18.05.2017 - Andreas Iten

Ein Mann bilanziert sein Leben

Nicht jedem intensiv arbeitenden Menschen gelingt es, sich durch Rauchen einer Zigarre ins Gleichgewicht zu bringen. Aber ich kenne einen.

Als ich die Kolumne “Über den Weingenuss“ fertiggestellt hatte, dachte ich an diejenigen, denen es nicht möglich ist, den Wein zu geniessen. Meine Kolumne war exemplarisch gedacht. Es gibt tausend Dinge, die jemand geniessen kann, auch kleine Dinge ohne materiellen Wert. Die Welt ist für jenen wunderbar, der diese Dinge zu sehen und zu schätzen vermag. Und doch hat man heute immer wieder das Gefühl, das Glück basiere auf Erfolg und Leistung. Gerade haben wir gelesen, ein 85-jähriger Japaner, dessen Rekord beim Besteigen eines Mount Everest Gipfels von einem etwas jüngerem Herrn gebrochen wurde, sei vom Ehrgeiz gepackt worden, ihn zurückzuerobern. Der Versuch endete tödlich. Vielleicht hatte der Leistungsdruck auch den Schweizer Bergsteiger Ueli Steck in den Tod getrieben.

Suizid und Burnouts als Folge eines unablässigen Leistungsdrucks und Erfolgsstrebens sind nicht selten. Heute werden Menschen oft mit hohen Salären und Boni geradezu gekauft. Sind sie den Herausforderung kaum gewachsen, zehren Stress und Druck an ihnen. Die moderne Gesellschaft verlangt nach Menschen, sich selbst auszubeuten. Als ich so meinen Gedanken nachhing, fiel mir Ludwig Marcuse ein, der am Schluss seines Lebens schonungslos mit sich selbst abrechnete. Er schrieb einen “Nachruf auf Ludwig Marcuse“. Die Selbstbeschreibung erschien 1969. Ludwig Marcuse (1894-1971) war ein unermüdlicher „Chrampfer“, schrieb Werk um Werk. Ich gehörte zu seinen Bewunderern. Gut zehn Werke aus seiner Feder über grosse Persönlichkeiten wie Freud, Ignatius von Loyola, über Heinrich Heine u.a. m., aber auch Essays und Polemiken verschlang ich.

Im Werk „Philosophie des Glücks“ strich ich einen Satz an, den ich heute noch hin und wieder lese: „Wer … auf das Glücklichsein verzichtet, erfüllt sein Dasein nicht.“ Mit der Autobiographie bilanzierte Marcuse zwei Jahre vor seinem Tod sein Leben und kommt zu einem traurigen Resultat. „Er“, gemeint ist Ludwig Marcuse, „hat sich als Geniesser, auf den Er angelegt war, und als Mitmensch nicht bewährt. Wenn Er sich an seiner lautesten Sehnsucht misst, so kommt Er zum trüben Schluss: die eine Freude, zu reflektieren und aufzuschreiben, hat es zu vielen Freuden nicht kommen lassen: vor allem nicht zur Seligkeit, Freude zu bereiten.“ Sein Leben, schreibt er weiter, sei von der zerstörenden Leidenschaft mitbestimmt gewesen, Leistung zu vollbringen. Er habe aus den günstigen Bedingungen, unter denen er aufgewachsen sei, nichts gemacht und sich in einem abgeriegelten Leben verwelken lassen. 

Offenbar war er vom Glanz seines Erfolges geblendet. Er hätte vielleicht nur zwei, drei Bücher weniger schreiben müssen, um Freiraum zu haben für seine „lauteste“ Sehnsucht. Am Ende seines Lebens notierte er zudem: „Mangel an Dankbarkeit ist Verarmung des Daseins.“ Sie sei eine Nebenerscheinung seiner Kritikbesessenheit, so sei er nicht frei von dieser Selbstverkrüppelung gewesen. „Wer nicht dankbar ist, kann nicht glücklich sein.“

Wer dieses Gericht, das der berühmte Ludwig Marcuse über sich selber hält, liest, prüft sein Verhalten vielleicht selbst. Ich sprach letzthin mit dem angesehenen und erfolgreichen Besitzer eines Handwerkbetriebs. Er sah zufrieden aus. Ich fragte ihn, wie er mit seiner anstrengenden Arbeit durch das Leben gekommen sei. Er lachte: „Ich hielt mich an die Zigarre. Hatte ich eine knifflige Frage zu lösen, liess ich mich in den Sessel fallen, nahm eine feine Zigarre zur Hand, zündete sie bedächtig an; und als sie Glut gefasst hatte, paffte ich, bis ich spürte, wie sich Ruhe und Gelassenheit einstellte. Ich liess die Gedanken in mir sprechen. Wenn du so da sitzest, dem Rauch zuschaust und siehst, wie er sich verflüchtigt, denkt es in dir von selbst. Und schon bald löst sich das 'Riesenproblem' in Rauch auf.“ Es gibt die unterschiedlichsten Methoden zu gewinnen, was Lebensfreude schenkt. Nicht jeder tut es mit einer Zigarre. Ich flüchtete jeweils auf eine Waldwiese, hörte den Vögeln zu und las Robert Walser.

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