FrontKulturAls die Kunst explodierte

Als die Kunst explodierte

Viel zu lange kannten nur Insider die aus Winterthur stammende Künstlerin Heidi Bucher. Das Kunstmuseum Bern widmet ihr nun die grösste Retrospektive in der Schweiz.

Der Titel der Ausstellung Metamorphosen I spielt auf Heidi Buchers Leben an. Sie löste sich – aus einer gutsituierten Familie stammend – von ihrer bürgerlichen Herkunft, liess sich vom Aufbruch der 1960-70er Jahre inspirieren und entwickelte ihre Kunst ganz eigenständig. Nicht nur im Mainstream, in der Pop-Kultur, sondern in allen gestalterischen Bereichen «explodierte damals das Leben», beschreibt die Kuratorin Kathleen Bühler jene Jahre.

Das Kunstmuseum Bern führt mit dieser Ausstellung seine vor einiger Zeit begonnene Linie fort: Präsentiert werden Künstlerinnen, die lange – zu lange – im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen, sei es Meret Oppenheim, aber auch Gabriele Münter oder Lee Krasner im Zentrum Paul Klee. Beide Museen stehen unter der Leitung von Nina Zimmer. Für Heidi Bucher trifft zu, was Paul Nizon einmal gesagt hat: Schweizer Künstler müssen sich erst im Ausland einen Namen gemacht haben, ehe sie in der Schweiz beachtet und anerkannt werden. – Die gegenwärtige Retrospektive wurde 2021 in München im Haus der Kunst zuerst gezeigt, beide Museen zeichnen dafür verantwortlich.

Heidi Bucher, Libelle, o.D. Textil, Latex, Farbreste, Draht, Perlmuttpigment. Courtesy The Estate of Heidi Bucher. Foto: Daniele Kehr

Für eine junge Frau wie Heidi Bucher, geboren 1926, war die Lehre als Schneiderin naheliegend, wenn sie etwas Kreatives lernen wollte. Anschliessend konnte sie die Zürcher Kunsthochschule besuchen. Sie lernte bei Johannes Itten, Max Bill und der Textilkünstlerin Elsie Giauque, alle drei beeinflussten ihre künstlerische Entwicklung wesentlich. Schaukästen zeigen Zeichnungen und collageartige Arbeiten aus Papier und Textilien aus jener Zeit. Auffällig ist die sichere Hand in ihren Zeichnungen.

Sie heiratete Carl Bucher, ebenfalls Künstler, und Carls Reisestipendium ermöglichte dem Ehepaar mit den beiden Söhnen einen Aufenthalt zuerst in Kanada und dann an der US-Westküste. Hier kam Heidi Bucher mit feministischer Kunst in Berührung. Ihre Arbeiten waren jedoch eher geschlechtslos verhüllend: wandelnde Bodyshells, Formen wie vielfach vergrösserte Spielfiguren. Die Buchers schlüpften hinein und liefen damit über den Strand, wie in einem Video zu sehen ist. Das erregte damals Aufsehen und wurde zum Cover der ersten deutschsprachigen Ausgabe von Harpers Bazaar. – Auf das fragile Material wurde damals nicht geachtet. Die Bodyshells wurden weggeworfen und zerfielen. Was wir im Kunstmuseum sehen, sind Reproduktionen.

Heidi Bucher: Bodyshell, 1972 Schaumstoff mit Perlmutthaut. Courtesy The Estate of Heidi Bucher. Foto: Beverley Johnson

Die Bedeutung der 1960-70er Jahre für die Kunst und für das Aufbrechen überkommener Gesellschaftsstrukturen kann gar nicht überschätzt werden.

Aus heutiger Sicht sollten wir darüber noch einmal nachdenken. Da war einerseits ein heute nicht mehr einlösbares Versprechen von Freiheit, andererseits wurde damals an einem neuen Frauenbild geschaffen. Die Grenzen zwischen den Kunstrichtungen lösten sich auf. Kunst entfaltete sich in Performationen, der eigene Körper wurde einbezogen.

Heidi Bucher beim Häutungsprozess von «Herrenzimmer», 1978. Courtesy The Estate of Heidi Bucher. Foto: Hans Peter Siffert

Nach der Rückkehr 1973 entschied sich Heidi Bucher, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie hatte in ihren jungen Jahren nur einen Platz als Unterstützerin ihres Mannes gehabt. Nun trennte sie sich von ihm, mietete ein eigenes Atelier und begann mit den Arbeiten, die ihre Kunst prägten: den Latex-«Häutungen». In ihrem Atelier bestrich sie die Wände mit Fischkleister, fixierte Gaze daran und strich flüssigen Latex darüber. Sobald der Latex getrocknet war, zog sie die Schichten von den Wänden ab – eine enorme physische Anstrengung, wie ein Video zeigt. Das war ihre erste «Raumhäutung». Sie nannte sie Borg, denn sie fühlte sich in ihrem Atelier ge-borg-en, obwohl es der Kühlraum einer ehemaligen Metzgerei war.

Diese «Häutungen» waren als Technik in der Archäologie entwickelt worden, um von wertvollen Fundstücken Replikate herzustellen. Latex eignet sich dafür ausgezeichnet, es ist beweglich und sitzt wie eine zweite Haut. Denn Häute können einhüllen, aber auch enthüllen.

Die Arbeit mit Latex versteht Heidi Bucher als Analyse überkommener erstarrter Strukturen: Das (scheinbar) in Stein Gemeisselte wird durch Latex weich und flexibel. Das zweite Material, das sie fasziniert, ist Perlmutt. Durch den farbigen Schimmer wirkt Latex mit Perlmutt eingerieben wie aus mystischen Sphären. Wenn Licht darauf fällt, ändert Perlmutt seine Farben im Laufe des Tages.

Heidi Bucher. Metamorphosen, Installationsansicht «Herrenzimmer», 1978. Haus der Kunst, München 2021. Foto: Markus Tretter

Eindrucksvoll hängen grosse Häute wie Wände im Raum. Es ist das Herrenzimmer ihres Elternhauses, das Heidi Bucher gehäutet hat. Sie erlaubt sich diese Aktion nach dem Tod ihrer Eltern und überwindet damit künstlerisch die Starre der älteren Generation: Das in Stein und Struktur Verhärtete wird durch den Latex beweglich. Ausserdem erlaubt dieses Material, auch die feinen Strukturen abzubilden. Mit den Jahrzehnten vergilbt der Latex, wodurch er eine Art Patina erhält. Er altert, wie schliesslich auch dieses Herrenzimmer gealtert – überaltert – war.

Heidi Bucher, Ohne Titel (Puerta turquesa Finca Chimida), 1978. Latex, Fischkleister, Textil und Farbreste auf Leinwand, 203 x 105 cm. Courtesy The Estate of Heidi Bucher

In den späten 1980er Jahren versucht Heidi Bucher sogar Wasser zu häuten, wir sehen ein Beispiel aus einer Schaffhauser Textilfabrik. Es entsteht eine «Wassertasche» mit faszinierenden Farbeffekten. Für die Schönheit der Libellen interessiert sich Heidi Bucher ebenfalls. Auch diese häuten sich, sie lassen ihre alte Larvenhaut zurück, wenn sie schlüpfen und auffliegen.

Viele Jahre verbrachte Heidi Bucher Zeit auf Lanzarote, wo sie mehrere alte Gebäude – «Paläste» – erwarb. Sie hatte den Wunsch gehabt, dort ein Künstlerhaus zu schaffen, aber sie starb schon 1993. Von ihrer Arbeit auf dieser Vulkaninsel sehen wir die Häute von Türen im lokalen Stil. Die Künstlerin liebte wohl die Zweideutigkeit der Dinge: Türen können sowohl einen Raum abschliessen als auch, wenn man sie öffnet, den Weg in weitere Räume weisen.

Zwei Ausstellungen zeigen Heidi Buchers Werk:
im Kunstmuseum Bern: Metamorphosen I bis 7. August 2022
im Muzeum Susch: Metamorphosen II vom 16. Juli 2022 bis 14. Februar 2023

Ausstellungskatalog: Heidi Bucher. Metamorphosen. Hrsg. von Jana Baumann. Hatje Cantz Berlin 2021 ISBN: 978-3-7757-4792-9

Titelbild: Filmstill aus Heidi Buchers Video «Bodyshells, Venice Beach, Kalifornien» 1972. Courtesy The Estate of Heidi Bucher

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