Was tun gegen die Angst? In einem Crash-Kurs gibt die Schauspielerin Judith Seither im Stück «Furchtlos durch den Alltag» Tipps als «Survival-Coach». Die Inszenierung von Regisseur Stefan Meier am Effingertheater in Bern ist einfallsreich, erfrischend, rundum lustig, zum Teil gar grotesk.
Angst ist laut Duden ein Gefühlszustand, der mit Beklemmung oder Bedrückung beginnt und mit Erregung bis zu Panik endet. Auslöser können unerwartete Bedrohungen, etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte oder nicht rational begründbare Angst werden als Angststörungen bezeichnet. Der Begriff Angst leitet sich ab vom lateinischen „angustia“, was Enge oder Bedrängnis bedeutet.
Für einmal werden im Theater nicht Kriege, Klimawandel, soziale Verwerfungen oder der Gender-Hype thematisiert, sondern ein alltägliches, menschliches Phänomen, das viele von uns beschleicht, bedrückt, vielleicht sogar verfolgt: Die Angst, einer Herausforderung nicht gewachsen zu sein oder in eine ausweglose, unkontrollierbare, vielleicht sogar lebensgefährliche Situation zu geraten. Was dann? Wie reagieren? Und: Kann man sich darauf vorbereiten?
Was tun, wenn der Lift zwischen zwei Stockwerken plötzlich hält?
Angst hat viele Gesichter
Der Regisseur selbst hat Höhenangst. Eine liebe Freundin fürchtet sich vor Brücken, eine andere vor Schlangen. Verbreitet sind die Flugangst, die Furcht, im Aufzug stecken zu bleiben, die Angst vor einem Vorstellungsgespräch oder einer Prüfung, das unangenehme Gefühl, nachts allein durch eine dunkle Strasse zu gehen. Wir fürchten uns vor Epidemien, Ebola, der Vogelgrippe. Seit Corona hat die Angst vor Impfungen zugenommen. Im Theaterstück ist sogar von Angst vor Knöpfen oder vor Quittengelee die Rede.
In nationalen Meinungsumfragen rangieren die generelle Angst vor einem Jobverlust, vor Kriminalität, Terrorismus, steigenden Preisen und Mieten oder vor der Zukunft ganz allgemein an erster und zweiter Stelle. Angst richtet sich entweder gegen eine konkrete Bedrohung, oder sie sitzt allgemein im Kopf der Menschen. Sie tritt in unterschiedlichen Intensitäten und Stärkegraden auf. Sie reicht von Kummer, Beklemmung, über Furcht, Panik bis zu Todesangst.

Praktische Tipps gegen Angst
Auf der Theaterbühne hält die selbst von Ängsten geplagte Anwaltsassistentin Fräulein Hilde Schaaf-Degenhart (gespielt von Judith Seither) einen Vortrag unter dem Titel «Überleben für Anfänger» und erzählt von eigenen Ängsten, aber auch von Alltagsängsten ihrer Mitmenschen. Etwas unbeholfen, aber theoretisch gut vorbereitet, gibt sie, unterstützt von Piktogrammen, Tipps für diverse Situationen. Der Monolog, geschrieben von der Schauspielerin Jule Ronstedt, basiert auf Kurzgeschichten von Mariana Leky. Das Effingertheater zeigt das Stück als Schweizer Erstaufführung.
Meditation als mögliches Mittel gegen Panik.
Die vorgeschlagenen Ratschläge haben Hand und Fuss: Sich mit geeignetem Material (z.Bsp. einem Feuerlöscher) auf eine mögliche Bedrohungslage vorbereiten. Sich mental konkrete Szenarien und mögliche Reaktionen vorstellen («Seien sie stets auf das Schlimmste vorbereitet. Immer!»). Sich in einer entsprechenden Situation ablenken, Mut zureden («Haben Sie keine Angst vor der Angst»). Alternativ helfen Yoga oder Meditation gegen chronische Angst. Den Kopf nicht verlieren, Konzentration, Entschlossenheit und Disziplin in der Not sind weitere Empfehlungen.
Lift, Flugzeug, Auto, Alligator
Anschaulich und mit viel Einsatz erläutert die «Referentin», wie man sich in einem blockierten Aufzug oder in einem brennenden Flugzeug verhalten sollte, was es bei einem Verkehrsunfall mit Amputationsfolge zu beachten gilt, oder wie man sich in Florida aus dem Maul eines Alligators befreit. Wenn man die vielen Lacher des Publikums als Messgrösse nimmt, dann gefallen dem Publikum die bizarren Überzeichnungen.
Sich aus dem Maul eines Alligators befreien: Dem Tier auf die Nase klopfen.
Näher am realen Leben liegen die Angst des Nachbarn, des Herrn Pohl, die eigene Wohnung zu verlassen. Oder die Panik von Frau Wiese, die im Bus vor einem Arbeitskollegen steht, in den sie sich verliebt hat, dem sie aber ihre Gefühle nicht zu gestehen wagt. Beachtlich ist die schauspielerische Solo-Leistung, die Verwandlungsfähigkeit der Darstellering. All diese Figuren werden von Judith Seither in Monologen oder Dialogen ebenso einfühlsam wie witzig präsentiert. Die Bühne mit den mehrfach verwendbaren Elemente hat Peter Aeschbacher konzipiert, für die Kostüme zeichnet Sarah Bachmann verantwortlich.
Empathische Begleitung nötig
Mehrfach fällt am Theaterabend der Satz «Angst hat nicht Medizin studiert». Die Ursachen von Angst sind nicht immer medizinisch diagnostizierbar, sondern können durchaus auch metaphysische Wurzeln haben. Daraus ergibt sich die zweite Botschaft des Stücks: Jeder und jede sollte versuchen, selbst etwas gegen Angst zu tun. Wie? Indem man Gemeinschaft sucht, die Angst mit einer Vertrauensperson teilt, sich nicht zurückzieht, sondern empathisch begleiten lässt.
Ratschlag: Keine Angst vor der Angst, die im Kopf steckt.
Das Stück gipfelt in einer Aussage von US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der in seiner Antrittsrede am 4. März 1933 sagte: «Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.» Das Rezept dagegen kennen wir alle: «Keine Angst vor der Angst.» So liegt der eigentliche Wert des aussergewöhnlichen Theaterabends an der Effingerstrasse nicht in der Aufzählung von längst bekannten Tipps, sondern in der Spiegelung von Gedanken und Überlegungen, die man im Alltag zu verdrängen pflegt.
Toll, dass der «Crash-Kurs gegen die Angst» sehr unterhaltend, mit mehrfachem Augenzwinkern und nicht in einer Katastrophe endet. Horrorfime nach dem Muster von «The Towering Inferno» kennen wir zur Genüge.
Titelbild: Die Angst der Flugzeugpassagierin vor dem drohenden Absturz. Alle Fotos: Severin Nowacki
Aufführungen bis am 2. Juli 2026

