FrontKolumnenWas wir brauchen: Querköpfe

Was wir brauchen: Querköpfe

Was sie bewirkten, wird am nächsten Wochenende eröffnet: die Durchmesserlinie in Zürich

Eigentlich können sie es gar nicht richtig erfassen, eigentlich hätten sie es ein wenig kleiner, ein wenig weniger glorios, nicht ganz so genial gewollt: die DML, die Durchmesserlinie von Oerlikon unterirdisch in den Hauptbahnhof in Zürich. Ein HB, der nun das wird, was der öffentliche Verkehr dringend braucht: der definitive Abschied vom reinen Kopfbahnhof, hin zu einem Bahnhof, der unterirdisch zusätzlich zu einer direkten Durchfahrt von Ost nach West und umgekehrt kommt.

Paul Stopper und Gabi Petri, ein alter ehemaliger Landesring-Politiker und die streitbare Grüne und VCS-Aktivistin, können auch jetzt noch nicht richtig fassen, was sie angerichtet hatten. Sie sind,­ ob man will oder nicht,­ der Urvater und die Urmutter des genialen Projekts, das am nächsten Wochenende eröffnet wird, schneller als man es erwartet hatte, schneller als alle Grossprojekte, die im öffentlichen Verkehr in der Schweiz an die Hand genommen worden sind.

Die Stuttgarter werden vor Neid erblassen, wenn sie wahrnehmen, was auch in der baden-württembergischen Hauptstadt möglich gewesen wäre. Ähnliche Menschen, Grüne, Visionäre, versuchten zu stoppen, was in Stuttgart nicht zu stoppen war, trotz monatelanger, gar jahrelanger Proteste: der Abbruch des Bahnhofs, um Neues ganz unterirdisch zu schaffen.

Anders in Zürich. Paul Stopper soll in einem Restaurant auf einer Serviette den grossen Wurf mit ein paar Strichen gezeichnet haben. Heute bestreitet er das; er will die Idee weit professioneller entworfen haben, als Mitarbeiter im Stadtplanungsbüro der Stadt Zürich. Und Gabi Pertri hat einfach nicht losgelassen, sie hat politisch alles unternommen, um der Idee den Durchbruch zu verschaffen.

Ich habe beide hautnah erlebt. Paul Stopper, heute 67 Jahre alt, hat mich als Parteimitglied, als Kader im Landesring oft genervt. Er war strikt gegen den EWR, gegen den Ausbau des Flughafens Kloten. Gegen all das, was mir als Präsident des LdU wichtig war. Er war oft stur, unbelehrbar, ein richtiger Querkopf. Er sass in vielen politischen Gremien, stiess an, wurde abgewählt und wieder gewählt, kürzlich wieder in den Gemeinderat von Uster. Gabi Petri (53) sass rechts von mir in der gleichen Reihe im Zürcher Kantonsrat. Sie war die Einzige im 180-köpfigen Rat, die stur und unbeeindruckt Mundart sprach, ihre Voten waren wohl gerade deshalb immer glasklar, unmissverständlich. Auch sie stiess viele vor den Kopf. Sie blieb sich treu: ein Querkopf, selbst in der eigenen Partei, in der eigenen Fraktion der Grünen Partei.

Und jetzt das. Sie können sich freuen, sie können mitfeiern, zu Recht. Sie haben es verdient. Ich bin nicht sicher, ob sie dies tun werden. Ich bin nicht sicher, ob sie bei den gross angelegten Festivitäten, die am nächsten Wochenende in Zürich steigen werden, gebührend gefeiert werden, ihnen der Dank ausgesprochen wird, der ihnen gebührt. Es könnte sein, dass ihnen der neue Bahnhof unter dem alten HB Zürich zu schön ist, zu weiss, zu antiseptisch, zu rein, dass die moderne Ladenlandschaft nicht zu ihnen passt, zu viel Kommerz, zu elegant, zu ausgerichtet auf eine Kundschaft, die nicht aus ihren Kreisen stammt. Es könnte sein, dass sich d i e und andere feiern lassen, die vollzogen, was die beiden angestossen hatten. Dem allen zum Trotz: Das Werk ist genial, gar nicht puritanisch zürcherisch, sondern ein Wurf, der in die Zukunft weist. Paul Stopper und Gabi Petri sei Dank. Was das Land braucht: Querköpfe. Wo sind die nächsten?

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