FrontKulturDer Sand der Erinnerungen

Der Sand der Erinnerungen

«Treibsand. Was es heisst, ein Mensch zu sein.» Das ist der Titel des letzten Buches von Henning Mankell, der am 5. Oktober 2015 in Schweden starb.

Ein glimpflich verlaufener Unfall, kurze Zeit später aber immer unerträglichere Nackenschmerzen – zuerst dachte er, diese seien die Folgen des Autounfalls, bis die Ärzte in medizinischen Untersuchungen Krebsgeschwüre entdeckten. Damit hatte Henning Mankell nicht gerechnet. Wie reagiert ein Schriftsteller mit einer Lebenserfahrung wie er darauf? Er schreibt. Allerdings keine Memoiren im eigentlichen Sinne, keine Autobiografie, keinen Rückblick auf vergangene Erfolge. Nein, er schreibt eine Folge von 68 kurzen, aphoristisch anmutenden Kapiteln zu Themen, die ihm nun, da sein Lebensende näher rückt, noch der Rede wert sind. So als würden ihn die Lesenden immer wieder besuchen und mit ihm darüber diskutieren.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

rechts: Henning Mankell an der Buchmesse in Göteborg 2005
© Lennart Guldbrandsson / commons.wikimedia.com

Es ist unvermeidlich, dass sich dieses Buch mit dem Tod beschäftigt, mehr noch mit allen Facetten der Vergänglichkeit, aber auch der Ewigkeit. Schwermut oder Traurigkeit dürfen wir nicht erwarten, schreibt doch Mankell selbst, er sei «im Besitze einer elementaren Lebensfreude», die ihn wohl sein Leben lang nicht ganz verlassen hat. Wir lesen viel über Erlebnisse auf Reisen, die ihn in seinen jungen Jahren an viele europäische Orte führten, und viel erfahren wir auch über seine zweite Heimat Afrika, insbesondere Mozambique, wo Mankell jahrzehntelang lebte und als Theaterleiter tätig war.

 

Das Theater hatte einen wichtigen Stellenwert in Mankells Leben. Vom Theater, dem antiken und seinen Theaterstücken und –bearbeitungen schreibt Mankell in vielen Kapiteln. Das ist wohl denjenigen, die Mankell nur als Autor der Wallander-Krimis kennen, nicht bewusst, dem Schriftsteller aber war dies sehr wichtig. Seine Leidenschaft für das Theater pflegte er ebenso stark wie das Schreiben überhaupt. Schon als 16-Jähriger wusste er, dass Schreiben sein Beruf werden sollte; er schmiss die Schule hin und beschloss, für ein Jahr nach Paris zu reisen, was ihm sein grosszügiger Vater schweren Herzens erlaubte. Reisen kann auch «Ausreissen» bedeuten, es erweitert immer den eigenen Horizont und hilft dabei, sich selbst zu finden. Viele spannende Kapitel, beispielsweise eine Autoreise von Portugal durch Spanien, handeln davon.

Vergangenheit und Zukunft

Henning Mankell erweist sich als Liebhaber von Geschichte und Kunst. Schon die Widmung zeugt davon. Mankell beschreibt ein Fresko in Pompei, das einen Bäcker und seine Frau zeigt. » . . . zwei Menschen, die ihr Leben sehr ernst nehmen. Als . . . der Vulkan ausbrach, kann ihnen nicht viel Zeit geblieben sein, um zu verstehen, was geschah. Sie starben mitten im Leben, begraben von der Asche und der glühenden Lava.» – Mankell hatte Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten. Ausführlich lässt er sich über die steinzeitlichen Höhlenmalereien aus, die er an verschiedenen Orten Europas anschauen durfte.

Die Dinge auf und unter der Erde beschäftigen ihn. Der Treib- oder Flugsand, den es in Schweden ebenso wie in Afrika gibt, hat dem Buch den Titel gegeben. – Der Autor erinnert sich mehrmals an einen früheren Traum, wo er im Treibsand zu versinken drohte. Sand, ein Werkzeug des Windes und des Wassers, kann ganze Dörfer zudecken und nach Jahrhunderten wieder sichtbar machen. Wandernde Sandbänke in der Nordsee sind schon manchem Schiff zum Verhängnis geworden, wie der Autor in einer Episode erzählt. In diesem Zusammenhang wird ein einziges Mal Kurt Wallander erwähnt.

Unter der Erde befindet sich nicht nur Vergangenes, sondern auch Projekte, die eben erst in Angriff genommen wurden: Endlager für radioaktive Abfälle. Mankell, stets ein politisch interessierter und engagierter Mensch, nahm die Gelegenheit wahr, eines in Nordschweden zu besuchen. Die Problematik dieser Lagerung für unvorstellbar lange Zeiträume regt ihn zu immer neuen Überlegungen an, z.B., wie man in einhunderttausend Jahren erkennen soll, dass in den Felskammern lebensgefährliches Gut lagert. Hier schleicht sich wieder seine Krankheit ein: Die hochgefährlichen Strahlen dienen ja auch der Behandlung von Tumoren. Daneben sind Archive als Erinnerungsspeicher und Museen Kristallisationspunkte für Mankells Überlegungen.

Die feine Mischung von persönlicher Betroffenheit, heiteren Schilderungen aus seinem Leben und Gedanken, die zu tieferem Nachdenken anregen, macht den Reiz dieses Buches aus. «Was es heisst, ein Mensch zu sein» heisst es im Untertitel. Dabei muss es auch um das Sterben und die Angst davor gehen. Eingebettet in den Kontext heisst es nämlich: «Unser menschliches Ich ist nichts anderes als das Wissen um unsere Sterblichkeit. Wer sich seine Angst vor dem Unbekannten eingesteht, begreift, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.» Das Bewusstsein des nahenden Todes verleitet Mankell nicht zu Melancholie oder gar Trübsinn, sondern zu einer besonnenen Heiterkeit. Darin liegt die Qualität des Buches.

Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein
Übersetzt aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt,
384 Seiten. 2015, Zsolnay Verlag, Wien
ISBN 978-3-552-05736-4
auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-552-05752-4

Titelfoto: Sanduhr © John Raetz / pixelio.de

Vorheriger ArtikelBewegung ist das A und O
Nächster ArtikelByzanz und die Schweiz

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel