Kultur

Schwarzes Quadrat – Ikone der modernen Kunst

Das populäre Foto einer Kunstausstellung vor 100 Jahren ist Ausgangspunkt für die neue Ausstellung bei Beyeler

In St. Petersburg, das 1915 Petrograd hiess, stellt eine Gruppe junger Maler und Malerinnen um Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin 158 Bilder, Skulpturen und Objekte aus. Titel der Ausstellung war 0,10. Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei. Nun kann ein gutes Drittel der damals gezeigten, sowie weitere Werke der Gruppe in der Fondation Beyeler präsentiert werden. Die Ausstellung mit ihrer Weiterentwicklung des Futurismus und vor allem mit der Erfindung der ungegenständlichen Malerei, dem Suprematismus war damals ein Skandal und beeinflusst die bildende Kunst bis auf den heutigen Tag.

Sam Keller vor dem Malewitsch-Bild (rechts), welches Ernst Beyeler der Fondation einst schenkte. Foto: E. Caflisch

Hundert Jahre alt ist es – das wohl berühmteste Bild der modernen Kunst, oder vielmehr die Ikone der abstrakten Malerei. Nun hängt Schwarzes Quadrat von Kasimir Malewitsch im Dreiklang mit dem schwarzen Kreuz und dem schwarzen Kreis an der Wand eines der beiden Malewitsch gewidmeten Säle. Ein aussergewöhnliches Kunstereignis mit ungewöhnlichem Titel präsentiert sich: Auf der Suche nach 0,10. Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei. Ausgestellt sind 58 Werke, die meisten Exponate der legendären Petrograder Schau. Sam Keller, der Direktor der Fondation berichtet, wie es dazu kam: Das Malewitsch-Bild Suprematistische Komposition, wurde der Fondation 2006 von ihrem Stifter Ernst Beyeler geschenkt.

Wladimir Tatlin Eck-Konterrelief, 1914. Staatliches Russisches Museum, Sankt Petersburg

Sie ist auf dem erwähnten Foto von der Letzten futuristischen Ausstellung abgebildet. Eine mehrjährige Suche nach den übrigen abgebildeten Malereien und noch vielmehr nach Dokumenten über alle anderen sowie deren Verbleib setzte ein. Ein Katalog existiert, allerdings ist er nicht verlässlich. Vieles ist seither verschwunden, zerstört, vielleicht gar mit sozialistischem Realismus übermalt worden, denn die Sowjets liessen alle Bilder der russischen Avantgarde Anfang der 30er Jahren aus den Museen entfernen, oder weitab von den Metropolen in die Provinz verbannen. Daher sind russische Sammlungen noch immer die wichtigsten Leihgeber.

Olga Rosanowa, Xenia Boguslawskaja und Kasimir Malewitsch in der 0,10 Ausstellung, 1915, Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst, Moskau

Die „kritische Rekonstruktion“ von 0,10, kuratiert von Matthew Drutt, der schon für zwei Malewitsch-Retrospektiven in den USA verantwortlich zeichnete, zeigt eine 100jährige Momentaufnahme, deren Kreativität, Aufbruchstimmung und revolutionäres Potential noch heute aus den Kunstwerken spricht. Kein Wunder, war diese russische Avantgarde mit ihrer Überwindung des italienischen Futurismus, der Referenz an den Kubismus und der Erfindung der ungegenständlichen Malerei sowie des russischen Konstruktivismus mehr als ein Lokalereignis. Sam Keller ist mit Recht stolz auf die mit viel Arbeit und noch mehr Diplomatie entstandene kunsthistorische Leistung – Ausstellung und Katalog werden die Wissenschaft einen Schritt weiterbringen.

Ljubow Popowa
Porträt einer Frau (plastische Zeichnung), 1915Museum Ludwig, Köln
Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln

Was aber heisst denn Letzte Ausstellung, was bedeutet das kryptische 0,10? Petrograd kurz vor der Revolution muss man sich als Ort mit einer lebhaften Künstlerszene vorstellen, deren Exponenten Kontakt auch zur Pariser Szene hatte. Verschiedene Zirkel wetteifern mit Manifesten um einen Neuanfang in der Malerei. Im Jahr 1915 findet die Erste futuristische Ausstellung der Malerei Tramway W statt, gegen Ende Jahr eben die Letzte, beide in derselben Galerie. Beide wurden vom Publikum mit Interesse, von der Kritik mit Häme und Ablehnung aufgenommen. Für die zweite erfand Kasimir Malewitsch, das enfant terrible der Szene und zugleich deren zentrale Figur, die Bezeichnung 0,10 – Null steht für den Bruch mit der Vergangenheit und den Neuanfang in die Unendlichkeit, Zehn bezeichnet die zehn Künstler und Künstlerinnen, die bei der ersten Ausstellung dabei waren und wieder ausstellen sollten. Am Ende waren es dann vierzehn, sieben Männer und sieben Frauen, wobei die Frauen besser seien als die Männer, so die Ausstellungsmacher, hervorragende Malerinnen unter anderen waren Ljubow Popowa oder Olga Rosanowa.

Die Ausstellung bedeutet trotz der Bezeichnung Letzte keineswegs ein Ende, es wurde weiter kubo-futuristisch und suprematistisch, oder abstrakt gemalt, weiter mit Objekten in der Nachfolge von Wladimir Tatlin experimentiert. Tatlin arbeitete mit Alltagsmaterialien und versuchte sich auch in raumgreifenden Installationen wie das Eck-Konterrelief, Arbeiten, die nicht mehr auf einem Sockel stehen oder an der Wand hängen.

Iwan Puni, Weisse Kugel, 2015. Musée national d’art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris. Schenkung der Witwe Xenia Pougny, 1966. Foto: E. Caflisch

Auf dem alten Foto ist nur die Ausstellungsecke von Kasimir Malewitsch zu sehen. Die Wände sind von unten bis oben vollgehängt – damals üblich – Schwarzes Quadrat sitzt ganz oben in jener Zimmerecke, wo bei frommen Familien die Ikone ihren Platz hat: das war ungeheuerlich, schockierte als blasphemische Handlung – wie sie von Malewitsch durchaus beabsichtigt war – und heute? Heute ist Schwarzes Quadrat seinerseits Ikone der Malerei mit starker Ausstrahlung. Das nachzuweisen gelingt der Fondation mit den Exponaten, die sich in den Räumen rund um 0,10 gruppieren: Mondrian, Yves Klein, Serra, Jenny Holzner, auch Wharhol, Richter und Damian Hirst, dessen Black Sun der Nachfolger-Präsentation den Namen lieh.

Olga Rosanowa Nähkästchen, 1915Öl und Collage auf Leinwand, 58 x 34 cm. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Schwarzes Quadrat ist nichts weniger als das wohl populärste Kunstwerk der Moderne und immer noch und immer wieder Ausgangspunkt künstlerischer Arbeiten. Letzlich sei es, so Kurator Drutts kühner Vergleich, für die Kunst dasselbe wie Einsteins Relativitätstheorie für die Physik.

Im Katalog, der in Gestaltung und Inhalt weit über eine Publikation für Ausstellungen hinausgeht, sind neben den Exponaten auch weitere Werke abgebildet, beispielsweise solche, die nicht mehr ausgeliehen werden können. Auch Schwarzes Quadrat ist nicht mit der allzu fragilen Version von 1915, sondern mit einer späteren von 1929 vertreten. Ausserdem dokumentiert das Buch auch die Plakate, Manifeste und andere Zeugnisse der wegweisenden Ausstellung 0,10, welche vor hundert Jahren die Petersburger Bürger erschreckte, für die zeitgenössische Kunst noch jetzt inspirierend ist.

Schwarzes Quadrat mit Kreuz und Kreis in der Ausstellung Auf der Suche nach 0,10. Foto: E. Caflisch

4. Oktober bis 10. Januar 2016
Während der Ausstellung gibt es viele Konzerte, Vorträge und Veranstaltungen, unter anderem am Samstag 19. Dezember 2015 eine 100-Jahr-Feier der Vernissage von Petrograd. Besucher-Informationen finden Sie hier
Der Katalog AUF DER SUCHE NACH 0,10, 280 Seiten mit rund 200 Abbildungen und Beiträgen von Mattew Drutt, Sam Keller, Anatolij Strigalev, Anna Szech sowie Maria Tsantsanoglou kostet 68 Franken.