FrontGesellschaftDas verschwundene Postkartenmotiv

Das verschwundene Postkartenmotiv

Die Reise auf dem Yangtze ist weniger pittoresk, als spannend, seit der 3-Schluchten-Staudamm gebaut ist. Gedanken zu Energie, Umwelt, Menschen. Serie in 9 Teilen (Schluss)

Was mich von der Reise durch China im Nachhinein am meisten beschäftigt, ist die Bootsfahrt auf dem Yangtze-Fluss (Yangtzekiang). Nicht etwa wegen der landschaftlich enttäuschenden Fahrt durch die Schluchten, denn ich finde, trotz der sehr viel kleineren Dimensionen, die Via Mala im Bündnerland oder die Aare-Schlucht bei Meiringen eindrücklicher.

Die weltgrösste Schleusenanlage beim Drei-Schluchten-Damm 

Vielmehr hatte ich das entscheidende Schlüsselerlebnis, als ein Mitreisender den Reiseleiter auf dem Schiff fragte, wann wir denn zu den berühmten und von vielen Fotos her bekannten Felsen kämen, die senkrecht aus dem Fluss ragen. Ohne die geringste Regung kam die Antwort: „Die befinden sich jetzt unter dem Wasserspiegel“.

Tatsächlich hat das gewaltige Drei-Schluchten-Staudamm-Projekt dieses Naturwunder einfach verschlungen. Und durch den Anstieg des Wasserspiegels um 175 Meter sind die Schluchten sehr viel weniger eindrucksvoll als früher, obwohl sie den Touristen nach wie vor als Attraktion verkauft werden. Klar, eine ganze Tourismusregion lebt davon, dass eine Yangtze-Schifffahrt zum obligaten Besichtigungsprogramm eines ausgedehnteren China-Besuches gehört.

Tief unten in der Schleuse ist Platz für einige Schiffe

Aber nicht in erster Linie wegen der als Folge des Staudammbaus versinkenden Naturwunder formierten sich in China selbst und in Europa massive Proteste gegen das megalomanische Bauvorhaben, sondern wegen der ökologischen und sozialen Folgen des Monsterprojekts. Wie beim anderen ähnlich grossen Staudamm im ägyptischen Assuan, hatte auch der Drei-Schluchten-Staudamm ursprünglich den sowjetischen Machbarkeitswahn zum Vater. Weder die weltweite Kritik noch der Widerstand im eigenen Land konnten den Wahnsinn verhindern.

Das Ziel des Dammes ist erstens die Regulierung der periodisch auftretenden Hochwasser, zweitens die Stromerzeugung und drittens eine Verbesserung der Schifffahrt. Der nun entstandene Stausee erstreckt sich über eine Länge von 670 Kilometer und die neben dem Staudamm entstandenen Schiffsschleusen sind die grössten der Welt.

Alles ist machbar

Die ökologische und soziale Bilanz des Projekts ist katastrophal. Die grossen Sedimentmengen (fast 1,4 Millionen Tonnen pro Tag) die der total 5’800 Kilometer lange Yangtze mit sich führt, können nicht mehr ins Meer gelangen und bleiben im Stausee liegen. Nun sollen zwei weitere Dämme gebaut werden, von denen noch mehr schwere Eingriffe ins Ökosystem befürchtet werden. Zudem ist der Fluss als Trinkwasserquelle unbrauchbar geworden, weil die von Fabriken eingeleiteten giftigen Abwässer nicht mehr ins Meer abfliessen. Zudem sind an vielen Stellen bereits grosse Schlamm- und Geröllmengen von den steilen Uferböschungen abgebrochen und in den Stausee gerutscht.

Kohle auf Lastschiffen in Shanghai

Eine durch einen grossen Erdrutsch ausgelöste Flutwelle hätte grauenhafte Konsequenzen: Ein Dammbruch hätte zur Folge, dass mehrere Millionenstädte von einer riesigen Welle überrollt und ganz Shanghai ins Meer hinaus gespült würde. Es wäre die grösste Katastrophe in der Geschichte der Menschheit. Das Risiko eines Dammbruchs ist durchaus nicht die Fantasie eines kranken Hirns: „Es ist schon heute bekannt, dass beim Bau des Dammes durch die in China alles beherrschende Korruption minderwertige Baumaterialien verwendet wurden; ausserdem ist die Region anfällig für Erdbeben. Bereits wurden Risse im Damm entdeckt, “ heisst es im Reiseführer Apa Guide China. Ein Bruch des Yangtze-Staudamms wäre nicht der erste grosse Dammbruch in China, dessen Folgen katastrophal sind: Am 8. August 1975 kamen beim Bruch von mehreren Staudämmen 231’000 Menschen um.

Sind die unvorstellbaren Folgen einer Dammbruch-Katastrophe nur hypothetisch, so sind die sozialen, ökonomischen und soziokulturellen Folgen des Drei-Schluchten-Stausees real und irreversibel: Elf Grosstädte, über tausend Dörfer, viertausend Spitäler und Krankenstationen, 1’300 historische Tempel und archäologisch wertvolle Stätten, Tausende von Schulen und Hunderttausende von Wohnhäusern versanken unwiederbringlich in den Fluten, Flora und Fauna wurden zerstört. Daneben gingen riesige Flächen fruchtbaren Ackerlands verloren. Zwei Millionen Menschen wurden umgesiedelt, von ihrem Land weggewiesen, entwurzelt. In bereits geplanten Folgeprojekten sollen weitere ein bis vier Millionen Menschen von ihrem Land und aus ihren Häusern vertrieben werden.

 

Lastenträger warten vor den Markthallen in Chonqing auf Arbeit

Im besten Fall leben die umgesiedelten Bauernfamilien in den Hochhäusern der Städte, die an den Hängen des Stausees in Rekordzeit aus dem Boden gestampft worden sind. Viele aus ihren Wohnhäusern vertriebene Menschen strömten in die Industriestadt Chongqing, wo sie Arbeit zu erhalten hofften. Wer hat in der Schweiz schon von dieser Stadt gehört? Dabei ist sie mittlerweile zur grössten Stadt der Welt angewachsen und hat mit ihren Satellitenstädten rund zwei Millionen Einwohner mehr als die Schweiz, Österreich, Finnland und Norwegen zusammen genommen – nämlich aktuell 37 Millionen.

Bauern wie früher

Links und rechts des Drei-Schluchten-Stausees entdeckt man bei der Durchfahrt winzige Parzellen am steilen Ufer, auf denen etwas angebaut wird. Das ist aber kein Vergleich mit den Anbauflächen auf dem ehemaligen Talboden, die auf immer verloren sind.

Städtische Strasse: Auch diese Menschen brauchen Trinkwasser, Nahrung und Energie

Die Topografie verhindert eine rentable Ansiedlung von Fabriken, weil die Transportwege im stark bergigen Umland des Yangtze gegenüber den Küstengebieten keine konkurrenzfähige Güterproduktion ermöglichen. Schliesslich muss auch noch erwähnt werden, dass aus den versunkenen Städten, Dörfern und Friedhöfen Millionen von Tonnen Unrat und Abfall an die Oberfläche gelangen, die den langen See zu einer Kloake verkommen lassen.

Energie aber wie

Angesichts der beängstigenden ökologischen und sozialen Bilanz des Drei-Schluchten-Damms sage ich hier ohne Hemmung, dass die 2011 durch einen Tsunami ausgelöste Katastrophe in Fukushima dagegen ein Klacks ist! Aber wer kennt hierzulande schon die unabsehbaren Folgen des gigantischen Stausystems am Yagntze um sich der verzerrten Dimensionen in der Öffentlichen Meinung im Zusammenhang mit der Atomausstiegsdiskussion bewusst zu werden? Und wer weiss schon, dass in den chinesischen Kohlebergwerken, die das Material für die Hunderten von Kohlekraftwerken in China und anderen Ländern liefern, jährlich rund 20’000 Bergleute durch Unfälle oder schwere gesundheitliche Schäden ums Leben kommen?

 

Tempel in Fengdu: ein Ort zum Nachdenken

Ich wage daher die Frage zu stellen, ob die Stromproduktion in einem oder mehreren Atomkraftwerken statt mit Wasserkraft im Drei-Schluchten-Werk oder in Kohlekraftwerken nicht die ökologisch und sozial verträglichere und humanere Lösung gewesen wäre. Auf ein paar Atomkraftwerke mehr oder weniger käme es in China nämlich nicht an: 2011 waren im Reich der Mitte 26 Atomkraftwerke im Bau, elf weitere sind zur Zeit geplant.

Und wir? Wir haben im Kampf gegen die weltweite Klimaerwärmung bei uns die Glühbirne verboten!

Fazit

Ich frage mich, wie sehr das Reich der Mitte in Zukunft nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung der restlichen Welt, sondern auch ihre politische und rechtliche Verfassung mitbestimmen wird. Schon heute sind die ökonomischen Verflechtungen anderer Länder mit China und deren Abhängigkeit von der chinesischen Industrie unumkehrbar – mit Konsequenzen auch für die Schweiz.

 

Beim Üben eines traditionellen Tanzes
Ein halbes Jahrhundert Sozialismus hat die Chinesen offensichtlich nicht solidarischer gemacht. Im Gegenteil scheinen sie nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten der Entbehrungen und Unterdrückung konditioniert worden zu sein, in erster Linie auf den eigenen Vorteil zu achten und soziale Mitverantwortung dem unbeirrten Streben nach materiellen Gütern unterzuordnen: „Du kannst das System ändern, nicht aber die Menschen.“

Die im Laufe dieser Reise gewonnen Eindrücke waren vielfältig, manchmal fast erschlagend, oft widersprüchlich. Vieles war faszinierend, exotisch und brachte uns zum Staunen. Trotz aller Hektik gab es auch Momente der Kontemplation. Insgesamt bin ich froh, diesen kurzen Einblick ins geschichtlich bedeutungsvolle Reich der Mitte und die zukünftige Weltmacht Nummer 1 bekommen zu haben.Auch für Menschen aus China gibt es beim Reisen unvergessliche Eindrücke: Eine Reisegruppe vom Land vor der verbotenen Stadt in Peking

Fotos © Arnold Fröhlich

Wer die gesamte Serie lesen will, findet hier den Link zur ersten Folge vom 31. Juli 2013 , wo dann wiederum ein Link auf die nächste, zweite Folge führt undsoweiter.

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