03.08.2017 - Bernadette Reichlin

Falsche Verwandtschaften

Sprache ist nicht schwer, sonst würde am Nationalfeiertag nicht so viel geredet. Weshalb dann diese Sprachstolperer in den Medien? Oder gehören Genossen und Flossen wirklich zusammen?

"Genossen stehen sich auf die Flossen" steht, man glaubt es kaum, als Titel in der Zeitung. Ist halt ein Sommerthema, mag man sich denken und die SP organisierte eine Badeplausch. Allerdings ist weder im Text noch auf dem Foto etwas von Schwimmbadgeselligkeit zu lesen oder zu sehen. Nein, es geht – raten Sie mal: Um die Rentenreform. Das ist verbale Effekthascherei. Ein dummer, blöder Titel, ohne Bezug zum Text. Dieser Schreiber gehört, nein, nicht ins Schwimmbad, in die Wüste geschickt.

Glühwürmchen und ihre Fingerchen

Gleichermassen kryptisch auch dieser Titel: "Ein Glühwürmchenprojekt hatte die Finger im Spiel". Keine Ahnung, wer da was in welchem Spiel hatte. Wenn es wenigstens "Glühwürmchen" ohne "Projekt" heissen würde, da könnte man sich etwas vorstellen. Wobei: Haben Glühwürmchen eigentlich Finger? Dass ein Projekt keine hat, höchstens Hand und Fuss, steht fest. Und spielen tut ein Projekt auch nicht. Aber vielleicht die Glühwürmchen?

"Er hat wenig Eigennützlichkeit, dafür viel Empathie" steht in einem Porträt. Ist das wohl eine nichtsnutzige, aber liebenswerte Person? Oder braucht sie Hilfe, weil sie ihr Können nicht nutzen kann? Oder ist es jemand, der nicht in erster Linie an sich, sondern an andere denkt. Das hiesse aber "wenig Eigennutz". Das macht doch keinen Unterschied? Oh, doch. Das eine ist Sprache, das andere Geschreibsel.

Substantivismus

Das gilt auch für den folgenden Satz: "Man nimmt die Abgelegenheit in Kauf." Eine Angelegenheit, eine günstige Gelegenheit, das kennt man. Aber Abgelegenheit? Gemeint ist ein Haus, das zwar passend ist, aber etwas abgelegen liegt. Ja warum schreibt man das denn nicht?

"Goethe schenkte seiner Angebeteten einen Fingerring und auch Punker tragen zur Zier Sicherheitsnadeln". Suche den Zusammenhang. Ohne das "auch" wäre er leichter zu finden: Schmuck. Aber so? Ist ein Ring etwa auch eine Sicherheitsnadel, hält zusammen, was nicht auseinanderklaffen darf?

Der Mini-Mini-Minirock

Zum Schluss noch etwas Sommerlich-Leichtes: Gemäss eines Zeitungsberichtes wurde "1503 in St.Gallen den Frauen das Tragen kuzer Kleider verboten". Die Begründung wird sogleich nachgeliefert: "Es wurde immer wieder beklagt, dass junge Frauen Herzen und Hälse unsittlich entblösst trügen". Ja, wenn das so ist, glit das Verbot wahrscheinlich heute noch. Kleider, die so kurz sind, dass Brust und Hals unbedeckt sind, das ist wirklich krass kurz. Diese Frauen würden sogar auf den Nacktwanderwegen auffallen.

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Kommentare

Tja, ich habe auch noch einen sommerlichen Sprachhit gefunden:

Im Blick am Abend vom 3. August - wohlverstanden lese ich dieses Presse-Erzeugnis sehr selten - habe ich eine Notiz gelesen, dass Justin Bieber (bekannt wohl nur unter der Genration unserer Grosskinder) einen offenen Brief an seine "Belieber" geschrieben hat. Meine Antwort dazu "lieber ein Justin Bieber als ein Belieber".

Eingefleischte Bieber-Fans heissen halt wirklich "Belieber" – jedenfalls auf Englisch (http://www.urbandictionary.com/define.php?term=Belieber). Wäre das Wort damit nicht schon vergeben, könnten wir es auf Deutsch gut brauchen für jemanden, dem es beliebt hat, einen "Gefällt-mir"-Knopf zu drücken: Es klingt so schön beliebig.

Vielen Dank für den Hinweis und Ihren Vorschlag. Ich bediene halt keine solchen Knöpfe.

Gerade habe ich in der Zeitung gelesen, dass einige Wörter "neusprak" mehr im neuen Duden stehen. Vielleicht ist ja der Belieber darunter.

 

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