04.08.2017 - Linus Baur

Unter Menschen kommen

Gefühle von Einsamkeit lassen sich nicht verhindern, denn sie können jeden treffen. Doch jeder kann etwas dagegen unternehmen.

Einsamkeit hat viele Gesichter und einsame Menschen gibt es in jedem Alter. «Oft ist es nicht das Alter, das zu Einsamkeit führt, sondern die Biografie», weiss Prof. François Höpflinger, Soziologe an der Universität Zürich. Wer sich zum Beispiel über Jahrzehnte nur auf den Partner konzentriert und keine Freundschaften pflegt, laufe Gefahr, irgendwann einsam zu sein. Aber auch Menschen, die nur für den Job leben, riskieren, als Rentner einsam zu sein. «Berufliche Kontakte verwischen schnell», sagt Prof. Höpflinger.

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied

Vielfach entsteht Einsamkeit, wenn sich unsere Lebenssituation plötzlich verändert. So verlieren wir vielleicht unseren Partner durch Trennung oder Tod, Freundschaften zerbrechen, unsere Kinder ziehen weg, Krankheiten plagen uns, wir werden pflegebedürftig. Wir hadern mit dem Schicksal, sind verzweifelt, haben Angst vor der Zukunft und fühlen uns einsam. Viele der Betroffenen finden sich einfach damit ab und leben isoliert, ungeliebt und für niemanden wichtig, einige suchen regelmässig die Hilfe bestimmter Einrichtungen wie «Dargebotene Hand», «Spitex» oder «Pro Senectute».

Für Experten ist das Alleinsein und die Einsamkeit ein zeit- und kulturspezifisches Phänomen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Generationen noch unter einem Dach wohnten. Wir leben in einer Gesellschaft, die auf Leistung getrimmt ist, in der der Individualismus die Grundeinstellung bestimmt, wonach jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Viele flüchten heute in die digitale Welt, in die sozialen Netzwerke. Oft betrügen sie sich dabei selbst, weil die virtuellen Kontakte keine echten sind.

Soziale Netze sind wichtig

Die Wichtigkeit von sozialen Netzen für ein gesundes Altern ist schon lange anerkannt. So wie jeder unter Einsamkeit leiden mag, kann auch jeder etwas dagegen unternehmen. An Tipps und Anregungen gegen die Einsamkeit im Alter fehlt es nicht. Das Internet ist voll davon. An erster Stelle steht die Aufforderung, Kontakte zu pflegen. «Warten Sie nicht darauf, dass sich Ihre Kinder melden, sondern rufen Sie selbst an», rät Prof. Höpflinger. Als Rentner sei es wichtig, aktiv zu bleiben und unter Menschen zu kommen. Wer nicht viel reden möchte, fühlt sich möglicherweise bei einer Schachgruppe wohl, wer regelmässige Treffen scheut, in einer Wandergruppe, die ab und zu Ausflüge unternimmt.

Bei allem Vorbehalt, auch das Internet kann zu mehr Sozialkontakten führen. Virtuelle Kontakte können durchaus reale Kontakte Gleichgesinnter fördern. Im Gegensatz zu den bekannten sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, wo die Selbstdarstellung im Vordergrund steht, gibt es Webplattformen, die Personen mit gleichen Interessen zusammenführen wollen. Eine davon ist die Plattform «Sozialkontakt», die vom gemeinnützigen Verein ProCommunis mit dem Zweck, die zwischenmenschlichen Kontakte zu fördern, gegründet wurde.

Gemeinsames Erleben dank Internet

«Sozialkontakt» wird heute von vielen Organisationen und Institutionen unterstützt und weiterempfohlen. Die Plattform versteht sich nicht als Partnervermittlungsstelle, im Fokus stehen Personen, die gleiche Hobbies und Interessen pflegen und sich treffen wollen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Sei es ein gemeinsamer Wanderausflug, Kinobesuch oder Mittagstisch. Kommerzielle Angebote sind ausgeschlossen. Auch Personen mit wenig Interneterfahrung finden sich auf dieser Plattform schnell zurecht, veröffentlicht werden bloss der Vorname und der Wohnort. Dank einem simplen Suchverfahren erfährt man schnell, wer in der Nähe dieselben Hobbies und Interessen hat. «Sozialkontakt» ist eine gute Möglichkeit zum gemeinsamen Erleben und verdient es, einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Wie sieht es für jene aus, die unter Menschen sind und sich trotzdem einsam fühlen? «Dann versuchen Sie, damit umzugehen», rät die Soziologin Caroline Bohn, die ihre Doktorarbeit über Einsamkeit geschrieben hat und in Bochum ein Coaching-Institut betreibt. «Akzeptieren Sie, dass die Einsamkeit im Moment zu Ihrem Leben dazugehört und sorgen Sie gut für sich».

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Rund 1,2 Millionen Menschen in der Schweiz sind über 75 Jahre alt. Davon fühlt sich jeder Dritte laut einer Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik häufig oder manchmal einsam. Unter dem Titel "Einsamkeit" veröffentlicht die Seniorweb-Redaktion bis Mitte August eine Serie zur Einsamkeit im Alter mit hilfreichen Hinweisen und Tipps, wie Sie Ihr Beziehungsnetz ausweiten, sich mehr engagieren und wo Sie Hilfe holen können.

Links zu bereits erschienenen Beiträgen:

- Einsam und allein . . . (Fritz Vollenweider)

- Einsamkeit gehört zum Alter (Judith Stamm)

- Macht Facebook einsam? (Josef Ritler)

- Raus aus der Isolation (Bernadette Reichlin)

- Fundstücke zum Thema (Eva Caflisch)

- Nachbarschaftshilfe fürs Wohlbefinden (Susanna Fassbind)

- Rückzug in die Einsamkeit (Maja Petzold)

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