FrontKulturWas ihr wollt oder Die zwölfte Nacht

Was ihr wollt oder Die zwölfte Nacht

Ehemals von Shakespeare – heute Theater mit grossem Klamauk und vielfältigen Möglichkeiten für hervorragend agierende Darsteller von Konzert Theater Bern.

„Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist…“, so die ersten Worte des Stücks. Orsino (Nico Delpy) spricht sie in einen lauten Song aus dem Repertoire der modernen Popmusik-Szene und rennt dabei kreuz und quer in unruhegepeinigter Hast durch den Spielraum. Dessen schräger Boden bietet noch die vielfachsten Möglichkeiten für das Ensemble, zu schleifen, zu fallen zu poltern und zu schlittern.

Wenn es im ersten Satz oben heisst, „ehemals von Shakespeare“, so kommt es wohl darauf an, welchen Shakespeare man vor sich hat. Im schon fortgeschrittenen Seniorenalter bin ich heute nicht mehr sicher, wie kongenial August Wilhelm Schlegel seinerzeit übersetzte und ob er keine im Sinne der Romantik liegenden Veränderungen am Konzept und Text des Werks vornahm.

„Das deutschsprachige Shakespearetheater“, so liest man beim grossen Kenner des Elisabethanischen Zeitalters, Ulrich Suerbaum, („Der Shakespeare-Führer“, Reclam Nr. 17663, erschienen 2006 in 2. Auflage; Zitat Seite 54): „hat nicht nur generell die unabhängigste Position, es hat auch die grössten Möglichkeiten zum Experiment und zur Anpassung an die Gegenwart – wie auch zu einer fast beliebig weiten Entfernung vom Original Shakespeares. (…)“.

Von links: Nico Delpy, Mariananda Schempp

Die englische (Original-?) Fassung, die ich 1983 in Stratford-upon-Avon miterlebte, wich in Text und Handlung nicht erkennbar von der Schlegel-Fassung ab, die ich erstmals vermutlich 1956 in Bern sah (mit dem später hochberühmten, damals noch jungen Harald Szeemann als Malvolio!). Da waren, damals noch, viel Poesie und melancholisch empfundene sublime Erotik und sogar Liebe im Spiel.

Das hat sich verwandelt in der heute gespielten deutschen Fassung von Thomas Brasch. Auch der Schluss ist neu, wirkt recht zäh in die Länge gezogen und nicht so ganz überzeugend. Das Herumfuchteln mit einem Gewehr aus dem 19.-20. Jahrhundert passt zusammen mit allem, was sonst noch an Zeitlosem (um nicht an Anachronistischem zu sagen) geboten wird. Und die Geschichte um Viola – Cesario – Sebastiano ist zu einer feinen Art hermaphroditischer Szenerie geworden. Von der Romantik her, wie sie Richarda Huch beschrieben hat, scheint das allerdings nicht abwegig.

Macht ohnehin nichts. Theater ist Theater und soll es bleiben, mögen auch nicht nur ältere Leute mit nostalgischen Gefühlen und Vorstellungen (wie ich) manche Reminiszenzen und Motive schmerzlich vermissen. Denn was das Ensemble hier geschlossen und übereinstimmend vorstellt, ist des begeisterten Applauses (so am 10. Juni) wert.

Gross gelungen ist die Rüppelszene des zweiten Aktes. Wenn auch manche Auftritte viel klamaukiges Gepolter und wohl recht anstrengende Bodenturnszenen enthalten; wenn auch die Musik manchmal nicht ganz der Seele Nahrung ist, sondern eher den Dialog übertönt und die Ohren peinigt: Dafür serviert sie Birger Frehse zeitgemäss und mit dem modernen Regiekonzept von Johannes Lepper übereinstimmend. Frehse spielt auch den Narr, den einzig Vernünftigen unter den mannigfach Verwirrten.

Vor allem überzeugt Mariananda Schempp sowohl als Olivia als auch in deren Verkleidung Cesario vielseitig, differenziert, ansprechend. Cesario wird allerdings hier gleich in ihren Bruder Sebastian verwandelt, dessen Auftritt in dieser Inszenierung (und Fassung) entfällt – was doch ein wenig zu verwirren mag.

Von links: Stéphane Maeder, Jürg Wisbach, Sebastian Schneider

Ganz eindrücklich verkörpert Stéphane Maeder den Eiferer Malvolio, fern jeder verächtlichen Pose, vielmehr mit gestrecktem Haupt und seiner Würde sehr bewusst. Bis zum Zeitpunkt, wo er nicht im dunklen Käfig schmachtet, sondern weit auseinandergezerrt Kopf und Hände aus dem Bühnenboden streckt…

Sophie Melbinger (Olivia) verleiht der abweisenden Trauernden sowie der aufgeregt flirrenden Verliebten köstliche komödiantische Züge. Nico Delpy als Orsino schlüpft in die Rolle des aufgeregten Wilden, adlige Würde ersetzt er durch nicht nur verliebte Kopflosigkeit und kommt damit gut an. Milva Stark (Zofe Maria) mit dem Rüpelduo Jürg Wisbach (Sir Toby Rülps) und Sebastian Schneider (Sir Andrew (B)Leichenwang) spielen verblüffende theatralische, clowneske und persiflierende Slapstick-Szenen.

Das neue Schauspielensemble mit Schauspieldirektorin Stephanie Gräve hat damit einen markanten Einstand gegeben. Zusammen mit Johannes Lepper (Regie und Bühne) und bisherigen und neuen Schauspielerinnen und Schauspielern haben sie ein Stück auf die Bühne im Vidmar 1 gebracht, das sich zu jungem, zeitgenössischem Experimentiertheater bekennt. Wer dabei seinen vertrauten Shakespeare vermisst: Schon das Schlegel-Tieck-Baudissin Team der Romantik hat den grossen Briten vor allem als Lese- und Studienstoff und nicht eigentlich fürs Theater übersetzt, schreibt dem Sinn nach der Gewährsmann Ulrich Suerbaum. (a.a.O)

Alle Bilder: © Annette Boutellier

Aufführungen noch bis 25. Juni 2015 und in der Spielzeit 2015-16 ab 29. August 2015

KonzertTheaterBern/WAS IHR WOLLT

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel