FrontGesundheitGehirn im Bauch

Gehirn im Bauch

Das Verdauungssystem ist weit mehr als ein Transportschlauch, der die Nahrung vom Mund zum unteren Ende des Leibes befördert. Oft wird der Darm als zweites Gehirn bezeichnet.

Lange war es das Herz, das als Quelle der Gesundheit apostrophiert wurde, heute ist es der Darm. Ist der Darm gesund, bleibt man schlank, wird weder depressiv noch bekommt man Asthma, Allergien noch andere sogenannte Zivilisationskrankheiten. «Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit» heisst der Titel eines Medizinalwerks von Anne Katharina Zschocke, das neuste Forschungen auch für medizinische Laien verständlich zusammenfasst.

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt: «Darmbakterien als Schlüssel zu Gesundheit» von Katharina Zschocke.

Der Titel tönt auf den ersten Blick vielleicht verwirrend. Bakterien, das sind doch die fiesen kleinen Dinger, die uns krank machen, die Augenentzündung, Magenverstimmung, Bronchitis und Blutvergiftung hervorrufen können. Die dank einer der bedeutendsten Erfindungen der Medizingeschichte, den Antibiotika, unschädlich gemacht oder zumindest in Schach gehalten werden können.

Mikrokosmos im Bauch

Anne Katharina Zschocke, Ärztin und Wissenschafterin mit naturheilkundlicher Weiterbildung, befasst sich seit Jahren mit den Wechselwirkungen von Gesundheit und Mikroorganismen. Die in den letzten Jahren veröffentlichten Studien, in denen wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass Darmbakterien im Körper eine eminent wichtige Rolle spielen, war für sie der Ausgangspunkt für das vorliegende Buch. Und wer es liest, wird den Begriff Bakterien in völlig neuem Licht sehen.

Denn so, wie in jedem Körper ein Herz schlägt, Lungen, Leber, Nieren ihre Arbeit verrichten, so besitzt auch jeder Organismus ein Gemeinschaftsorgan, das alle Einzeller im Körper  – und die gehen in die Billionen – umfasst. Mikrobiom nennt Zschocke das, was früher mit Bakterienflora ihrer Meinung nach sehr ungenügend beschrieben wurde. Wobei dieses Mikrobiom viel mehr ist als die Summe aller Bakterien im Körper, es ist ein Organismus, der nach innen und aussen korrespondiert, sich dauernd verändert, auf jeden Einfluss reagiert, Schutzbarrieren baut, Nahrung in Leben verwandelt – und nachhaltig geschädigt werden kann.

Keine Patetnrezepte

Durch Antibiotika, zum Beispiel, die die Zerstörung ja bereits im Namen tragen: Anti = gegen, bio = Leben. Wer also auf ein Antibiotikum angewiesen ist – ohne Zweifel eine wirksame Waffe gegen potenziell lebensbedrohende Krankheiten – sollte unbedingt darauf achten, seine Darmbakterien zu schützen und nach der Behandlung wieder aufzubauen. Was gar nicht so einfach ist und, laut der Autorin, Jahre dauern kann.

Was sicher damit zusammenhängt, dass jedes Darm-Mikrobiom sich von Mensch zu Mensch unterscheidet. Anne Katharina Zschocke beschreibt detailliert, wie sich das Leben im Darm vermehrt, organisiert und verändert, wie die Darmschleimhaut als Schutzschicht aufgebaut ist, deren Wirkunsweise und mögliche Schädigungen, die dazu führen können, dass Umweltgifte ungefiltert in den Organismus gelangen können.

Bewusster essen

Wer das Buch gelesen hat, wird unwillkürlich beim Essen länger kauen – «Der Magen hat keine Zähne» – und sich ab und zu fragen, ob dieser Burger oder ein anderes Fertigprodukt nun unbedingt sein muss. Denn die Hilfs-, Farb-und Zusatzstoffe, die Geschmacksverstärker und Stabilisatoren machen dem Verdauungssystem zu schaffen.

Was bei Krankheiten als Schädigung des Immunssystems diagnostiziert wird, ist viel mehr. Denn auch bei psychischen Erkrankungen wie Depression oder Autismus und Leiden wie Parkinson, Epilepsie oder ADHS bei Kindern lassen sich Veränderungen im Mikrobiom nachweisen, beziehungsweise sollten mit entsprechender Nahrung, die den Aufbau eines intakten Darmbakteriensystems unterstützt, behandelt werden.

Der Darm ist in

Der Darm steht seit einiger Zeit im Fokus des Interesses. Das Buch der jungen Wissenschaftlerin Giulia Enders «Darm mit Charme» rückte das lange extrem vernachlässigte Organ ins Bewusstsein und heute ist der Darm und seine wichtige Funktion im Körper im Lifestyle angekommen. «Schlank mit den richtigen Bakterien» ist nur eine der Schlagzeilen, die letzlich auf die alte Volksweisheit hinausläuft, dass der Mensch ist, was er isst. Und wenn die Grossmutter mahnte, am Tisch nicht zu schlingen, sondern jeden Bissen 30 Mal – 30 Mal! – zu kauen, dann war sie voll auf der Höhe der Zeit. Der heutigen.

Wer sich durch das Buch von Katharina Zschocke durchgebissen hat – leicht verdaulich ist es nicht, um beim Thema zu bleiben, aber ausgesprochen informativ und interessant – der wird bewusster essen. Wobei so Laienfragen wie die nach dem richtigen «Bakterienfutter» oder nach der Gestaltung des Menüplanes – immer in etwa dasselbe oder viel Abwechslung? – kaum beantwortet werden. Wohl auch, weil unser bakterielles Innenleben so individuell ist. Ein paar Leitsätze lassen sich allerdings extrahieren: Ballaststoffe, pflanzliche und unbehandelte Lebensmittel und probiotische und fermentierte Produkte sind Fertigprodukten, Fleisch, Wurst und Zucker vorzuziehen.

Dr. Katharina Zschocke.

Wobei Zschocke keinesfalls für eine Darmdiät plädiert, sondern auch an den gesunden Menschenverstand appelliert: Was uns gut tut, was wir geniessen, das tut uns auch gut. Denn der Darm ist auch ein hochsensibles Organ – mit mehr Nervenzellen als das Gehirn – der auch auf psychische Einflüsse reagiert, ein Spiegel der eigenen Befindlichkeit ist. Nicht von ungefähr können Sorgen und Bauchweh machen, der Job uns – Entschuldigung – anscheissen, oder das Bauchgefühl etwas anderes raten als die Ratio, der Kopf.Meist das Richtige.

Dr. Katharina Zschocke: Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit. Neuseste Erkenntnisse aus der Mikrobiomforschung. Verlag Knaur, 2014.

 

 

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