FrontGesellschaftZu Besuch bei Albert Grimm

Zu Besuch bei Albert Grimm

Seit je ein passionierter Geschichtsforscher, leitet der ehemalige Reallehrer und Dozent an der Uni Zürich auch mit über achtzig noch das Ortsmuseum Wallisellen

Wir lernen uns kennen bei einer Klassenzusammenkunft im Walliseller Ortsmuseum. Gleich führt er uns ein Prunkstück aus der Sammlung vor: eine in Wallisellen erfundene Spitzmaschine für Kreiden samt Patent-Urkunde; und – das ist der Clou: sie ist unterschrieben von Albert Einstein!

Sorgsam gebettet in einem antiken Pappkarton: die patentierte Kreidespitzmaschine. Made in Wallisellen

Nach dem Rundgang mit meinen ehemaligen Gspänli aus der Sek, alle über siebzig, ist für mich klar, Albert Grimm will ich besuchen.

Vor dem Ortsmuseum, einem riesigen alten Bauernhaus im Ortsteil Rieden stilgerecht renoviert und mit korrekt-perfekt-schönem Bauerngarten erwarte ich ihn. Albert Grimm war einst ein Flüchtling, die Familie musste sich vor dem Franco-Regime in Spanien absetzen. Seither sind Wallisellen und Brüttisellen, wo er heute wohnt und ebenfalls als Lokalhistoriker wirkt, seine Heimat. Aber das Reisefieber packt ihn noch heute mehrmals jährlich: „Reisen ist etwas Tolles,“ sagt er mit leuchtenden Augen. In den Iran oder nach Armenien soll die nächste grosse Reise gehen, aber es steht auch noch eine Kunstreise nach Andalusien an, oder die jährliche Frühjahrsreise mit dem Auto irgendwohin in Europa.

Bauerngarten vor dem Bauernhaus, welches das Museum beherbergt

Weniger eine Reise als ein alter Brauch für ihn sind die Zeltferien in St. Tropez. Da hatte er mit 65 sein grosses Aha-Erlebnis im Sport: er begann regelmässig zu schwimmen – eigentlich ein richtiges Training über die 4500 Meter breite Bucht, bis er beim jährlichen Wettschwimmen einen Pokal gewann: „Ich kann jedem Alten empfehlen, was Sportliches zu machen. Ich führe meine Fitness darauf zurück.“ Sagt’s und eilt elastisch die steile Treppe ins Dachgeschoss des Museums empor, um mir den ältesten Artefakt zu zeigen, einen von Menschenhand bearbeiteten faustgrossen Stein, also ein prähistorisches Werkzeug, gefunden in einem der Moore, die früher statt Autobahnen und Einkaufszentren Wallisellen begrenzten.

Treppauf im Laufschritt – Albert Grimm im Museum, seiner zweiten Heimat

Trotz seiner über 80 will er noch nicht kürzertreten. Er arbeitet mit seiner Museumskommission jeweils montags im Büro des Museums, einem Raum mit Regalen voller Ordner. Einen zeigt er mir stolz: er enthält die Dokumentation seiner Chronistentreffen Verzelle vo früener: Immer wieder lädt er zu verschiedenen Themen alte Wallisellerinnen und Walliseller ein, beispielsweise Politiker, Kirchgänger oder Gewerbler, die selber oder deren Väter noch altes Handwerk ausübten. Im Museum gibt es mehrere vollständige Werkstätten, und dank der Chronisten, deren Gespräche jeweils aufgezeichnet und professionell archiviert werden, geht die Funktion der Geräte nicht vergessen: Oral Historyfürs Ortsmuseum Wallisellen.

Das Museum fristete einst ein bescheidenes Leben auf einem Dachboden. Mit dem Kauf eines 15-Zimmer-Bauernhauses samt Scheune in Rieden durch die öffentliche Hand und dem Auftrag an Albert Grimm, das Museum auszubauen und zu leiten, wurde es zum Stolz der Agglo-Gemeinde. Statt zwei Dutzend hat es nun hunderte Besucher jedes Jahr, nicht gezählt die Schulklassen, für die Lehrer Grimm spezielle Arbeitsmappen bereit hält. Albert Grimm freut sich, alle neun Monate eine Sonderausstellung zeigen zu können. Vom 4. Oktober an ist es „Lebenswelten junger Kinder“ in Zusammenarbeit mit dem Marie-Meierhofer-Institut. Drei- bis Sechsjährige bekamen eine Kamera und machten Fotos ihres Lebensraums, sie wurden mit GPS ausgestattet, um ihre Wege nachzuweisen, und man hat sie gefilmt und interviewt.

Plakat der nächsten Ausstellung mit vier von Kleinkindern geknipsten Fotos

Ein Ergebnis vorweg verrät uns Albert Grimm: „Es wurde festgestellt, dass der Bewegungsraum junger Kinder teils stark eingeschränkt ist. Dies gilt auch für die Wege, die sie alleine gehen können. Kinder leben heute häufig auf ‘Inseln‘, die sie nicht selbständig erreichen oder verlassen können und so auf die Hilfe Erwachsener angewiesen sind.“

Diesmal also keine Eigenrecherche in der Geschichte der Walliseller, aber ein Einblick in die Forschung des Zürcher Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind.

Schon steht die folgende historische Ausstellung an: Albert Grimm zeigt stolz sein bereits fertigesBegleitbuch: Es ist die schwergewichtige Festschrift zur Eingemeindung von Rieden in Wallisellen vor hundert Jahren, welche 2016 gefeiert wird. Gern besorgt der „vergiftete Büechlimacher“ nebenbei für Memiorenschreiber das Layout und hilft beim Titelblatt. So müssen die Autorinnen und Autoren am Ende nur Druckkosten zahlen. Den Prototyp dieser broschierten Bücher verfasste Grimm selber für die 75 Gäste an seinem 75. Geburtstag: Grimms wahre Märchen, eine reich bebilderte Biographie in Einzelgeschichten von der Flucht aus Spanien über die Prügelpädagogen seiner Schulzeit und die Lehrerjahre bis hin zum Glück, heute auch Grossvater zu sein. In letzter Zeit setzt er sich schreibend mit seinem Gottesbild auseinander, zwei Büchlein ermöglichen Interessierten, den für ihn schwierigen Weg vom Kirchgänger zum Agnostiker nachzuvollziehen.

Die Festschrift für das Gemeindefusionsjubiläum vom kommenden Jahr im Zentrum von vielen anderen Publikationen Albert Grimms

Aber Grimm machte auch andere Bücher und Broschüren: er arbeitete regelmässig am Schweizer Sprachbuch mit, verfasste Lehrmittel zur Rechtschreibung und im dritten Jahrzehnt das Neujahrsblatt für Wangen-Brüttisellen, wo er 2000 mit dem Kulturpreis ausgezeichnet wurde; der Walliseller Ehrenpreis folgte 2007. Da versteht sich von selbst, dass er auch Buch-Macher der Begleitpublikationen der Ausstellungen im Ortsmuseum ist.

Spuren von vorgeschichtlicher Besiedelung – ein Fund aus Wallisellen

Aber wo liegt der Ursprung von Grimms Passion, der Geschichtsforschung? Vielleicht beim Grauguss-Ring mit der Gravur Gold gab ich für Eisen 1914, den seine österreichische Grossmutter erhielt, nachdem sie ihren goldenen dem Staat als Beitrag an die Kriegskosten hatte abliefern müssen, oder konkreter bei seiner Abschlussarbeit im Lehrerseminar über Das Verhältnis der Bevölkerung zur Schule Wallisellen im Laufe der Jahrhunderte.

Grimm muss man sich beileibe nicht als kauzigen Lokalhistoriker vorstellen. Er steht aktiv im Leben, fährt sehr gern und ebenso zügig sein – so bedauert er –  vielleicht letztes Auto, einen orangeroten Citroën mit fünfstelligem Zürcher Nummernschild und freut sich über das Geschenk des Freunds seiner jüngsten Tochter, das ihm wohl noch ebenso viel zu tun geben wird wie das Ortsmuseum, die eigene Website.

Fotos und Video © Eva Caflisch

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel