FrontGesellschaftDer Camino de Santiago beginnt im Kopf

Der Camino de Santiago beginnt im Kopf

Persönliche Gedanken zum Jakobsweg

Von Pierre Nobs (Teil 2)

Der Jakobsweg? Davon gehört hatte ich zufällig und war eher amüsiert: Na ja, halt etwas für Esoteriker, Sandalenträger, religiöse Eiferer; überhaupt, ich bin weder Kirchgänger noch katholisch.

Dann verspüre ich eines Tages ein undefiniertes Bedürfnis nach einer Auszeit, den Wunsch, einmal mich selbst zu sein; ich möchte den Zwängen des Alltagslebens entgehen, weg vom Ganzen und Distanz gewinnen, den Kopf aufräumen: einfach mal ohne Plan losgehen, sich physisch und psychisch fordern.

Alle haben das gleiche Ziel. Einmal geht es in einer Gruppe weiter, ein andermal ganz allein

Ein neugieriger Blick auf die Karte Spaniens, wo ist dieses Santiago denn überhaupt? Die Stichwörter CaminoJakobsweg in die Suchmaschine eingeben und ob der schieren Distanz erschrecken. Die Posts im Forum auf www.caminodesantiago.me mit einer Mischung von Belustigung, Faszination und wachsendem Interesse lesen. Eine virtuelle Packliste andenken, mich nach dem Wetter, der besten Saison, der Zeitdauer, der Logistik erkundigen, nur mal so.

Dann eines Tages sitze ich im Flugzeug und kann es kaum glauben, tatsächlich im Begriff zu sein, den Camino zu gehen. Die Adresse der ersten Pilgerunterkunft, spanisch Albergue habe ich mir zu Hause notiert, die Schlafstätten erinnern an die Rekrutenschule oder an die Übernachtungen in der Berghütte, und doch ist hier alles irgendwie anders.

Baudenkmäler säumen den Pilgerweg

Noch fühle ich mich nicht als Teil dieses Umfelds, das letzte Nachtessen vor dem ganz anderen Abenteuer – oder ist es das erste auf dem Weg, den hier alle aus der halben Welt angereisten Camino nennen –, nehme ich alleine zu mir, bevor ich mich ungewohnt früh zur Ruhe lege, um 22 Uhr ist Lichter löschen.

Die Nacht verläuft unruhig und ich bin froh, wenn sich der Schlafsaal kurz vor sechs Uhr zu regen beginnt. Den Kaffee schlürfe ich hastig und zu heiss herunter, bevor ich den noch ungewohnten Rucksack umschnalle und mich auf den Weg mache. Bald entdecke ich den ersten gelben Richtungspfeil, dann den zweiten, die Schritte werden zuversicht-lich: der Camino hat begonnen.

Alles wird zum Ritual. Auch die tägliche Wäsche

 Mich als Pilger zu bezeichnen, würde ich weit von mir weisen, das klingt so religiös, so verstaubt, aber mit dem spanischen Peregrino kann ich mich alsbald anfreunden.Ich bin einer von vielen und solidarisiere mich rasch mit den anderen Rucksack-Trägern. Alle haben denselben Weg und doch geht ein jeder seinen eigenen, persönlichen Camino.

Frühmorgens los gehen, ohne zu wissen, was der Tag bringt. Eine fremde Landschaft, Geräusche und Gerüche auf sich einwirken lassen; stundenlang allein wandern und seinen Gedanken nachhängen, um dann unvermittelt mit einem wildfremden, aber seltsam vertrauten Menschen tiefsinnige Gespräche führen. An kleinen Dörfern und deren Bewohnern vorbeiziehen, sich über eine kleine Geste, ein buon Camino, ein aufmunterndes Lächeln freuen. Das Wetter – brennende Sonne und grosse Hitze oder auch Dauerregen und aufgeweichte Pfade – lernt man genauso gelassen hinzunehmen wie das Leiden wie schmerzende Füsse, Kopfweh, Magenverstimmung. So gut es geht, weiter wandern, weiter einen Schritt vor den anderen setzen.

Credential nennt sich der Reisepass der Jakobs-Pilgerschaft

Müde zum selbstgesteckten Ziel gelangen, sich schnell mit den Lokalitäten vertraut machen: zuhause ist da, wo mein Rucksack und mein Bettlager ist. Alltägliches wie Duschen und Wäsche waschen wird zum Ritual. Alles Materielle ist auf den Rucksack und dessen Inhalt reduziert, und man fühlt sich plötzlich so frei und ungebunden. Der Camino ist eine grandiose (Selbst-)Erfahrung, alles wird einfach und unkompliziert,  archaisch, man ist bei sich selberangekommen.

Der Botafumeiro, die Zeremonie in der Kathedrale – Höhepunkt für viele Pilger 

Der Weg ist das Ziel, aber das Ziel, die Kathedrale von Santiago zu erreichen ist wunderbar: Achthundert Kilometer, dreissig Tage, mein Kopf ist leer, alle Schmerzen sind weg, es ist unbeschreiblich. Ob ich den Camino aus Religiosität gegangen sei, werde ich auf dem Pilgerbüro gefragt. Nein. Die überreichte Compostela ist mir nicht mehr wichtig, ich muss nichts beweisen. Der Camino hat mich gerufen und ich bin ihn gegangen. Warum weiss ich nicht, er ist nun Teil meines Lebens.

Fotos und Video © Pierre Nobs, 2014

Der Link zum Jakobsweg Teil 1 mit einer Dokumentation zur Ausrüstung und einem Glossar ist hier zu finden.

Im Anhang das ganzeTagebuch von der Pilgerreise, geschrieben und fotografiert mit dem Smartphone, später zum e-Book verarbeitet.Mein Camino_fin.pdf

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