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Muttersein ohne Partner

Edith, die Allein-Mutter, entdeckt die Identität des Samenspenders ihres fünfjährigen Sigurd, recherchiert, bis eine Verbindung entsteht, sie sich in Lügen verstrickt und ihr fragiles Leben ins Wanken bringt. «Solomamma», der Spielfilm der norwegischen Regisseurin Janicke Askevold, kann als banales Boulevardstück gelesen werden oder als tiefschürfendes Psychodrama über Frauen-, Männer-, Mutterrollen, Sexualität und Verantwortung, was ich hier versuche.  Ab 11. Juni im Kino.

Einleitung der Regisseurin Janicke Askevold: Der Wunsch nach Kindern und einer Familie ist ein Traum, den viele Menschen teilen. «Solomamma» beleuchtet die Komplexität des Alleinerziehendseins, die ethischen Dilemmata und emotionalen Konflikte, mit denen Frauen wie Edith konfrontiert sind, die Gefühle für den leiblichen Vater ihres Sohnes entwickelt, ohne ihre wahre Identität preiszugeben. Der Film taucht tief in den inneren Konflikt ein, ihre Wünsche, gesellschaftlichen Erwartungen und ihre Rolle als Mutter in Einklang zu bringen, und zeigt eine Reise der Selbstfindung. «Solomamma» beleuchtet das Leben als alleinerziehende Mutter anhand einer Frau, die ihre Identität vor dem Vater ihres Sohnes verbirgt. Hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht, Pflicht und Identität, navigiert sie auf einer zutiefst persönlichen Reise durch Liebe, Ethik und Mutterschaft.

Zum Hintergrund

In Norwegen wurde vor fünf Jahren die Mutterschaft durch Befruchtung durch eine Gesetzesänderung legal, kostenlos und in öffentlichen Krankenhäusern zugänglich gemacht. In anderen Ländern wie zum Beispiel Italien, ist dies nach wie vor illegal, und die Einstellungen dazu gehen weit auseinander. In der Schweiz ist sie seit 2001 unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

Premiere feierte «Solomamma» 2025 am Locarno Film Festival, wo er mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde.

solomamma.1Nils und Edith 

Die Beziehungen beginnen sich zu entwickeln und verwickeln 

In der Einleitungssequenz bezeichnet sich der Samenspender als grosszügig, weil ihm die Vorstellung gefällt, «dass irgendwo da draussen ein Teil von mir ist.» Gleich danach folgt eine Szene aus dem Alltag der alleinerziehenden Edith, von Anfang bis Schluss grossartig gespielt von Lisa Loven Kongsli. Auf den Punkt gebracht mit der unschuldigen Frage ihres fünfjährigen Sigurd: Warum ihn immer die Mutter von der Schule abhole, ob Papa tot sei oder im Gefängnis? Ediths Antwort: Als ich dich haben wollte, war grad kein Papa verfügbar und ich ging ins Spital. 

Andere Solo-Mammas haben sich zu einer unternehmungslustigen, sich gegenseitig unterstützenden Gemeinschaft zusammengeschlossen. Trina, von Trude-Sofie Olavsrud Anthonsen differenziert und wandelbar performt ihre Freundin, Mutter von Amanda, der Freundin von Sigurd, stellt fest, dass Edith nie erzählt habe, was sie über den Spender wisse. Von ihr, die für ihre Tochter den gleichen Samenspender hatte wie Edith, erhält sie den heissen Tipp: Auf der Audiodatei des Spenders finde sie unter «Inuus 24897» Auskünfte über ihn, die sie im Internet vertieft. Er heisst Nils Krohn, präzise und kontrolliert von Herbert Nordrum gespielt. Um näher an ihn zu kommen, wendet sie sich direkt an diesen, einen landesweit bekannten Gameentwickler, indem sie ein Interview mit ihm für ihre Zeitung machen will. 

Unsere Solo Mamma lebt mit Sigurd bei ihrer Mutter Dorte, die an beginnender Demenz leidet, zu deren verstorbenem Mann die Tochter nie ein gutes Verhältnis hatte. Edith trifft Nils, dessen Tochter Molly und beiläufig seine Frau mit dem zweiten Kind. Der Geschäftsmann und Informatiker gibt Auskunft, er berate sein eigenes Team, helfe anderen für ein gutes Leben und habe die Absicht, dass es irgendwo draussen einen Teil von ihm gebe. Ihre Neugier wird geweckt, sie will mehr erfahren. 

Allmählich bündeln sich die Beziehungsstränge aus der Audiodatei, dem Internet und dem Besuch bei Nils. Schon bald treffen sie sich bei einem Fest, gehen zu ihr nach Hause, tanzen, tauschen ihre Kleider. Er bekommt von ihr ein Tattoo und sagt ihr, dass die beiden Kinder nicht seine leiblichen seien. Edith aber erzählt Nils weiterhin, dass der Vater von Sigurd in New York als Maler lebe. Als sie nach der gemeinsamen Nacht Morgenbrötchen holt, entdeckt er auf ihrem Laptop sein Statement und findet ein Foto des kleinen Jungen, der ihm als Kind gleicht, und folgert, dass er wohl sein Vater sei. Er löscht die Datei über sich auf dem Laptop, bevor überraschend Trina mit den Kindern hereinplatzt, doch dezent wieder verschwindet. 

solomamma.5Amanda, Edith, Sigurd, Trina 

In den Tiefen des Schlusses verwoben und vernetzt 

Der für die Deutung entscheidende mehrteilige und mehrschichtige Schluss entwickelt sich, dies eine leise Kritik, stark wortlastig, wenig dem Spiel der Akteure vertrauend. Deshalb ist ein sehr genaues Hinhorchen verlangt.  Die folgenden Notizen aus dem Ablaufprotokoll können dabei vielleicht helfen.

· Edith: Möchten Sie dem Kind, das aus Ihrer Samenspende entstanden ist, etwas sagen?

· Trina: Ich will für das nächste Kind keine der beiden Spender. Sie sind mir zu real geworden.

· Edith: Du bist nicht meine Freundin. Du bist die Mutter von Sigurds Freundin. Ich bin froh, dass wir dich haben. Ohne dich würde ich es nicht schaffen. Ich habe da draussen 10 000 weitere Geschwister.

· Tim zu Edith: Ich fühle mich hintergangen. Du hast mich in eine schwierige Situation gebracht. Du hast eine Grenze überschritten. Mir gegenüber. Edith: Ja, und es tut mir sehr leid.

· Nils: Was hast du dir davon erhofft? Ich dachte, ich würde meinen Sohn besser verstehen, wenn ich seinen Vater kenne.

· Dir war sicher klar, dass du früher oder später auffliegen würdest. Ich habe mich mitreissen lassen. Ich mochte dich. Ich war auch fasziniert von dir.

· Allein ein Kind zu haben, war mein Plan B.

· Ich möchte, dass Sigurd und ich uns kennenlernen. Wenn alles passt. Aber schlussendlich liegt es bei dir. Sigurd ist dein Sohn. Aber …

· Wieso hast du gespendet? Es war ziemlich spontan. Es ging mir vielleicht nur darum, zu wissen, dass ein Teil von mir irgendwo da draussen ist.

· Wenn du deine Meinung änderst? Sigurd soll nicht das Gefühl haben, dass ihm etwas fehlt. Für ihn bist du irgendein netter Mann, der mir geholfen hat, ihn zu haben. Mehr nicht. Er soll entscheiden, ob er dich kennenlernen möchte, wenn er alt genug dafür ist. Ich hoffe, dass er es irgendwann will. Für dich war das mit dem Becher wahrscheinlich nichts. Aber mir bedeutet es alles.

Titelbild: Edith und Sigurd

Regie: Janicke Askevold, Produktion: 2025, Länge: 95 min, Verleih: Frenetic

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1 Kommentar

  1. Dieses Thema macht mich irre. Ich glaube, Frauen wären nie auf den Gedanken gekommen, sich ausserhalb der körperlichen Vereinigung zwischen Frau und Mann, durch Implantation fremder männlicher Spermien ein Kind zu generieren. Wenn’s früher nicht klappte, nahm man dies meistens als Gott gegeben an. Schuld daran waren ja sowieso immer die Frauen, obwohl es schon immer unfruchtbare Männer gab und gibt.

    Diese Industrie und Geldmaschine, nichts anderes ist nach meinem Dafürhalten die künstliche Befruchtung, entspringt, wie das meiste in der Medizin der letzten 150 Jahre, den Allmachts- und «nichts ist unmöglich Gedanken» von ehrgeizigen Männern. Sie machten und machen sich noch immer nicht nur das über Jahrhunderte von Frauen gesammelte Wissen von Frauenthemen wie Schwangerschaft und Geburt zu eigen, mit der modernen Medizin ist dieses weibliche Thema einfach zur Männersache erklärt worden, mit hohen Tarifen der «Spezialärzte» und in nach kommerziellen Kriterien geführten Spitälern. Alles was männliche Gynäkologen über das Funktionieren des weiblichen Körpers wissen, wissen sie von den Frauen selbst.

    Nach meiner glücklichen und konfliktfreien Schwangerschaft im Alter von 22 Jahren und der reibungslosen und temporeichen Geburt meines ersten Kindes, litt ich nach der Euphorie und den unendlichen Glücksgefühlen nach der Geburt, unter einer heftigen Postnatalen Depression. Mein Körper und meine Seele kamen mit der plötzlichen Umstellung des Körpers und der Hormone nicht zurecht. Ich vergessene nie, was mein jungre Frauenarzt an meinem Bett, angesichts meines Weinkrampfes als Trost verlauten liess: Die Geburt ist wie ein 20 Km Marsch mit Vollpackung; erholen Sie sich! Diesen Spruch hatte er wohl im Militär aufgeschnappt. Als ich mich auch nach der zweiten Woche (damals verblieben Wöchnerinnen 2-3 Wochen im Spital), gabs Tabletten. Über meine Gebühle hat damals niemand mit mir gesprochen.

    Die Hebammen, die eigentlich zuständigen und von je her kompetenten für schwangere Frauen, müssen seit langem um ihren Beruf und ihre Existenz kämpfen. Eine Schande! Mein Mitleid für Frauen, die keine eigenen Kinder bekommen können, hält sich in Grenzen. Man sollte meinen, dass wenn eine Frau oder ein Paar unbedingt für ein Kind sorgen will, warum nicht ein Kind das ins Heim abgeschoben wurde und elternlos aufwachsen muss, adoptieren und die Liebe diesem Kind schenken? Irgendwie, dass hat die Menschheitsgeschichte zutage gebracht, sind wir doch mit dem Ursprung allen menschlichen Lebens in Afrika, alle miteinander verwandt.

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