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Publizistische Irrgärten

Manchmal ist Zeitunglesen Schwerarbeit. Dann, wenn Sätze mehrmals gelesen werden müssen, um verstanden zu werden. Eigentlich ein Affront gegenüber den Lesenden.

Es wird ein versuchsweiser monatlicher Mittagstisch eingeführt. Ganz klar, das ist ein Mittagstisch, bei dem noch gepröbelt und getestet wird. Beim Essen, beim Sitzen, beim Team. Oder vielleicht doch nicht? Ist es nicht eher so, dass versuchsweise einmal im Monat zum Essen geladen wird?

Dann kommt ein Gast, und der bezahlt die Rechnung nie – so wie alle anderen Rechnungen.Und der Leser stutzt schon wieder: Bezahlt er nun nur diese eine Rechnung nicht oder alle anderen auch nicht? Erst weiterlesen hilft: Aha, er bezahlt die eine nie – und die anderen auch nicht.

Wörter sparen

Frage an einen zurücktretenden Politiker: Weshalb treten Sie zurück? Antwort: Der Entscheid, massiv zu sparen. Dabei könnte der gute Mann so gut sparen, das sieht man doch an seiner Antwort. Denn nur mit «Es ist der Entscheid … » würde der Satz schlüssig werden. Was eingespart wird? Die Stadtverschönerung durch Blumen. Da hingegen wurde nicht gespart, wenigstens nicht an Buchstaben. Der Blumenschmuck in der Stadt, wäre kürzer und klarer gewesen. Und wer hat denn schon von einer Stadtverschandelung durch Blumen gehört?

Bitte ein Bild

Zur Abwechslung wieder mal ein Fotosujet: Ärzte und Schwestern stürzen sich in die OP-Kittel. Hoffentlich hat sich dabei niemand verletzt. Sonst müssten sich ja weiteres Personal in ihre Kittel oder in ihre Handschuhe stürzen. Ebenfalls dringend nach einem Bild ruft die nächste Meldung: Die Ursache für ein Feuer in einer Liegenschaft war ein defektes Gerät im Vordergrund. Ist doch mal eine präzise Ortsangabe. Blöd nur, wenn der Vordergrund beim Leser aus lauter Buchstaben besteht.

Das Tempo in Griffweite

Ein schönes Bild gäbe auch dieser Titel ab: Tempo 30 in Griffweite. Da müsste, überlegt man sich das genauer, doch immer noch recht schnell zugegriffen werden. Nur – worauf denn eigentlich? Aufs Tempo, die Verkehrstafel oder den Autofahrer?

Zum Schluss noch eine Lektion neues Deutsch: Fremdschämen, das kennen wir schon, Fremdküssen eher weniger. Das heisst, eigentlich kennt man Fremdküssen schon sehr lange, so in der Praxis. Nur geschrieben und beschrieben wurde es noch nie. Bald darf man nun auch fremdknutschen und fremdschmusen. Bisher mussten sich alle mit rum… begnügen. Und was heisst da eigentlich «fremd». Darf man Kolleginnen oder gute Freunde ohne Weiteres küssen, auch innig? Sind ja nicht fremd. Und wer küsst schon ganz Fremde?

Ebenfalls ganz druckfrisch ist der Entscheid, der zeitkritisch gefällt werden muss. Also nicht dringend, oder unverzüglich, oder mit sofortiger Wirkung oder sofort. Nein zeitkritisch. Und ich muss diesen Text nun ebenfalls zeitkritisch beenden, weil ich zeitkritisch Schlaf brauche. Gute Nacht.

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