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Dialog zweier ungleicher Künstlerinnen

Zum 100. Geburtstag der Winterthurer Künstlerin Heidi Bucher stellt das Kunst Museum Winterthur ihr Werk in einen zeitgenössischen Dialog mit der Wiener Künstlerin Liesl Raff. «Closer» ist eine sinnlich erfahrbare Ausstellung über Raum, Materialität und körperliche Aneignung.

Die Winterthurer Künstlerin Heidi Bucher (1926-1993) ist bekannt für ihre raumgreifenden, installativen Latex- und Textilarbeiten. Zu ihrem 100. Geburtstag richtet ihr das Kunst Museum Winterthur I Beim Stadthaus mit Closer eine Ausstellung aus und lädt dazu die in Wien lebende 47jährige Künstlerin Liesl Raff ein. In einem Dialog begegnen sich die Arbeiten der beiden Kunstschaffenden. Dabei zeigt sich eine tiefe Verbundenheit, auch über Zeitgrenzen hinaus.

Heidi Bucher «Das kleine Glasportal mit 3 Bögen», 1988, Bellevue, Psychiatrische Anstalt Kreuzlingen (links); «Der Parkettboden des Herrenzimmers», 1979, Winterthur, Wülflingen (rechts). Installationsansicht in der Parasol Unit Foundation for Dontemporary Art, London, 2018. Foto: Wikimedia Commons

Heidi Buchers Werk wurde vor vier Jahren im Kunstmuseum Bern unter dem Titel Metamorphosen I ausgestellt, Seniorweb hat darüber berichtet. Gezeigt wurden Ikonen ihres Oeuvres wie Das Herrenzimmer von 1978 mitsamt einer historischen Aufnahme der Künstlerin beim Häutungsprozess des Herrenzimmers. Auch Rekonstruktionen der frühen zerstörten Bodyshells aus Schaumstoff und Perlmutt wurden präsentiert oder die Libelle aus Textil, Latex, Draht und Perlmuttpigment.

Liesl Raff, Hängeskulpturen, 2026

Die Winterthurer Schau fokussiert auf das frühe Werk von Heidi Bucher, die vor der Heirat mit dem Bildhauer und Maler Carlo Bucher (1935-2015) Adelheid Hildegard Müller hiess. Manche der ausgestellten Blätter sind mit ihrem Mädchennamen signiert. Teilweise stammen sie aus ihrer Ausbildungszeit an der Kunstgewerbeschule Zürich, wo sie bei Johannes Itten und Max Bill studierte.

Heidi Bucher, ohne Jahr, Aquarell und Tusche auf Karton. Nachlass Heidi Bucher

Als gelernte Schneiderin folgte sie auch den Kursen der Textilkünstlerin Elsi Giauque (1900-1989), die ihr den dreidimensionalen Umgang mit Werkmaterialien nahebrachte. Buchers Modeskizzen aus jener Zeit verhüllen bereits in zahlreichen Schichten den Körper und machen ihn zum geometrischen Objekt. Die Schau zeigt neben figürlichen Zeichnungen auch eine Serie abstrakter Seidencollagen, deren biomorphen Formen an Sophie Täuber-Arp erinnern. Zudem sind verschiedene Videos über Heidi Buchers Schaffen zu sehen.

Seidencollage, signiert HM (Heidi Müller), ohne Jahr. Nachlass Heidi Bucher

In Verbindung mit Liesl Raffs Interventionen wirft die Ausstellung einen heutigen Blick auf Heidi Buchers Werk. 1993 schreibt Bucher in ihren Notizen zur Häutung der Villa Bleuler: «Ich muss allem näher kommen» – Closer heisst auch die Schau, kuratiert von Lynn Kost. Für die Künstlerin bedeutet Nähe auch ein körperliches Verstehen.

Hier knüpft Liesl Raff an und verwandelt den White Cube in ein Gefüge aus Stoff, Latex, Epoxid, Stahl und federnden Böden. Sie kreiert für das Werk der älteren Kollegin räumliche Inszenierungen. Auch Raff arbeitet mit Latex als formbare, sinnliche Substanz, aber sie häutet keine Räume, «sondern kleidet sie aus», so der Kurator, und verändert die unmittelbare Erfahrung des Raums.

Heidi Buchers frühe Bilder im Dialog mit Liesl Raffs skulpturaler Installation «Curve» und «Floorpiece 2», 2026, Latex, Pigment, Schleiernessel, Talkum, Kunststoff und PVC-Tanzboden

Den Raum im ersten Obergeschoss unterteilt die 1979 geborene Liesl Raff mit zwei riesigen von der Decke hängenden Bahnen aus Stoff und Latex. Der Boden ist mit loseübereinandergelegten schwarzen Kunststofffolien wie für Tanzböden belegt. Durch dieses Gesamtkunstwerk verändert sich das Raumgefühl: Raffs Hängeskulpturen schaffen einen intimen Rahmen und schützen Buchers kleinformatigen Bilder wie Preziosen. Hinter den «Vorhängen» kann auch das Publikum die Bilder ungestört betrachten.

Liesl Raff, Installation «Corridor (Vatiation 3)», 2026, im Foyer neben Ker-Xavier Roussels Wandgemälde «Automne», 1916-1918, überarbeitet 1926

Im Foyer des ersten Obergeschosses dominiert Liesl Raffs monumentale Installation Corridor (Variation 3). Sie führt das Publikum durch eine Abfolge farbiger Latexflächen hin zu Videos von Buchers Häutungen. Die stahlgefassten Latexelemente reagieren auf ihre Umgebung und nehmen die Farbigkeit der gegenüberliegenden Wandmalerei von Ker-Xavier Roussel auf. Je nach Licht und Distanz entfaltet der mit Farbpigmenten durchmischte Latex ein Eigenleben zwischen Malerei, Skulptur und Architektur.

Blick in den Ausstellungssaal im Erdgeschoss «Space for Heidi», 2026

Unter dem Titel Space for Heidi inszeniert Liesl Raff den grossen Saal im Erdgeschoss für Buchers Werkgruppe der Frottagen. Die zarten Bilder hängen einzeln innerhalb eines breit angelegten Rasters von vertikalen schwarzen, drei Meter hohen Stahlprofilen. Sie sind unterlegt mit in Epoxidharz getränkten Glasfasermatten als Entsprechung der reliefartigen Frottagen. Der Fussboden ist mit zugeschnittenen lose ausgelegten Tanzbodenstücken aus dem Atelier der Künstlerin versehen. Damit sich einem Buchers Bilder erschliessen, müssen sie aus der Nähe betrachtet werden

Heidi Bucher, Frottage, 1983

Der nahe Blick wird belohnt. Denn so spürt man die Sensibilität für Material und Oberfläche, mit der Heidi Bucher ihre Frottagen in den 1970er Jahren geschaffen hat. Bereits damals richtete sie den Blick auf die zweite Haut des Menschen: seine Kleidung. Durch Reibung übertrug sie die Formen von Kleidern, Röcken, Halstüchern und Accessoires auf Papier. Dabei entstanden fragile reliefartige Bildformen, die sich zwischen Spur, Abdruck und Zeichnung bewegen.

Heidi Bucher, «Glänzende Prachtlibelle», 1979

In der Reihe der Frottagen erscheint auch das Motiv der Libelle, das Heidi Bucher stets begleitet hat – ein Sinnbild für Transformation, Leichtigkeit und Verwandlung.

Titelbild: Ausstellungsansicht, Liesl Raff, «Corridor» (Variation 3), 2026
Fotos: rv

Bis 8. November 2026
«Heidi Bucher – Liesl Raff. Closer», im Kunst Museum Winterthur / Beim Stadthaus. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier
Ein Saalblatt liegt auf

Beitrag in Seniorweb zur Ausstellung «Metamorphosen I» im Kunstmuseum Bern, 2022

 

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