Kultur

Aus der Sicht eines grossen Fotografen

Zum hundertsten Geburtstag von Werner Bischof zeigt das Musée d’Elysée in Lausanne eine umfangreiche Schau seiner Fotografien.

Die von der Fotoagentur Magnum Photos produzierte Ausstellung im Palais de l’Elysée in Lausanne ist unterteilt: ‚Point de vue‘ (Standpunkt) zeigt Bischofs Arbeiten auf seinen Reisen, vor allem in Asien und Amerika; ergänzend dazu der von Daniel Girardin (Musée de l’Elysée) kuratierte Teil ‚Helvetica‘ – der Titel sagt’s – Fotos aus seinem Fotostudio in der Schweiz. ‚Point de vue‘ wurde von Marco Bischof kuratiert, der sich mit dem vielfältigen Schaffen seines Vaters intensiv auseinandergesetzt hat.

Irgendwie zwischen den Überseereisen und den Aufnahmen aus dem heimatlichen Umkreis stehen die Fotos, die Bischof direkt nach Kriegsende in Deutschland gemacht hat: Zuerst fuhr er mit dem Fahrrad, dann mit dem Auto durch die zerbombten deutschen Städte. Mit einem Schweizer Pass und einem Ausweis als DU-Fotograf war ihm möglich, was sonst kaum jemand konnte: die Demarkationslinien zwischen den Besatzungszonen überschreiten. Die kleinen Fotos der Ruinen – der Semperoper in Dresden oder eines Wohnhauses in Hamburg beispielsweise – berühren auch heute noch, zumal wir unwillkürlich aktuelle Bilder im Kopf haben, die, mit anderen technischen Mitteln hergestellt, gleiche Trümmer an anderen Orten zeigen.

Fotopionier

Heute ist es selbstverständlich, dass Fotoarbeiten ebenso wie andere künstlerische Arbeiten ausgestellt werden, zu Lebzeiten von Werner Bischof war das eine exotische Ausnahme, berichtet Marco Bischof. 1953 organisierte Werner Bischof selbst im Zürcher St. Annahof eine Ausstellung seiner Fotografien aus Asien. Gefilmt wurde er bei dieser Gelegenheit vom damals 20-jährigen René Burri, der eine kleine Handkamera ausprobierte. Dieser kurze Film, tonlos und natürlich schwarzweiss, ist eine reizvolle Ergänzung. Noch in den 1960erJahren lehnte das Zürcher Kunstmuseum eine Fotoausstellung rundweg ab, obwohl namhafte Persönlichkeiten der Zürcher Kulturszene – z.B. Hugo Loetscher oder Guido Magnaguagno – sich dafür einsetzten.

Cham women returning from the market, Barau, a Meo village, Indochina, 1952. © Werner Bischof/Magnum Photos

Verschiedene Druckerzeugnisse sind in einem Schaukasten anzuschauen, der mit modernster Darstellungstechnik ausgestattet ist, durch Antippen und Wischen kann man zahlreiche Dokumente studieren. Werner Bischof, der an den Entwicklungen der Technik sehr interessiert war, hätte seine Freude daran gehabt.

In den 1950er Jahren begann die Epoche der Farbfotografie, auch Werner Bischof experimentierte damit. Er benutzte dafür manchmal zwei Apparate. Für farbige Fotos benötigte man früher noch beschichtete Glasplatten, dann kam das berühmte Koda-Chrome auf. Im Ausstellungsraum werden den Schwarzweissfotos aus Mexiko und Südamerika auf der einen Seite die Farbfotografien aus Nordamerika gegenübergestellt, die für diesen Anlass mit moderner Technik neu abgezogen und vergrössert wurden.

Reportagefotograf

Werner Bischof sah sich als Interpret fremder Lebensweisen. Auf seiner letzten Reise 1953/4 hatte er geplant, nach seinem Aufenthalt in New York mit dem Auto durch den ganzen Kontinent bis Feuerland zu fahren. Dort wollte er seinen Jeep aufs Schiff verfrachten, nach Kapstadt reisen und von dort aus Afrika in seiner ganzen Länge durchqueren und nach Europa zurückkehren – für damalige Verhältnisse ein exotischer, ja verrückter Plan. Ein Unfall durchkreuzte dieses Vorhaben: In Peru stürzte er mit seinem Geländewagen einen Hang hinunter. Er war gerade mal 38 Jahre alt geworden.

Zuvor hatte Bischof zwei Jahre in Asien fotografiert, er hatte den Auftrag erhalten, den Krieg in Indochina mit Bildern zu dokumentieren, wobei er die Wünsche seiner Auftraggeber nicht ganz erfüllte, denn typische Kriegsfotos waren nicht seine Sache. Bei seinen Auslandsreisen ging es ihm vielmehr darum, etwas zu erzählen, Land und Leuten in einer Reportage Raum zu geben. Am liebsten hätte er die Texte dazu selbst geschrieben. Er war überhaupt äusserst schreibfreudig, erzählt Marco Bischof. Jeden Tag schrieb er seiner Frau einen Brief, dazu führte er regelmässig Korrespondenzen mit Kollegen und mit seiner Fotoagentur Magnum. Die Reflexion über seine Arbeit war ihm ebenso wichtig wie das Fotografieren selbst. Zuweilen fertigte er sich zuerst eine Zeichnung an, bevor er auf den Auslöser drückte.

Seine Fotos erscheinen früh in Zeitschriften, DU hat auch mit ihm Format bekommen. Bischof schloss sich der 1947 gegründeten Agentur Magnum Photos an, die sich ihre eigenen Massstäbe für den Umgang mit Fotografie setzen wollte. Magnum-Fotografen verstanden sich als Abenteurer mit Ethik, erklärt Marco Bischof. Sie wollten über die Rechte auf ihre Fotos selbst bestimmen. Häufig beanspruchte damals der Verlag das Copyright für sich, sobald der Fotograf seine Fotos abgeliefert hatte. Wollte dieser seine Bilder später anderswo noch einmal verwenden, musste er sie zurückkaufen.

Oak Tree, Switzerland, around 1941. © Werner Bischof/Magnum Photos

Vielfältige Sujets

Werner Bischof hatte seine Ausbildung als Fotograf bei Hans Finsler in dessen erster Fotoklasse an der Kunstgewerbeschule in Zürich absolviert und eröffnete schon im Alter von 20 Jahren ein eigenes Fotostudio, wo er u.a. mit Modefotografie begann. Während des 2. Weltkriegs musste er Militärdienst leisten, auch dort sind Fotos entstanden. Die geniale Sichtweise des Fotografs zeigt sich beispielsweise an Aufnahmen der Schweizer Militärskibrigade: Der Schwung des Skifahrers beim Start ist perfekt eingefangen. Bewegung interessierte Bischof besonders am Menschen. Auch hier gehörte er zu den Pionieren: Er fotografierte Arbeiter während ihrer Tätigkeit am Arbeitsplatz, eine Serie, die er 1943 in der Zeitschrift DU veröffentlichen konnte.

Dazu experimentierte Werner Bischof gern. So finden wir „komponierte“ Bilder ebenso wie Fotoreportagen. Seifenblasen, Quecksilbertropfen oder einen Baum fotografierte er als grafische Kunstwerke. Auf den richtigen Ausschnitt und eine Form, die dem Sujet Halt gibt, legte er grossen Wert.

Sollte es erstaunen, dass diese Fotografien uns auch sechzig oder siebzig Jahren nach ihrem Entstehen immer noch beeindrucken? Nein, sicher nicht, Meisterwerke hatten schon immer über ihre Zeit hinaus Bestand. Eher stellen wir betroffen fest, dass ein so vielseitiger, faszinierender Mensch nur so wenig Lebenszeit für sein Werk zur Verfügung hatte.

Neben dieser Doppelausstellung Standpunkt und Helvetica, zeigt das Museum zum Thema ‚Anonymats d’aujourd’hui‘ aktuelle Fotoarbeiten vorwiegend jüngerer Künstler zum Spannungsfeld zwischen Massengesellschaft und Individuum.

Die Ausstellung im Musée de l’Elysée dauert bis zum 1. Mai 2016.

Katalog: Helvetica. Hrsg. von Daniel Girardin, Musée de l’Elysée Lausanne, Les Editions Noir sur Blanc 2016

 

 

 

Plakat der Ausstellung mit freundlicher Genehmigung des Museums