Alles bleibt anders: Etwa so könnte eine Biografie über Ralph Wicki betitelt sein. Er hat schon so manche Umbrüche erlebt. Heute ist der beliebte «Nachtclub»-Moderator mit sich im Reinen. Und er geht in Pension.
Lokaltermin in Zürich Leutschenbach. Der, der da mit wehenden Haaren und Rucksack am Rücken zum Empfang beim Fernsehstudio anrauscht, ist Ralph Wicki, «Mister Nachtclub» auf Radio SRF 1. Die Harley-Davidson hat er längst gegen einen E-Scooter eingetauscht. Immer dienstags bis donnerstags begleitet er von 21 Uhr bis Mitternacht die Hörerschaft, stellt ein Thema zur Diskussion und plaudert mit Hörerinnen und Hörern.
Zu diesem Zweck zieht er sich ins Studio vors Mikrofon zurück, dämmt das Studiolicht und begnügt sich mit seinem Nachttisch-Lämpli; nur sein «Lämmli», ein Plüschtier, leistet ihm bei diesem Job Gesellschaft. «Ich brauche diese Atmosphäre», sagt Wicki, «denn ich möchte fokussiert sein auf die Menschen, die in die Sendung anrufen oder schreiben.»
Nein, das Lämmli habe er heute ausnahmsweise nicht dabei, gesteht Ralph Wicki. «Es ist ein paar Tage in den Ferien…» Stunden nach unserem Treffen wird er im «Nachtclub» die Hörerinnen und Hörer auffordern, sich zur Frage zu äussern, wie man Frieden machen könne – «nicht auf dem Bürgenstock, sondern im Kleinen und persönlichen Umfeld».
«Ich war ein Träumer»
Wir sitzen im TV-Personalrestaurant und unterhalten uns. Ralph Wicki, geboren Ende August 1961, wächst zusammen mit zwei Brüdern in einem streng katholischen Umfeld auf. Seine Kindheit und Jugend seien schwierig gewesen, sagt er. «Ich habe mich ständig beweisen müssen – auch in Dingen, die ich nicht gemocht habe.» Er musste Blockflöte lernen, Gedichte auswendig lernen… «Ich war ein Träumer, war fasziniert von vielem und konnte das Gras wachsen hören – und ich hatte oft Angst.»
Weil er «ein Schwächling» war, wollte er damals Boxer werden, auch weil er oft von Gleichaltrigen verdroschen wurde. Er erinnert sich: Im Schulturnen beim Einstehen der Grösse nach sei er der Drittletzte gewesen, noch vor zwei kleineren Mädchen. Deshalb, sagt Ralph Wicki, sei er auch mehr mit Mädchen zusammen gewesen als mit Geschlechtsgenossen. Darin sieht er auch Gutes: «Ich habe sicher früher und besser geküsst als gerechnet – auch als meine Kollegen, die dafür besser rechnen konnten.» Mit dem Älterwerden treten bei ihm statt einer Karriere als Boxer bald andere Berufswünsche in den Vordergrund: Veterinär, danach Bundesrat und Pilot. Als auch der Traum vom Piloten platzt, weil er farbenblind ist, will er nur noch eines – «überleben nämlich». Ralph Wicki kommt in die Oberschule und in die Sek. Die anstehende KV-Lehre macht ihn auch nicht glücklich. Bis er die holländische Familie, bei der er sich als Babysitter verdingt, nach Kenia begleiten darf. «Dort, in Mombasa, habe ich das ganze Elend dieser Welt zum ersten Mal gesehen: arme Menschen, Tote auf den Strassen, ganz schlimme Zustände.» Nun möchte Ralph lieber Arzt werden, statt das KV zu beginnen. «Ich wollte unbedingt helfen…» Doch ohne Matur?
Radiovirus und Midlife-Krise
Deshalb nur so viel in Stichworten: Medizinstudium mit Abbruch, Medienwissenschaften und Politologie. Beim Absolvieren eines Praktikums beim Lokalsender Extra-BE erliegt er dem Radiovirus: Er wird dort Redaktionsleiter, bewirbt sich erfolglos bei DRS 3, leitet sechs Jahre Radio 32, steigt bei Radio Pilatus ein und wenig später bei Radio 105, dem ersten Jugendradio (heute my105). Vom Jugendradio wechselt er 2001 zum Erwachsenensender DRS1, wo er Musikchef wird. Nach fünf Jahren verlässt er DRS, um mit ein paar anderen das eigene Musiklabel Suonix zu gründen, wo unter anderem Othella Dallas, Nils Althaus und Eliana Burki betreut werden.

Mit 50 kommt die grosse Lebenskrise. Ralph Wicki erinnert sich: «Ich hatte genug von allem und spielte mit dem Gedanken, dem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Doch dann stand ich an meinem 50. Geburtstag morgens um sechs auf dem Balkon, erfreute mich an dem wunderbaren Sonnenaufgang und sinnierte. Entweder hatte ich Schiss oder ich war zu wenig verrückt, den Steppenwolf zu geben. Vermutlich weil ich die Sonne liebe, habe ich diesen Tag überlebt.» Tage darauf erscheint ein Inserat von SRF 1, in dem ein Nachtmoderator gesucht wird. Ralph Wicki bewirbt sich, darf vorsprechen und erhält eine Absage mit der Begründung, man habe schon jemanden. Doch drei Monate später erhält er einen Anruf, ob er noch Interesse habe.
Ich habe sicher früher und besser geküsst als gerechnet – auch als meine Kollegen, die dafür besser rechnen konnten.
Er hat. Seither ist der Mann mit Luzerner Wurzeln, tätowierten Armen, Schöfli und E-Scooter der Liebling vieler Hörerinnen und Hörer, die abends lieber Radio hören, als Zeit auf Social-Media-Kanälen zu verjubeln. Dass er mit seiner sanften und tiefentspannten Stimme insbesondere die weibliche Hörerschaft anspricht, mag er erst gar nicht abstreiten. Dies belegen nicht nur die Anrufe während der Sendung, sondern auch die zahlreichen Zuschriften (und Liebesbotschaften), die er erhält. Solche Zuschriften seien zwar schön, aber: «Es gibt sicher ein Dutzend Leute, die mich seit Jahren mit Briefen und Nachrichten zudecken – Menschen, die einfach nicht akzeptieren wollen, dass ich nicht zu vereinnahmen bin.»
Es gibt natürlich auch Männer, die ins Studio anrufen, je nachdem, welche Diskussionsfrage Wicki vorlegt. Gleichzeitig zeigen sich Männer gelegentlich auch irritiert, wenn ihre Frauen ihm schreiben und telefonieren. So sei er in der Hörerschaft nicht nur geliebt, sondern auch verhasst. Er habe auch schon einen Hater anzeigen müssen, der ihn aufs Übelste verunglimpft und beleidigt hat.
«Weshalb schütten Ihnen viele Hörerinnen und Hörer ihr Herz aus?» «Es hat damit zu tun, dass ich mich interessiert zeige den Menschen gegenüber. Und dass auch ich bereit bin, von mir zu erzählen, mich zu öffnen. Ich bringe mich ein, leide buchstäblich mit. Es stellen sich mir die Nackenhaare, ich bin traurig und mir fehlen zuweilen die Worte.»
Nach der Sendung, die um Mitternacht endet, bleibt Ralph Wicki meistens noch etwas im leeren Radiostudio und beantwortet Mails. Erst dann verräumt er die Nachttischlampe, packt sein Schöfli ein, schnappt sich den Scooter und fährt entspannt nach Hause. Woher nimmt er nur die Energie und Gelassenheit, um sich dreimal wöchentlich diesem aufreibenden Job auszusetzen? «Es ist umgekehrt», erklärt Wicki, «ich nehme die Energie während der Sendung auf.»
Ich bringe mich ein, leide buchstäblich mit.
Es stellen sich mir die Nackenhaare, ich bin traurig und mir fehlen zuweilen die Worte.
Im Reinen mit sich
Auftanken kann Ralph Wicki auch, wenn er wieder auf «seiner» kleinen Insel in Thailand ist. Da gebe es acht verlotterte Bungalows, von denen er jeweils eines bewohnt. «Häufig bin ich da völlig alleine wie Robinson auf der Insel.» Ganz besonders gefällt ihm das Klima und dass es so friedlich ist dort.
Das Älterwerden fällt ihm nicht schwer. Er gehe entspannt damit um und meine zu wissen, dass es irgendwo jemand gut mit ihm meine, was die Gesundheit anbelangt. Und: «Ich lebe bewusst. Ich habe das Gefühl, ich hätte schon fünf Leben gehabt, und ich bin dankbar, was ich alles erleben darf. Weshalb also sollte ich mir Gedanken machen über das Alter und den Tod?» Ralph Wicki ist mit sich im Reinen. Ist er glücklich? Die Frage, die er seinen Gesprächspartnern oft am Radio stellt, kann er für sich mit einem klaren Ja beantworten.
Hand aufs Herz, Ralph, wie schwer fällt es dir, dich aufs Altenteil zu setzen (und damit dich von deinen treuen Nachtclub-Fans zu verabschieden)?
Ralph Wicki: Ich hätte es ja nie gedacht! Früher, als Junge, waren 65jährige für mich uralt. Als ich älter wurde, einigermassen ungesund lebte, dachte ich, nie 65ig zu werden. Und immer wusste ich: Ich werde NIE bis zur Pensionierung arbeiten, mich früh pensionieren lassen. Und jetzt? Jetzt müssen sie mich rauswerfen 😉 Es fällt mir also einigermassen schwer, weil ich das, was ich nun während 1594 Nachtclubs erleben durfte, so sehr liebte. Ja, dass mir arbeiten mal so sehr gut tun würde wie die letzten zwölf einhalb Jahre, das hätte ich nie unterschrieben. Ich werde meine Hörerschaft vermissen…
Wirst du dem Radio in irgendeiner Form erhalten bleiben – vielleicht als „Historiker“ bei den Bestsellern auf dem Plattenteller oder sonstwo?
Im Moment ist nichts solches geplant, da bei SRF mit 65ig Schluss ist. Aber wer weiss 😉 Einmal Radio – immer Radio.
Welche Pläne hast du für die kommende Zeit? Lockt dich die Insel in Thailand?
Mich lockt tatsächlich das Reisen. Mein Traum vom Leben als einsamer Robinson auf einer möglichst einfachen Insel, den habe ich noch nicht verwirklicht. Jetzt, wo ich Zeit habe, reizt es mich schon, zumindest in den kalten Monaten hier, irgendwo in Südostasien zu überwintern.
Gehst du noch immer so locker um mit dem Älterwerden?
Oh ja, da hat sich nichts geändert. Ausser, dass ich noch mehr staune, mich mit meinem Alter so wohl zu fühlen, als wäre ich jünger. Da geh ich tatsächlich sehr gelassen um mit dem älter werden.
Fotos: Christian Roth


Offenbar war gestern die seine letzte Sendung «Nachtclub».
Da war ich leider nicht dabei!
Wünsche ihm alles Gute für die Jahre in Pension…in die «grosse Freiheit»
Ebenso wünsche ich ihm und allen rauchenden Mitmenschen den
Entschluss und den darauf folgenden Durchhaltewillen endlich diesem stark
gesundheitsgefährdenden Laster für immer «ade» zu sagen…denn Raucher
haben neben so vielen Risiken für die verschiedensten schweren Krankheiten,
vor allem auch EINE SCHLECHTERE LEBENSQUALITÄT. Ich weiss auch wovon ich spreche,
weil ich in meiner Jugend auch einer war, und es NICHTS GIBT IN MEINEM LEBEN, WAS ICH MEHR
BEREUE, ALS EBEN GERAUCHT ZU HABEN..und leider zwölf Jahre auch brauchte um endlich davon
loszukommen. Denn DAS IST DIE GROSSE FREIHEIT!!