FrontKulturDada überall – Dada museal

Dada überall – Dada museal

Das Landesmuseum zeigt zum grossen Jubiläum 100 Jahre Dada seine universale Dadaismus-Version

Zum letzten Mal wird die Metallkiste im Hof des Landesmuseums als Container für eine Ausstellung genutzt, zum zweiten Mal vom Team Juri Steiner und Stefan Zweifel. Sie vertieften sich intensiv in Dada, der Antikriegs- und Antikunstbewegung von 1916, nachdem sie die vom Haus geforderte „Gesellenarbeit“ Expedition ins Glück 1900 bis 1914 cum laudausgeführt hatten.

Sophie Täuber-Arp, Porträt Hans Arp. 1918, Privatbesitz

Endete Expedition ins Glück mit dem Kanonendonner des ersten Weltkriegs, empfängt einen bei Dada universal der Gefechtslärm von 1916 gleich am Eingang – im Wechsel mit Hugo Balls Auftritt im Cabaret Voltaire im Kartonkostüm einLautgedicht deklamierend.

Die Eckdaten von Dada sind bekannt, zu Anfang des Dadajahrs, welches als gigantischer Event vermarktet werden wird, fast mehr als geläufig: Emigranten und Kriegsgegner, Intellektuelle und Künstler, gestrandet in Zürich, gründen das Cabaret Voltaire im Niederdorf. Allabendlich bringen sie eine optische, musikalische grelle und chaotische Collage auf die Bühne. Protagonisten sind neben dem Literaten und Dramatiker Hugo Ball seine Partnerin Emmy Hennings, Diseuse,Tristan Tzara und Marcel Janco, Hans Richter, und Richard Hülsenbeck. Später stossen Sophie Täuber als maskierte Ausdruckstänzerin (sie will ihren Brotberuf als Textilfachlehrerin nicht aufs Spiel setzen) und ihr späterer Mann, der Künstler Hans Arp als Bühnenbildner dazu. Die Antikriegs-, Antikunst- und Antivernunft-Bewegung wird zunächst mit Verblüffung und Protest aufgenommen, aber schon mit dem Dada-Manifest 1917 ist sie in Zürich salon- oder zunfthausfähig geworden. Nach dem Krieg tragen die Protagonisten Dada als wichtigste Avantgarde-Bewegung des 20. Jahrhunderts in die Metropolen der Welt hinaus.

Dada ist freilich nicht museal, Dada lebt, nicht nur zum Hundertjährigen in allen möglichenKulturtempeln der Stadt. Ausgerechnet im Landesmuseum, wo wir gemeinhin Artefakte wie Bauernstuben, Votivbilder, Waffen und alte Kachelöfen aus unserer Vergangenheit erwarten, wird uns Dada befreit von Zeit und Raum als ein Traum gezeigt, der immer wieder neu erfahren werden kann, der bis heute bei Kreativen aufscheint oder auch mal in einer Bewegung erwacht, die mit allen Traditionen aufräumt.

Erwin Blumenfeld, Marquis de Sade, 1921, Collage auf Papier.The Israel Museum, Jerusalem. 
© 2016 Henry & Yorick Blumenfeld and Yvette Blumenfeld Georges Deeton

Die Kuratoren Stefan Zweifel und Juri Steiner (auch Leiter und Kurator des Vereins zürich dada 100 2016) haben zusammen mit dem Szenografen Alex Harb eine Präsentationerfunden, die den historischen Dadaismus zwar gut belegt, aber zugleich aus der Ausstellung selber eine Dada-Veranstaltung macht. So kommen Besucher zu ihrem persönlichen Dada-Erlebnis, sofern sie – wie die Kuratoren wünschen – sich von der einen zur nächsten Station nach Lust und Laune bewegen, wie die Kugel im Flipperkasten. Achtzehn Stationen sind es, Glaskuben mit Dingen drin, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Das barocke Spektakel, welches auch Schöpfungsgeschichte des Dadaismus sein will, wird mit dem wachen Geist der Ausstellungsmacher intuitiv, intellektuell und sexuell aufgeladennachgebaut. Denn Dada ist von jungen Menschen erfunden worden, die das (Kunst-)Establishment und seine Werte zertrümmern, die aber auch exzessiv leben wollten. Deshalb gehören nebst der reichhaltigen Präsentation der Dada-Nachfolge in Paris auch ein Hinweis auf die Situationisten, die Symbolisten, auf Pop Art und Punk ebenso wie Demobilder aus Paris 1968 und Zürich 1980: diese Schau ist selbst eine dadaistische Collage.

Ausschnitt aus: Greta Knutson-Tzara, Tristan Tzara. Collagezeichnung 1928. Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung

Halt bietet zunächst das „wichtigste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts“, nämlich Marcel Duchamps Readymade Fountain, die bekannte Brunzschüssel, mit der Duchamps klar machte, alles sei Kunst. Aber wie geht man nebenan mit dem Skelett des Dodo-Vogels umrahmt von Grafiken des Hans Arp um? Oder mit einem alten Bekannten aus dem Landesmuseum, nämlich dem Jesus auf dem Esel, der seine Vitrine mit dadaistischen Blättern teilt? Ganz einfach: da geht es um das Pfingstwunder, das Lautgedicht, welches biblisch in Zungen reden heisst. Das Rauschhafte, Mystische gehört zur Menschheit, und die Dadaisten suchten die Ekstase als Mittel und Weg, die Vernunftlogik, welche zum Blutbad des Kriegs geführt hatte, zu zertrümmern.

Ein Chaos, so scheint es, sei diese Ausstellung, aber das soll auch so sein: „Dada erklären ist Dada zu Grabe tragen,“ so Stefan Zweifel. Rings um die Glasstationen gibt es an den schwarzen Wänden Screens mit Filmausschnitten und immer wieder Sprüche mit weisser Kreide hingeschmiert:Beim Monitor mit Demobildern aus der Zürcher Bewegig heisst es: „L’art est mort,“ Tristan Tzara 1919. Oder neben Hans Richters Filmexperiment steht Arthur Rimbaus Satz von 1870: „Ich liebe IDIOTische Gemälde.“ So passt auch unseren Nationalheld Wilhelm Tell als anarchistischer Idiot auf einem Grafikblatt aus dem 19. Jahrhundert dazu: Tell im Narrenkostüm, der seinen Hund die Gesslerhut-Stange markieren lässt. Das einer der vielen Hinweise auf die „Empörungskultur“, in der aller Protest, also auch Dada verpufft oder auch „kapitalisiert“ wird.

Blick in die Ausstellung im Landesmuseum

Von den Besuchern fordert der Parcours trotz interaktiver Hilfe bei jeder Station, sich einzulassen. Katalog gibt es keinen, es sei „besser für die Mythenbildung keine Spuren zu hinterlassen,“ sagen die Kuratoren. In einer Zeit, in der alles einfach konsumierbar ist – vom Unterrichtsmodul bis zum Kulturevent – ist es ein Geschenk, leicht überfordert aber höchst angeregt von dannen zu gehen.

Bei der Eröffnung der Feiern zum Dadajubliäum hielt Bundesrat Alain Berset die perfekt passende Rede
Landesmuseum: Dada universal bis 28. März
Kunsthaus Dadaglobe Reconstructed bis 1. Mai
Cabaret Voltaire Obsession Dada. 165 Feiertage

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