie wissen, wie die beiden Sphinxen und der Halbmond zur Villa Planta gelangt seien. Mit der Geschichte des Hauses im orientalischen Stil, heute Teil des Kunstmuseums, erfährt sie ein Stück Bündner Kolonialgeschichte, denn Bauherr Ambrosius von Planta war Baumwollhändler und lebte zeitweilig in Alexandria. Ein Werbeprospekt zeigt die Gegend, in der Susans Grosseltern leben.

Susan Hefuna (*1962) ist die Tochter eines Vaters aus Ägypten und einer Mutter aus Deutschland. Aufgewachsen ist sie in Deutschland, Österreich und Ägypten, der transkulturelle Dialog, hat sie von klein auf geprägt. Für das Bündner Kunstmuseum ist diese Ausstellung ein Glücksfall, denn Susan Hefuna ist weltweit gefragt, und für die Künstlerin ist Chur ein glücklicher Zufall: Sie lebt und arbeitet heute im Churer Lacuna-Quartier. Die Ausstellung ist in engem und glücklichem Austausch der Künstlerin mit Museumschef Stephan Kunz und seinen Leuten entstanden.

Cairotraces, 2014

Zwei hölzerne Gitterwände, ägyptischen Fenstergittern nachempfunden und mit Botschaften versehen, empfangen im Zentralraum der Ausstellung. Susan Hefuna arbeitet mit Wörtern, die sie in ihre Arbeiten als Sinngeber, Aufruf, Denkanstoss einfügt. Sie ist immer auf der Suche nach Spuren, fotografiert mit der Lochkamera, bannt einen Ort oder ein Motiv mit dem Stift oder Tusche auf Papier, konzentriert und intuitiv, bis sie eine Serie als vollendet abschliessen kann. Diese Serien entstehen, nachdem sie den Ort, der sie inspiriert oder auch den sie kennenlernen will, tagelang erforscht, durchstreift, ergründet hat. Dann zeichnet sie in einer Art meditativen Konzentration. Mehrere dieser Serien sind ausgestellt, darunter einige zum Thema Häuser oder Gebäude. Vielleicht ist die Installation Grid Drawing von 2025 auch ein Gebäude?

Ausstellungsansicht: Grid Drawing, 2025.

Raumhohe Gitterkonstruktionen wie viereckige Türme bilden ein halbtransparentes Labyrinth, welches durch den vielfältigen Schattenwurf erst recht fasziniert. Sie erinnern an Körbe, die auf südländischen Märkten als Geflügelkäfige oder Gemüsebehälter dienen. Handwerker in Ägypten haben sie nach den traditionellen Techniken zusammengebaut. Zugleich sind sie auch lichtdurchflutete Räume, die vielleicht wiederum an die Maschrabiya erinnern.

Hefuna arbeitet seit Jahrzehnten eng mit lokalen ägyptischen Handwerkern zusammen. Nach ihren präzisen Skizzen stecken diese Meister ihres Fachs tausende feine Palmholzstäbe von Hand zusammen – komplett ohne Nägel oder Leim, nur mechanisch gehalten durch feinste Schnüre.

Indem Hefuna diesen kollektiven, generationenübergreifenden Handwerksprozess in den Kontext der zeitgenössischen Kunst hebt, bricht sie das westliche Diktat des solitären Künstlergenies (mit anonymen Assistenten) auf. Was im Alltag Kairos als Behältnis für den Markt dient, wird im musealen Kontext von Chur zu einer abstrakten und doch leicht lesbaren Architektur der Zwischenräume.

Cityscape Stein, 2018 (Die Zeichenserie zum Crossroad-Video mit den Riegelhäusern)

Aber wohl am eindrücklichsten sind in der Ausstellung Hefunas Tuschezeichnungen: Vielschichtige Liniengeflechte oder Figuren entstehen oft in einem einzigen, fast meditativen Arbeitsgang. Sie erinnern in ihrer Dichte an architektonische Strukturen oder organische Netze und spiegeln Susan Hefunas Beschäftigung mit urbanen Räumen wider. Diese Serien erschliessen sich nicht auf den ersten Blick, sie fordern Aufmerksamkeit.

Gebilde, 2012. Filz, Gaze, Faden

Neben den Papierarbeiten nehmen auch Susan Hefunas Textilarbeiten eine Schlüsselrolle ein. Die Textilarbeiten mit Applikationen (ein Gewand hat sie bei Crossroads Chur getragen) fangen die Schnittstelle zwischen Handwerk, Tradition und zeitgenössischer Kunst ein. Sie sind gewebte oder gewirkte Speicher von Geschichten und verbinden westliche Abstraktion mit traditionellen Ornamenten aus dem nordafrikanischen Raum.

Susan Hefuna zeigt in Chur, dass Grenzen – seien sie aus Holz, Stoff oder Beton – keine Trennlinien sein müssen. In ihren Händen werden sie zu durchlässigen Membranen, die den Blick auf das Dahinter freigeben und zugleich eine tiefgreifende Erweiterung der Wahrnehmung auslösen.

Titelbild: Ausstellungsansicht. Im Vordergrund: Woman Cairo, 2011. Gedrechseltes Holz
Fotos: Bündner Kunstmuseum Chur und E.C.

Bis 26. Juli
Hier gibt es Informationen für den Museumsbesuch in Chur

Zur Ausstellung Susan Hefuna ist ein Begleitbuch mit reichem Bildmaterial, einer Einführung von Stephan Kunz und Essays sowie einem Gespräch in deutsch und englisch erschienen. Hrsg. von Stephan Kunz, Bündner Kunstmuseum, Chur und Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, 2026

 

 

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