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Zauberbaum Eibe

Ein Waldspaziergang im Urwald Unterwilerberg bei Baden bringt Erholung im Hitzesommer und ein besinnliches Abenteuer

Ein heisser Sommersonntag. Wir suchen Kühlung im Wald. Riesige, majestätische Eschen und Ulmen, askr und embla, das Urelternpaar der Kelten. Mit feinen Bewegungen im Wind begrüssen sie uns. Wir berühren sie vorsichtig. Die alten Stämme sind voller Schrunden, Ausbuchtungen und Risse. Eine Berührung mit der Vergangenheit.

 Schmaler Pfad in den Urwald

Eine mächtige alte Buche steht wie eine dicke Pförtnerin am Waldrand und gewährt uns Einlass. Wir folgen dem schmalen Pfad, es geht auf- und abwärts. Die Sonne lässt die Pflanzen am Wegrand erstrahlen, wir atmen ihre Düfte ein. Gelbe, violette und weisse Blütenkelche bieten den Hummeln und Bienen ihren Nektar an. Der Weg führt an einer Waldschneise vorbei, Spuren der Zivilisation, Masten mit Starkstromleitungen durchkreuzen den Hang. Nur ein paar Schritte weiter wähnen wir uns in einer gotischen Kathedrale. Glatte graue Baumstämme lenken unseren Blick nach oben. Weite ausladende Baumkronen mit zartgrünen Blättern bilden ein lebendiges Gewölbe und schaffen eine Atmosphäre von Einkehr und Ruhe. Hier verweilen, das feine Spiel von Licht und Schatten bewundern.

Doch es zieht uns weiter, vorbei an lockeren Wildrebenhecken, die an Parkanlagen erinnern. Der Weg teilt sich und wir folgen der Abzweigung Richtung Eibenwald. Zuerst begegnet uns wieder eine Pförtnerin. Diesmal eine einzelne kräftige Eibe, die den Weg zu ihrem Reich freigibt. Wir begrüssen sie mit Ehrerbietung. Über steile Holzstufen gelangen wir in ein kleines Tobel. Der Bach ist ausgetrocknet, Hirschzungenfarne schmücken den feuchten Boden. Am Hang entdecken wir zwischen Buchen mehrere Eiben, Vorboten des Eibenwaldes.

Säulenhalle und Gewölbe im Buchenwald

Auf dem enger und dunkler werdenden Weg gelangen wir in eine steile schattige Schlucht. Kühle Luft strömt uns entgegen. Wo sonst wilde Wasser vom Hang herab stürzen, bewegen sich kleine Rinnsale über die Steine. Es riecht nach Moder und feuchter Erde, Hölzer liegen an den abschüssigen Hängen, schroffe, parallel geschichtete Felsformationen ragen hervor, Eiben krallen sich darin fest. Etwas weiter vorn steht ein morscher Baumstamm ohne Äste, rundum mit Holzpilzen und Kerben übersät. Die Kerben sind voller Leben, kleine Pflanzen gedeihen darin und zahlreiche Käfer eilen emsig umher. Der Methusalem des Waldes. Alt und ehrwürdig bietet er noch im Tod zahllosen anderen Lebewesen Nahrung und Unterschlupf.

Hier wohnen noch zahllose Tiere und Pflanzen

Eine letzte Biegung und wir stehen im Eibenwald. Der Hang ist über und über mit Eiben besetzt, grosse Eiben, kleine Eiben, dicke Stämme, dünne Stämme. Die dunkelgrünen, dichten Nadeln filtern das Licht. Kein Laut zu hören. Die Stille regt unsere Sinne an. Sie erinnert an die Märchen unserer Kinderzeit, an verborgene Ängste.

Wir berühren die schuppige, leicht klebrige Rinde einer Eibe und sind überrascht, wie warm sie sich anfühlt. Der Stamm einer Eibe besteht gut sichtbar aus vielen Einzelsträngen, die eng miteinander verbunden sind. Er braucht eine Ewigkeit bis er einen ansehnlichen Durchmesser erreicht.

Eiben wachsen nicht besonders hoch, können aber uralt werden. So findet man vereinzelt an heiligen Orten gewaltige Exemplare, die bis zu dreitausend Jahre alt sein können. Die Kelten verehrten die Eiben als göttliche Wesen, was die ersten christlichen Missionare veranlasste, die „heidnischen“ Bäume in grosser Zahl zu fällen. Dank des biegsamen und zähen Holzes wurden sie besonders gerne für Waffen, insbesondere Pfeilbogen, verwendet. Noch vor dem Dreissigjährigen Krieg gab es überall in England, Deutschland, in der Schweiz und anderswo ausgedehnte Eibenwälder. Sie wurden für diesen und spätere Kriege abgeholzt.

Düster, widerstandsfähig und als Nutzholz einst sehr beliebt: die Eibe

Heute werden die wenigen alten Bestände geschützt, und die Eibe mit den dekorativen roten Beeren schmückt als Hecke oder Einzelbaum Park- und Gartenanlagen. Eiben sind giftig. Die Menschen kannten sich früher bestens aus und brauten daraus einen wirksamen Gifttrunk. Richtig dosiert ergab sich auch ein Abtreibungsmittel für unerwünschten Nachwuchs. Stets standen Eiben eng mit dem Tod in Verbindung. In gewissen Gegenden steckte man den Toten einen Eibenzweig in den Mund. Und bis heute zählen Eiben zu den traditionellen Friedhofsbäumen.

Eiben selbst sind zähe Überlebenskünstler, eine umgestürzte Eibe am Wegrand demonstriert das eindrücklich: Ein Viertel der Wurzel ist im Boden verankert, der Rest hängt in der Luft. Aus den Zweigen des seit Jahren hier am Abhang liegenden Kolosses spriessen junge Triebe und zaubern einen kleinen Wald hervor.

…und neues Leben blüht aus dem Totholz

Wir verweilen bei dieser umgestürzten Eibe, hängen unseren Gedanken nach und bedanken uns bei den unzähligen Bäumen, die uns an diesem Hitzetag Schatten gespendet und erfrischt haben. Wir kehren zurück, passieren die Pförtnerbuche und stehen wieder auf der Wiese vor den Eschen und Ulmen. Ein letzter dankbarer Blick zurück auf die Majestäten, die wie für die Ewigkeit hier stehen.

Der Eibenstamm drechselt sich kunstvoll empor

Nachts um vier Uhr ein Paukenschlag, der uns aus dem Schlaf reisst. Ein Gewitter bricht los. Es blitzt und donnert in immer kürzer werdenden Abständen, es dröhnt und vibriert wie in einem riesigen Schiffsrumpf. Die Birken im Garten neigen sich fast bis zum Boden. Besorgt schauen wir durch das Dachfenster, riesige Hagelkörner trommeln dagegen, wild und zornig gebärdet sich die Natur. Mit Hoffen und Bangen harren wir der Dinge. Denken an die Schlucht, den Wasserfall im Eibenwald, der jetzt wohl alles mit sich reisst. Das Getöse will nicht aufhören.

Der Tag bricht an, wir gehen nach draussen. Der Boden ist weiss übersät mit Hagelkugeln, gross wie Hühnereier, das Sicherheitsglas der Veranda ist zerstört. Vier Bäume sind geknickt, Nachbars Tanne entwurzelt. Der Schaden ist zu verschmerzen, die Natur wird sich schnell erholen.

Ein paar Wochen später machen wir uns wieder auf in den Eibenwald. Doch wo bleibt das majestätische Empfangskomitee? Die riesigen Eschen und Ulmen, askr und embla, einfach weg. Leere. Und die Eiben? Sie haben das Unwetter gut überstanden. Nur unser Methusalem steht nicht mehr. Er liegt mit anderen Baumstämmen im modrigen Laub am Abhang. Die Insekten bleiben ihm treu, das Leben geht weiter.

Fotos: Maude Vuilleumier

Nähere Angaben zum beschriebenen Eibenwald finden Sie hier

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