Kolumnen

Die Hausierer am Telefon

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden.

Wenn früher – sehr viel früher – an der Haustüre geläutet wurde, stand häufig unerwarteter und oft auch unerwünschter Besuch vor eben derselben: ein Hausierer. Und wenn der «fliegende Händler» sein Handwerk einigermassen verstand, hatte er den Koffer (gelegentlich waren es auch noch Holzkisten) bereits geöffnet und einen Fuss in den Türspalt gesetzt, bevor er in einem Redeschwall seine Ware anpries.

Für die Kinder war die präsentierte Auslage der Blick in eine Wunderwelt, derweil die Mütter eher hilflos darauf schauten. Denn sie brauchten eigentlich weder Schuhbändel noch Seife, weder Putzlappen noch eine Krawatte für den Ehemann, keine Schnüre und schon gar keine Bodenwichse. Und der Mann redete und redete! Um ihn loszuwerden oder auch aus Mitleid mit ihm («Zuhause warten eine kranke Frau und 12 Kinder auf mich!») oder auch, weil die Möbelpolitur wirklich gerade ausgegangen war, wurde schliesslich ab und zu eine Kleinigkeit gepostet. Oder aber man blieb hart, schüttelte den Kopf und blickte dafür in ganz, ganz traurige Augen. Und so war es auch bei den Visiten des Zigermannlis, das auf einem Räf seine Spezialitäten aus dem Glarnerland mittrug und das man schon riechen konnte, noch ehe die Haustüre geöffnet war…

Unterdessen haben die Hausierer weitgehend den Rückzug angetreten. Die ziemlich letzten waren vor einigen Jahrzehnten noch jene, die ihren Mercedes frühmorgens am Ortsrand parkierten, mit ihren Habseligkeiten jammernd von Tür zu Tür zogen und abends mit ihrem dicken Auto wieder heimwärts fuhren, unterwegs in einer guten Beiz ausführlich essend.

Nicht, dass es heute die Hausierer nicht mehr gäbe! Aber unterdessen klingelt nicht mehr die Hausglocke, sondern das Telefon – mit Vorliebe nach Feierabend, wenn man gemütlich beim Nachtessen sitzt. Und der Redeschwall ist noch derselbe wie einst, und die «Ware» mindestens ebenso überflüssig. «Was, sie zahlen immer noch 300 Franken für ihre Krankenkasse – höchste Zeit, zu uns zu wechseln! – Wieso wollen sie nicht billiger telefonieren? Bei Hellblau ist das möglich! – Wenn sie nicht eine Entkalkungsanlage in ihr Häuschen einbauen lassen, wird bald kein Wasser mehr aus dem Hahn tropfen! – Auch ihr Kanarienvogel könnte einmal ausreissen. Gut, wenn er mit unserem Suchchip versehen ist! – Ein ganz interessantes Angebot für unseren sizilianischen Wein. Ja, sie müssten schon 100 Flaschen ordern! – Hallöchen, hier spricht die Gundula Nigelnagelneubauer von der Süddeutschen Sowieso-Lotterie. Wie, sie wollen kein Geld gewinnen?» Als meine Frau einer solchen Tante letzthin freundlich erklärte, doch, doch – sie solle das Geld einfach überweisen, war der Anruf schnell beendet.

Überhaupt: Es gibt schon Möglichkeiten, die Telefonterroristen los zu werden, ohne eine Stunde oder mehr zuhören zu müssen. Wenn selbst die psychologisch geschulteste und geschliffenste «Schnurre» erstmals Luft holt, schreite ich zum Gegenangriff – zumindest tat ich das, als ich noch zu den Werktätigen gehörte: «Wenn ich sie schon am Telefon habe, ich arbeite bei einer Zeitung – möchten Sie diese nicht abonnieren?» Glauben Sie mir, liebe Leser, die Irritation am andern Ende der Leitung ist so gross, dass man den unbekannten Telefon-Hausierer schnell los geworden ist. Und das funktioniert in fast jeder Branche: Der Bäcker soll seine Bäckerei empfehlen, der Mechaniker die Garage, in der er arbeitet, die Verkäuferin ihren Konsumtempel. Der Lehrer bietet Nachhilfeunterricht an, die Verkaufsassistentin die Dienste ihrer Firma und so weiter und so fort. Ich garantiere Ihnen: Es funktioniert!

Wenn ich es mir recht überlege, waren die Hausierer von einst eigentlich schon viel sympathischer, und das Nein-Sagen fiel um einiges schwerer. Auch wenn sie sich gelegentlich kaum verabschiedeten. Doch das kommt bei ihren modernen Nachfolgern auch vor.

PS: Es gibt natürlich eine noch viel effizientere, wenn vielleicht halt etwas unanständige Methode: Subito und stillschweigend Hörer oder Telefon auflegen…