StartseiteMagazinKulturEine Welt aus der Sicht der Mayas

Eine Welt aus der Sicht der Mayas

In einem vergessenen Dorf in Yucatan kreuzt die 68-jährige Lena, eine gebildete, einsame Witwe, den Weg des 62-jährigen Mayas Leon, der die Geheimnisse der Natur und der Geister hütet. Trotz ihrer Unterschiede entwickelt sich allmählich zwischen ihnen eine tiefe Verbindung, die Sinn stiftet. Ein philosophisches Märchen über das Alter und die essenzielle Kraft der Liebe. Der Westschweizer Regisseur Germinal Roaux schenkt uns mit «Cosmos» ein stilles, meditativ Meisterwerk wie von einer anderen Welt.

Wie der Spielfilm «Cosmos» uns in die Welt der Mayas einführt, ist für mich einmalig, ja sensationell! Und ich vermute und hoffe, dass ich mit diesem Urteil nicht allein bin.

Bereits ab den ersten Einstellungen lässt uns Germinal Roaux ruhig und dennoch intensiv die Mittel des Kinos erleben: die Bilder, im klassischen 3:4-Format, die Musik von Nicolas Rabaeus, die Kameraarbeit von Inti Briones und dem Regisseur, die Montage von Damian Plandolit, die Sinnlichkeit der Landschaften und die Gewalt des Klimas, das Auf- und Abtreten der Protagonisten und mit ihnen unser Eintauchen in eine fremde Welt mit ihren langsam sich entfaltenden Botschaften.

Und immer wieder sind es Texte, offline oder online gesprochen, die uns zum Fragen und Sinnieren einladen. Beispielsweise «Sie wissen nicht, dass sie reisen wie zwei Einsamkeiten, die sich verabreden in einer fremden Erinnerung.» Oder «Hinter dem Siegel der Welt, hinter der Nacht, verborgen in den Falten der Zeit spüre ich eure Gegenwart.» Es sind Worte und Sätze, die als reine Poesie ankommen.

Cosmos.2Kommen und Gehen

Vorbemerkung: Dass ich über weite Strecken dem Regisseur das Wort gebe, mögen Sie mir bitte verzeihen; er macht es viel besser als ich. Zur Vertiefung finden Sie am Schluss zusätzliche Informationen über den Regisseur und die Protagonisten, die bei uns noch kaum bekannt sind. Hier zu den Antworten aus einem Interview mit dem Regisseur:

Wann wussten Sie, dass dieses Universum zum Zentrum von «Cosmos» wird?

Der Verlust meines besten Freundes bei einem Verkehrsunfall, als ich zwanzig Jahre alt war, hat vermutlich eine tiefe Narbe in mir hinterlassen: eine existenzielle Angst, die mich nie wirklich verlassen hat. Schon lange verspürte ich das Bedürfnis, einen Weg zu finden, diese Tragödie und die angesammelten Ängste zu verwandeln. Es hat beinahe fünfzehn Jahre gedauert, bis ich die Form gefunden habe, die ihm erlaubt zu existieren.

Die mayaistische Kosmovision trennt weder den Menschen von der Natur, noch das Sichtbare vom Unsichtbaren. Sehr früh hatte ich das Gefühl, dass es dort eine Weise gab, die Welt zu bewohnen, die mit meinen eigenen Fragen nach Leben, Zeit, Erinnerung, Liebe und Tod in Resonanz stand. Für mich ist es schwierig, die Entstehung des Filmes zu beschreiben. Alles beginnt bei mir mit Begegnungen: mit einem Menschen, einem Gesicht, einer Landschaft, einem Territorium. Diese treten in Dialog mit meinen tiefsten Fragen. Dort beginnt das Schreiben: meine Suche nach Wahrheit.

Cosmos.3Lena

Wie steht die Maya-Weltsicht mit Ihrer Beziehung zu Zeit und Natur unserer Welt?

Die mayaistische Kosmovision erinnert uns daran, dass Zeit keine Linie ist, die uns immer weiter nach vorne treibt, sondern ein Kreislauf, in dem wir leben und zu dem wir gehören. Während der Entstehung des Films habe ich nach und nach verstanden, dass die beiden Figuren, Lena und Leon, zwei Teile meiner selbst darstellen, wie Yin und Yang.

Lena, eine ehemalige Universitätsprofessorin, die ihr Leben dem Verständnis der Welt gewidmet hat, steht am Ende des Lebens ihrer eigenen Endlichkeit vollkommen hilflos gegenüber. Leon hingegen, der keine akademische Ausbildung erhalten hat, aber im Herzen der Kosmovision seiner Gemeinschaft aufgewachsen und äusserlich betrachtet der Ärmere von beiden ist, erweist sich spirituell als der Reichere, als derjenige, welcher der Realität unserer Endlichkeit besser gewachsen ist.

Seine Kosmovision, sein organisches Verständnis des Lebens, machen ihn angesichts der grossen Fragen der Existenz sehr viel ruhiger und vertrauensvoller als Lena. Er lebt in Harmonie mit seiner Umgebung und empfindet keine Angst vor dem Tod. Er weiss, dass dieser ein Teil des Lebens ist, zu seinem Kreislauf gehört, dass die beste Art zu leben darin besteht, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein: in der Liebe und im Licht.

In einer Welt, die sich so schnell bewegt, wollte ich einen Film schaffen, der dem Zuschauer einen Raum der Ruhe und der Aufmerksamkeit bietet: einen Raum, in dem er sich selbst erkennen und vielleicht etwas Wesentliches wiederfinden kann. «Cosmos» ist kein Unterhaltungsfilm. Er ist vielmehr eine lange Meditation, ein Gedicht über das Leben, die Endlichkeit und den Sinn, den wir unserem Dasein geben.

Cosmos.4Vergangenheit und Gegenwart

Was möchten Sie, dass die Zuschauer:innen vom Film mitnehmen?

Eine leichte Verschiebung des Blicks. Eine innere Bewegung. Eine neue Art, die Welt zu sehen. Vielleicht die Öffnung hin zu neuen Fragen statt alten Antworten. Und das Gefühl, eingeladen zu sein, langsamer zu werden, wenn auch nur für einen Augenblick.

Ich glaube, dass solche Filme notwendig sind, wie die Luft, die wir atmen. Sie versuchen nicht, die Zuschauer:innen zu fesseln oder bloss zu unterhalten, sondern ihnen ihre Zeit zurückzugeben. In einer Welt, die von Bildern und Lärm übersättigt ist, wird es beinahe ein politischer Akt, Raum zur Kontemplation anzubieten.

Ich möchte mit der französischen Dichterin Marceline Desbordes-Valmore schliessen: «Die Poesie ist keine Kleinigkeit, sie ist wesentlich, unsere letzte Chance, im Block der Wirklichkeit zu atmen.» In aller Bescheidenheit ist es das, was ich mit «Cosmos» versucht habe: uns ein wenig Raum zum Atmen zu schenken.

Cosmos.1Hilda, Lena, Leon

Sieben Sterne als persönlichen Dank

* «Cosmos» vereinigt Natur und Kunst, Mann und Frau, Pflanzen und Tiere, Einsamkeit und Zweisamkeit, Leben und Sterben.

* Ángela Molina als Lena, Ándrés Catzín als Leon und Erandeni Duran als Haushälterin Hilda nehmen uns mit in den Flow in ein anderes Universum.

* Der Drehbuchautor und Regisseur stammt nicht aus Mexiko, sondern der Schweiz, weshalb uns der Einstieg in die Maya-Kosmologie vielleicht leichter fallen dürfte.

* «Cosmos» zeigt eine andere Zeit und einen anderen Raum in eine andere Welt, und wenn wir mit dieser zusammenstossen, kann es unser Sein erschüttern.

* Wer den Film als existenzielles Roadmovie wahrnimmt, ist ihm nach den 152 Minuten wohl so nah gekommen, dass das Erlebte noch lange bleiben wird.

* Schon oft habe ich gesagt: Der oder dieser Film ist der beste, der innovativste. Doch «Cosmos» ist heute für mich der schönste und wichtigste Film über das Leben und das Sterben.

* Ich vermute, «Cosmos» wird bei vielen die Schleusen des Wahrnehmens öffnen, die lange verschlossen waren, und ermöglicht beim einen oder der anderen eine Welteroberung der besonderen Art.

Germinal Roaux, Ángela Molina, Andrés Catzín

Presse-Dokumentation Sister Distribution

Germinal Roaux, Drehbuchautor und Regisseur von «Cosmos»

Germinal Roaux, am 8. August 1975 in Lausanne geboren, wurde Fotograf, Drehbuchautor und Filmemacher, der für seine Schwarzweiss-Arbeiten und seine Aufmerksamkeit für menschliche und soziale Themen bekannt ist. Seit 1996 arbeitet er als Fotoreporter und kooperiert mit zahlreichen Magazinen. Im Jahr 2000 erhielt er den Schweizer Medienpreis für eine Reportage-Serie über Autismus bei Kindern und Erwachsenen, die im Musée de l’Élysée in Lausanne gezeigt wurde.

2003 realisiert er seinen ersten Dokumentarfilm «Des tas de choses», der sich mit der Integration von Menschen mit einer geistigen Behinderung beschäftigt. Der Film wird am internationalen Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon ausgewählt und findet dort ein grosses Echo. 2007 schreibt und inszeniert er «Icebergs», der ihm den Preis für das beste Nachwuchstalent beim Internationalen Filmfestival Locarno sowie den Nachwuchspreis Suissimage für den besten Kurzfilm an den 43. Solothurner Filmtagen einbringt.

Im selben Jahr beginnt er ein langfristiges fotografisches Tagebuch «Never Young Again», das sich dem Übergang von der Jugend zum Erwachsenenalter widmet. Zunächst online veröffentlicht, hat sich dieses Werk im Laufe der Zeit zu einem Bestand von mehreren Tausend Bildern entwickelt, das heute im Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird. 2013 schreibt und realisiert er seinen ersten Spielfilm «Left Foot Right Foot» mit dem argentinischen Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart. Der Film erhält den Bayard d’Or für den besten Debütspielfilm beim FIFF in Namur, den Jurypreis beim Internationalen Filmfestival in Palm Springs sowie den Schweizer Filmpreis 2014 in drei Kategorien: Beste Kamera, Beste Nebenrolle und Spezialpreis der Akademie. 2018 realisiert er seinen zweiten Spielfilm «Fortuna», der das Leben unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge thematisiert, mit der jungen äthiopischen Schauspielerin Kidist Siyum Beza und dem Schweizer Schauspieler Bruno Ganz. Der Film wird an der 68. Berlinale in einer seltenen Doppelauszeichnung mit dem Gläsernen Bären und dem Grossen Preis der Internationalen Jury ausgezeichnet. Zudem erhält er den Filmmaker Award am Zurich Film Festival, überreicht von der US-amerikanischen Schauspielerin Uma Thurman, und wird auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt.

2024 erhält Germinal Roaux den Grand Prix der Fondation vaudoise pour la culture für «die Bereicherung des Landes durch ein starkes Werk und eine innovative Vision». Sein jüngster Film «Cosmos», gedreht in Maya- und Spanischsprachen im Herzen des mexikanischen Dschungels, wird im November 2024 beim Thessaloniki International Film Festival in der internationalen Wettbewerbskategorie uraufgeführt.

Ángela Molina, Lena in «Cosmos»

Ángela Molina ist eine spanische Schauspielerin, geboren 1955 in Madrid, Tochter des berühmten Sängers und Schauspielers Antonio Molina. Sie wurde im klassischen spanischen Tanz ausgebildet – das sie bereits im Alter von sechzehn Jahren mit einem Lehrdiplom abschloss – und trat anschliessend in die Escuela Superior de Arte Dramático in Madrid ein. Ihr Bühnendebüt gab sie im Theater in Henrik Ibsens «Nora oder Ein Puppenheim».

Ihre ersten Schritte im Kino machte sie 1974. Internationale Anerkennung erlangte sie 1977 durch «Cet obscur objet du désir» von Luis Buñuel, in dem sie sich die Hauptrolle mit Carole Bouquet teilt. Als prägende Figur des spanischen Kinos baut Ángela Molina daraufhin eine internationale Karriere auf und arbeitet mit bedeutenden europäischen Regisseuren wie Luigi Comencini, Gillo Pontecorvo oder Marco Bellocchio zusammen. Sie dreht zudem mit Manuel Gutiérrez Aragón und Pedro Almodóvar, der sie unter anderem in «Carne tremula» und «Los abrazos rotos» besetzt.

Ihre Laufbahn führt sie auch in französische, italienische und amerikanische Produktionen, etwa «1492 – Conquest of Paradise» von Ridley Scott. Sie wechselt zwischen Haupt- und Nebenrollen in Kino, Fernsehen und Theater und überzeugt in zahlreichen prägenden Werken, darunter «Blancanieves», «The Way» oder «Loin des hommes». Zudem tritt sie in der erfolgreichen spanischen Serie «Velvet» auf. 2024 spielt sie in «Polvo serán» von Carlos Marqués-Marcet. 2025 erscheint sie unter anderem in «Le dernier souffle» von Costa-Gavras mit Denis Podalydès, Kad Merad und Marilyne Canto.

Andrés Catzín, León in «Cosmos»

Andrés Catzín wurde in einer Bauernfamilie der Maya im Gebiet von Ek Balam im Herzen der Halbinsel Yucatán geboren. Er wuchs im Dschungel auf, in einer alltäglichen und organischen Beziehung zur Natur, und entwickelte sehr früh ein tiefes Wissen über Fauna und Flora. Bis zum Alter von zwölf Jahren besuchte er die Dorfschule, bevor er auf die Felder ging, wo er an der Ernte von jungem Mais teilnahm.

Dort lernte er, den Wald roden, Schneisen als Brandschutzstreifen für das Abbrennen von Feldern anlegen, das Land bearbeiten und traditionelle Saaten wie Mais, Pepita, Jícama, Bohnen oder Maniok anbauen. Als Jugendlicher begleitete er seinen älteren Bruder auf langen Expeditionen tief in den Wald. Dort lernte er jagen, sich schützen und Gefahren erkennen giftige Schlangen, wilde Tiere, unsichtbare Präsenz, die die Nacht durchqueren. Vor allem aber lernte er zuhören, beobachten und sich körperlich wie geistig mit seiner Umgebung in Beziehung setzen. Er entwickelte eine seltene Autonomie: sich anhand der Sterne orientieren, sich von dem zu ernähren und zu heilen, was der Wald ihm bietet.

Dieses Wissen ist nicht nur Überlebenskunst; es ist das Ergebnis einer lebendigen Weitergabe innerhalb seiner Gemeinschaft eine Art, in der Welt sein, in der der Mensch niemals als von der Natur getrennt gedacht wird. Andrés Catzín gehört zu den wenigen Maya, deren Linie es über Generationen hinweg geschafft hat, eine lebendige Weitergabe der Kosmovision zu bewahren. Eine Art, in der Welt zu sein, die auf einer empfindsamen Verbindung zwischen Erde und Himmel, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem beruht.

Dieses intime Wissen der Natur erlaubt es ihm, im Leben ohne Ausbeutung voranzugehen, in einer Form von Gleichgewicht und Respekt. Wie die Seinen hat er gelernt, im Einklang mit dem Gebiet zu leben, das er bewohnt nicht als Raum, der ausgebeutet oder erobert werden soll, sondern als Ort, an dem jedes Wesen seinen Platz hat, in einer Beziehung gegenseitigen Respekts.

Titelbild: Leon

Regie: Germinal Roaux, Produktion: 2024, Länge: 152 min, Verleih: Sister Distribution

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